Blogbeitrag von Ulrich Hemel

Nachdenken über Heimat: Zwischen Zugehörigkeit und Einzigartigkeit

Heimat hat beides: Die Referenz auf eine lokale und kulturelle Herkunft, aber auch die Funktion, persönliche Identität zu stiften durch Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“

Heimat hat beides: Die Referenz auf eine lokale und kulturelle Herkunft, aber auch die Funktion, persönliche Identität zu stiften durch Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“

Für mich stecken dahinter die beiden großen anthropologischen Pole der „Zugehörigkeit“ und der „Einzigartigkeit“, der Verwurzelung in sozialen Gruppierungen wie Familie, Sprachgemeinschaften, Völkern und Kulturen einerseits und der Ausdruck unserer Personalität andererseits.

„Wo kommst Du her?“ – Das ist überall auf der Welt eine legitime Frage zur Einordnung in prägende Kontexte, in Denk- und Gefühlswelten, in dialektale Färbung und Wertorientierung in der Welt.

Trotzdem ist Heimat ein zutiefst dialektischer Begriff. Wenn das Prägende der Heimat zum Erdrücken individueller Eigenart führt, wenn Erstickung in der Enge von Konvention und nicht mehr hinterfragten Formen des Mit- und Gegeneinanders droht, dann greift eine Besonderheit in der menschlichen Entwicklung: nämlich das Ineinander von Identifikation und Distanzierung.

Sprache ist hier ein gutes Beispiel. Manch einer und manch eine spricht gerne den Heimatdialekt und empfindet die Hochsprache als äußerliche Last. Sie erlernen diese wie eine Fremdsprache, fühlen sich in ihr aber im Extremfall so unwohl wie in fremden Kleidern. Hier ist dann die Identifikation mit der Heimat sehr ausgeprägt.

Andere fühlen sich von Anfang an, aus welchen Gründen auch immer, nicht so zugehörig. Sie sprechen dann auch eher eine Variante der Hochsprache, vielleicht noch eingefärbt durch Einflüsse aus Familie und anderen Lebensstationen. Hier entsteht kein Heimatgefühl, weil eben die Distanzierung als Selbstausdruck der Persönlichkeit vorherrscht.

Aufgrund dieser Dialektik gibt es auch kein „Richtig“ und „Falsch“ im Umgang mit Heimat. Niemand ist verpflichtet, seine Heimat als den „schönsten Ort“ der Welt zu empfinden oder überhaupt positive Gefühle zu seinem lokalen Ursprung zu hegen. Umgekehrt sollte es auch niemand verwehrt sein, sich ganz besonders stark mit seiner Heimat zu identifizieren, über die Sprache, über die Pflege von Musik und Brauchtum bis hin zur Verwurzelung des gesamten Lebens „Vor Ort“.

Heimat wird dann zur besonderen Herausforderung, wenn sie fehlt. Dies kann Folge zahlreicher, vielleicht berufsbedingter Umzüge sein. In Zeiten des syrischen Bürgerkriegs werden wir aber auch daran erinnert, dass Heimatlosigkeit Folge von Flucht und Vertreibung sein kann. In diesem Fall gehört zur Erinnerung an Heimat zugleich der Schmerz über deren Verlust, vielleicht auch die schrittweise Überwindung von Traumata. Dabei gilt: Heimatlosigkeit muss die Kraft persönlicher Identität nicht mindern, wenn andere Quellen von Identität verfügbar sind. Anders gesagt: Es gibt auch gut funktionierende „Luftwurzeln“.

Die Überwindung von Traumata und des Schmerzes von Heimatverlust gelingt nicht immer. Es geht dabei aber auch um eine Frage an die inneren Kräfte in einer Person und die Hilfestellungen, die ihr zuteilwerden können. Denn ganz am Ende sind wir darauf angewiesen, unser Leben zu leben, so gut wie wir es vermögen. Und dazu gehört die emotionale und intellektuelle Kraft zur Identifikation und zur Distanzierung, letztlich die Antwort auf die Frage, wer ich bin und wer ich sein will.

Diese Fähigkeit der Selbstbildung verweist letztlich auf den inneren Kern einer Person, auf das, was ich „inneres Selbst“ nenne. Unser inneres Selbst ist die Quelle für unsere Fähigkeit zur Selbststeuerung, zum Treffen lebenswichtiger Entscheidungen auf unserem Weg durch die eigene Lebenszeit. Zu diesen Entscheidungen gehört auch die innere Stellungnahme zum Grad der Verbundenheit mit der eigenen Herkunft, also der Stärke unseres ganz persönlichen, individuellen Heimatgefühls. Und hier sind ganz unterschiedliche Ausprägungen möglich, erlaubt und persönlich sinnvoll!

 


 

Vgl. auch Ulrich Hemel, Heimat und personale Selbstbildung: eine pädagogische Reflexion, in:  Ulrich Hemel, Jürgen Manemann (Hrsg.), Heimat finden- Heimat erfinden; Politisch-philosophische Perspektiven,  Freiburg/Br.: Fink-Verlag, 157-173