Blogbeitrag von Sara Dürr

Kriegserfahrung und ihr Einfluss auf die Bilder der syrischen Heimat

Doch wie erinnern geflüchtete Menschen ihr vom Krieg verletztes gar zerstörtes Herkunftsland? Was machen Kriegserfahrung und Flucht mit den Bildern von Heimat in ihren Köpfen?

Die Berichterstattung über den syrischen Bürgerkrieg, die uns täglich über die Medien erreicht, zeichnet ein trostloses Bild von Syrien. Das Land ist kaputt, müde und verloren. Doch wie erinnern geflüchtete Menschen ihr vom Krieg verletztes gar zerstörtes Herkunftsland? Was machen Kriegserfahrung und Flucht mit den Bildern von Heimat in ihren Köpfen?

 

Die Bilder, die mir meine syrischen Freunde von ihrer alten Heimat Damaskus zeichnen, sind verführerisch: Prachtvolle Häuser mit sorgfältig ausgeführten Wandmalereien, grüne Innenhöfe mit lauschigen Schattenplätzen, in der Mitte ein Brunnen, der plätschert. Auf der Strasse spielt sich tagein tagaus das geschäftige Leben ab. Am Vormittag klingt die umarmende Stimme von Fairuz aus allen Wohnzimmerfenstern. Während des Ramadan sitzen die Menschen abends gemeinsam draussen und teilen das Abendessen. Es wird gegessen, getrunken und gelacht. Neben diesen friedlich und romantisch anmutenden Ausführungen sind da aber auch die anderen Bilder. Beschreibungen vom zerstörten Haus, in dem man aufgewachsen ist und Geschäfte betrieben hat; von Helikoptern, die unaufhörlich über die Dächer der Stadt schwirrten. Erinnerungen an geliebte Menschen, die man eben noch auf der Strasse angetroffen hatte und die ein wenig später im Nebel eines Bombeneinschlages verschwanden. Schilderungen von eiskalten Nächten, fehlendem Wasser, provisorischen Unterkünften und engen 1-Zimmer-Wohnungen im Libanon, wohin viele flüchteten, in der Hoffnung, bald wieder nach Syrien zurückkehren zu können.

 

Als ein verlorenes Paradies. So scheint mir, beschreiben meine Freunde ihre syrische Heimat. Zum einen ist da die grosse Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Und die Angst, weil ja höchstwahrscheinlich noch immer ein Teil der Familie dort lebt und ausharrt. Zum anderen sind da diese ästhetischen und sinnlichen Bilder, die ein Gefühl der vertrauten und sicheren Heimat vermitteln. Diese Bilder werden zum Teil idealisiert und romantisiert, sind sicher auch ein Ergebnis davon, wie die Erinnerung an das kulturgeschichtlich reiche Syrien medial vermittelt wird, doch die Erinnerung jedes einzelnen an konkrete Situationen und Begegnungen mit Menschen werden in diese sinnlich anmutende Atmosphäre eingeflochten und schaffen somit Vertrautheit. Sinnliche Reize, die durch Musik oder Gerüche ausgelöst werden, schaffen nicht nur Vertrauen, sondern auch Verhaltenssicherheit: Menschen wissen, wie sie sich und wie sich andere verhalten. Die Erinnerung an Heimat ist dann ein Raum, in dem Geborgenheit und sozialer Rückhalt erfahren werden. Doch die Kriegs- und Fluchterfahrung bringt auch sinnliche Erfahrungen mit sich, die von existentieller Not handeln und jedes Wissen oder Vorherahnen, wie man sich und andere zu verhalten haben, unmöglich machen. Die Bilder, die von der syrischen Heimat gezeichnet werden, sind somit sehnsuchtsvoll, aber zugleich stark verstörend.