Blogbeitrag von Holger Zaborowski 

Nachdenken über Heimat: heimatliche Aufgehobenheit

Wo Menschen einem nahe sind – nicht bloß äußerlich, sondern innerlich –, da ereignet sich Heimat.

Wenn man über Heimat spricht, dann stehen oft die Orte und Räume menschlicher Existenz im Vordergrund: Heimat, das ist manchmal ein ganzes Land, ein anderes Mal eine vertraute Region, der Ort, an dem man aufgewachsen ist, das Haus der Eltern, gut bekannte Straßen und Wege, das Ufer eines Sees oder die fernen Höhen massiver Gebirge. Für manche Menschen ist Heimat das Dorf mit einer mittelalterlichen Kirche, daneben der kleine Friedhof, auf dem die Vorfahren liegen. Für andere ist es die Stadt, in der sie aufgewachsen sind oder die sie sie mit schicksalhaften Erinnerungen verbinden. Oder es ist jener Kiez, jener Stadtteil, den man nie verlassen hat, ja, den man nie, ohne seine Identität zu verraten, verlassen könnte. Oft auch sind ein bestimmtes Klima, der Klang der Muttersprache oder der Geschmack von Getränken und Speisen mit heimatlichen Erinnerungen verbunden. Selbst ein alter Stuhl, eine CD oder eine vergilbte Fotografie können Heimat schenken. Alles kann irgendwie zur Heimat werden.

 

Heimat, das ist das Geschenk von Geborgenheit. Sie bewahrt Vergangenes, schützt in der Gegenwart und verspricht eine gute Zukunft. Aber sie ist auch fragil, die Heimat. Manche Menschen werden gezwungen, ihre Heimat, den geographischen Ort, an dem sie sich zuhause fühlten, zu verlassen, und dürfen nie zurückkehren. Andere machen sich freiwillig auf den Weg, um Neuland zu entdecken. Sie hängen nicht am Vertrauten, sondern wagen Schritte ins Unbekannte. Nicht selten zerbricht die Heimat innerlich, von einem Tag auf den anderen, unvorhersehbar, ohne dass sich äußerlich etwas geändert hätte. Man fühlt sich fremd. Wo gestern noch alles vertraut war, fühlt man sich heute unbehaust, ausgegrenzt, verunsichert. Die Welt, in der es sich so gut, so heimatlich wohnen ließ, ist kalt geworden. Und wenn eine „heimatliche“ Zeit oder Epoche endet, fühlt man sich aus der Zeit gefallen. Nostalgie, eine schmerzhafte Sehnsucht nach Rückkehr in die verlorene Heimat, durchstimmt nun das Leben. Einzig der Tod, so paradox das klingt, scheint eine neue Heimat stiften zu können.

 

Zu einem unwirtlichen Ort, zu einem Unort, ist nun das geworden, was einst es möglich gemacht hat, sich zu verorten. Die Lebenskoordinaten geraten in Unordnung. Orientierungslos geworden versucht man erneut, Fuß zu fassen. Aber wohin soll man gehen? Und wo darf man ruhen und verweilen? Als Heimatloser irrt man durch die Welt. Es bleibt die Hoffnung, sich wieder einmal irgendwo beheimaten zu können. Doch kann es gerade auch in den Momenten tief empfundener Heimatlosigkeit passieren, dass man noch einmal neu auf Erden ein Zuhause findet. Was abweisend schien, spricht einen plötzlich an und zeigt ein immer vertrauter werdendes Gesicht. So plötzlich, wie die Heimat verstummen und sich entziehen kann, spricht sie sich uns manchmal auch wieder zu.

 

Heimat scheint zunächst etwas rein Äußerliches zu sein: ein Ort, ein Raum, eine Zeit oder Epoche. Sich nach Heimat zu sehnen, ist zutiefst menschlich. Denn Menschen leben nicht im Abstrakten, sondern in konkreten räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen. Sie wollen nicht nur wissen, wie etwas oder sogar alles zusammengehört; sie wollen auch wissen, in welchem Zusammenhang sie selbst stehen – und dass es gut ist, wo und wann sie leben. Ohne Heimat – zumindest als Sehnsuchtsraum – gibt es keine menschliche Identität.

 

Doch ist das Verlangen nach heimatlicher Aufgehobenheit auf einer viel tieferen Ebene etwas zutiefst Menschliches. Denn so sehr man sein Herz auch der nicht-menschlichen Welt öffnen und schenken kann, so geht es einem letztlich erst in der Nähe anderer Menschen vollends auf. Es gibt Menschen, in deren Gegenwart man sich zuhause fühlt – egal, wo man sich gerade geographisch befindet. Manchmal ist die physische Präsenz dieser Menschen noch nicht einmal notwendig. Ein Brief oder Bild kann uns an sie erinnern und uns ein Gefühl von Heimat geben. Wo Menschen einem nahe sind – nicht bloß äußerlich, sondern innerlich –, da ereignet sich Heimat. Denn Heimat ist eben nicht nur etwas Äußeres, sondern ein Geschehen, eine Beziehung zwischen Menschen. Nähe zwischen Menschen, Zwischen- und Mitmenschlichkeit, das ist vielleicht ein anderes Wort für Heimat.

 

Ob die Menschen, die in diesen Jahren nach Europa fliehen, jemals wieder Heimat finden – sei es dort, woher sie gekommen sind, oder dort, wohin es sie getrieben hat –, hängt nicht allein, ja, noch nicht einmal vorrangig von äußeren Faktoren ab. Es hängt, so wichtig die äußere Heimat ist, sehr stark von den Menschen ab, denen sie begegnen, davon, ob ihnen mit Wohlwollen und Freundlichkeit oder mit Gleichgültigkeit oder Indifferenz begegnet wird, ob man sich ihnen gegenüber verschließt und Distanz einnimmt oder ob man sich ihnen öffnet und sie nahe kommen lässt. Das beginnt mit einem freundlichen Blick, einer praktischen Hilfestellung im Alltag. Allein solche selbstverständlichen kleinen Gesten können schon den heimatlos Gewordenen die Hoffnung geben, nicht ganz verloren zu sein.