Blogbeitrag von Sönke Friedreich

Keine „Heimat“ zu haben, muss man sich leisten können

Dass „Heimat“ sich nur unter Schwierigkeiten von ihrem Ortsbezug lösen lässt, wird vor allem daran deutlich, dass es insbesondere räumliche Ortsveränderungen sind, die „Heimat“ als Problem erscheinen lassen.

In der gegenwärtigen Diskussion um „Heimat“ ist, um jedweden reaktionären, aus- und abgrenzenden Tendenzen entgegenzutreten, häufig von der Ortlosigkeit der „Heimat“ die Rede. Man solle von „Beheimatung“, von „Zuhause“ oder „Herkunft“ sprechen statt von „Heimat“, Heimat sei ein Gefühl und kein Ort, Heimat sei überall, Heimat sei gemacht, Heimat sei dort, wo es mir gut geht usw. So ehrenhaft diese dekonstruktivistischen Bemühungen auch sein mögen, gehen sie doch an der Tatsache vorbei, dass die überwiegende gesellschaftliche Mehrheit ihre Heimat weiterhin an geografischen Orten sucht: vorzugsweise den Orten der Kindheit und der Adoleszenz, nicht selten verbunden mit Reminiszenzen an das Nahumfeld, in dem man sich einst bewegt hat oder in dem sich gegenwärtig der Lebensmittelpunkt befindet. Nicht umsonst bezieht sich auch die kommerzielle Werbung in diesem Zusammenhang auf geografische Orte und Räume – „Heimat“ meint dann das Bekannte, Vertraute, Erreichbare, alles, was im alltäglichen Erfahrungskreis eingeschlossen ist (und aus „heimischer“ Produktion stammt). Als Parallelbegriff zur Globalisierung funktioniert „Heimat“ nur, wenn ein abgegrenzter, überschaubarer und erlebbarer Raum gemeint ist, den ich leiblich erfahren kann. So mag es vielleicht erwünscht sein, neue normative Setzungen für den Begriff vorzunehmen, man sollte sie aber nicht mit lebensweltlichen Positionen verwechseln.

 

Dass „Heimat“ sich nur unter Schwierigkeiten von ihrem Ortsbezug lösen lässt, wird vor allem daran deutlich, dass es insbesondere räumliche Ortsveränderungen sind, die „Heimat“ als Problem erscheinen lassen. So ist das Thema vor allem in jenen gesellschaftlichen Gruppen wichtiger Diskursgegenstand, die erzwungenermaßen migrieren – salopp gesagt: keine „Heimat“ zu haben, muss man sich leisten können. Wer heute das Verlangen nach einer orts- oder raumbezogenen Zugehörigkeit in Abrede stellt, verleugnet die diesem Bedürfnis zugrundeliegende politische, soziale und ökonomische Ungleichheit.

 

Hilfreich ist in diesem Zusammenhang  ein Blick auf solche Regionen, die sich historisch zu besonders „heimatträchtigen“ Gebieten entwickelt haben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verließen immer mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit und einer Verbesserung ihrer Lebensbedingungen, nicht selten aus blanker Not ihre Herkunftsregionen und wanderten dorthin, wo sich ihnen Zukunftschancen boten. Auf diese Weise kam es in Europa zu massiven Bevölkerungsumschichtungen von Gebirgsregionen und dem ländlichen Raum hin zu Industriezentren und Großstädten. In diesem Kontext wurde „Heimat“ im deutschsprachigen Raum erst zu einem gängigen Schlagwort: als Chiffre eines Identitätswechsels, aber auch als Aufwertungsstrategie für die Peripherien der Moderne. Regionen wie das sächsische Erzgebirge entwickelten sich zu Inkarnationen von „Heimat“, zunächst aus der Sicht der Großstädter, die dort eine faszinierende, altertümliche, mit vormodernen Relikten gespickte „Volkskultur“ zu finden meinten, dann auch in der Wahrnehmung der Bewohner der peripheren Region selbst. Die vermeintliche Rückständigkeit, die sich im „Haamitland Arzgebirg“ und vergleichbaren Regionen findet, wird im 21. Jahrhundert erfolgreich vermarktet, denn hier findet man die heile Welt scheinbar wirklich noch – hier gibt es mehr „Heimat“ als anderswo.

 

Letztlich verweist „Heimat“ somit historisch gesehen auf biografisierte soziale Schieflagen, die gleichsam als Ortsbewusstsein sedimentieren. Die Vehemenz, mit der „Heimat“ heute eingefordert oder abgelehnt wird, basiert (vergleichbar mit dem Begriff des „Volkes“) gleichsam auf einem doppelten Vorurteil – gegenüber der Entfremdung in der Spätmoderne wie auch gegenüber jenen, die sich ihr zu entziehen versuchen. Damit wird es schwierig zu argumentieren, „Heimat“ finde man überall – es gibt durchaus ein Mehr oder Weniger. Jene Orte aber, an denen besonders eifrig um „Heimat“ gekämpft wird (seien es die ostdeutschen Bundesländer, die Krim oder die Südstaaten der USA, seien es Heimatmuseen oder Verbände des Heimatschutzes), gilt es unter die Lupe zu nehmen, will man etwas über gegenwärtige gesellschaftliche Konfliktlagen erfahren.

 


 

Literatur

Bausinger, Hermann (2001): Heimat und Globalisierung. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 55, S. 121-135.

Friedreich, Sönke (2010): Die Entstehung des Heimatgedankens aus der Mobilität. In: Manfred Seifert (Hg.): Zwischen Emotion und Kalkül. ‚Heimat‘ als Argument im Prozess der Moderne, Leipzig, S. 87-101.

Klose, Joachim (2013): Heimatschichten. In: Ders. (Hg.): Heimatschichten. Anthropologische Grundlegung eines Weltverhältnisses, Wiesbaden, S. 19-44.