Blogbeitrag von Brigitte Rauschenbach

Jenseits von Heimat: Globalisierung entlässt ihre Kinder

Heimat wird vielfach mit Gefühlen assoziiert: Menschen lieben ihre Heimat, fühlen sich in ihr geborgen oder bedroht, sehnen sich nach ihr und haben gar Heimweh. Eben diese Gefühlsdimension verstellt oft den Blick auf die ursprüngliche Bedeutung von Heimat als eines materiell hochsignifikanten Rechts- und Eigentumstitels.

Spätestens seit dem verstörenden Erfolg einer sich alternativ nennenden rechtspopulistischen Partei bei den bundesdeutschen Wahlen (und nicht nur hier) hat die Politik, sekundiert von den Medien, Heimat als eine politische Ressource entdeckt. Der deutsche Bundespräsident, ein Sozialdemokrat, stellte den Begriff als Verständigungsangebot geradezu ins Zentrum seiner Ansprache zum Tag der Deutschen Einheit, die Fraktionsvorsitzende der bundesdeutschen Grünen plädierte auf deren Parteitag in Liebe zu ihrem Land für eine positive Besetzung des Heimatbegriffs und die ohnehin heimatnahen Konservativen fordern gar ein Heimatministerium, vordergründig um den abgehängten Regionen mehr Gewicht zu verleihen, vor allem aber um abgewanderte Wählerstimmen zurückzuerobern. Der Heimatgedanke ist nach fast drei Jahrzehnten im deutschen Sprachraum auf der Agenda zurück und das ist Grund genug, sowohl über das Thema als auch über die Ursachen seiner Hochkonjunktur nachzudenken. Meine These ist: Beides hängt eng miteinander zusammen.

Heimat wird vielfach mit Gefühlen assoziiert: Menschen lieben ihre Heimat, fühlen sich in ihr geborgen oder bedroht, sehnen sich nach ihr und haben gar Heimweh. Eben diese Gefühlsdimension verstellt oft den Blick auf die ursprüngliche Bedeutung von Heimat als eines materiell hochsignifikanten Rechts- und Eigentumstitels. Heimat war jahrhundertlang ein juridischer Begriff, der die wirtschaftlichen Befugnisse von Menschen im Rahmen lokal definierter Grenzen definierte. Eine Heimat hat man. Die Heimat war der Hof, der Hof war die Heimat; erst das Heimatrecht in seinen unterschiedlichen Länder- und Regionalvarianten eröffnete den Anspruch auf dauerhaften Aufenthalt, auf den Erwerb von Grundbesitz, zur Ausübung eines Gewerbes oder im Notfall auf gemeinschaftliche Unterstützung (etwa, wie lange in der Schweiz, auf Holzzuteilung), war also eine Art Sozialversicherung, und die hatte eben nicht jede und jeder. Nie galt das Heimatrecht in welchem Land und welcher Gemeinde auch immer für alle. Per Definitionem ist Heimat exklusiv. Nur wer zu ihr gehörte, war im Bleiberecht und somit privilegiert. Notgedrungen mussten die anderen, die heimat- und mittellos waren, anderweitig sehen, wie sie ihr Auskommen finden oder von dannen gehen. Davon zeugen die großen Auswanderungswellen nach Übersee im 19. Jahrhundert. Die Ressourcen der Heimat waren stets begrenzt.

Die europäische und insbesondere die deutsche Geschichte kennt unterschiedliche Zwangslagen des Aufbruchs: Auswanderung aus wirtschaftlicher Not, Emigration wegen politischer und rassistischer Verfolgung, Flucht aufgrund von Vertreibung in und nach Kriegen. Unübersehbar ist der Heimatbegriff mit Erfahrungen des Heimatloswerdens eng verschränkt. Über Heimat redet, wer sie verließ – möglicherweise für immer –, wer erlebt oder befürchtet, dass sie zerstört wird oder von Zerstörung bedroht ist. Waren es nach Kriegsende die sogenannten Heimatvertriebenen, die auf dem Recht auf Heimat (und Hof) beharrten, sorgt in den 70er Jahren der Strukturwandel auf dem Lande für Sehnsüchte nach unbeschädigter Heimatlichkeit, während es 1989 kurioserweise die weglaufenden Bürger und Bürgerinnen der DDR sind, denen die gestrig Zurückbleibenden nachrufen, nicht ihrer sicheren Heimat den Rücken zu kehren. Heimat als ein zu Herzen gehender, also empfundener Wert entsteht jenseits von Heimat und nicht in ihr. Sicherheit vormachend ist sie doch Kennzeichen einer Welt, die nicht zusammen hält und somit Symptom eines Defizits. Heimat ist Projektion und wie jede Projektion affektgeladen. Das genau macht die Emotionalität in der Rede über Heimat aus. Sie zeugt von Sehnsüchten, Sorgen, Ängsten, Vorurteilen und Abwehr, auch vom Vorwurf, dass soziale Versprechen außer Kraft gesetzt wurden (oder die Gefahr besteht, dass dies geschieht). Dementsprechend wurde Heimat als gefühlte Rechtfertigung gegen die Gefahr einer Erschöpfung unserer sozialen Sicherungssysteme durch Heimatflüchtlinge aus aller Welt neu entdeckt. Fast unmerklich hat sich dabei ein Paradigmenwechsel vollzogen. Während in den endsechziger und frühen siebziger Jahren der intellektuelle Einspruch gegen die Entfremdung in der Arbeit eine antikapitalistische Alternativbewegung hervorbrachte, ist die Furcht vor Überfremdung heute der wichtigste Beweggrund für nationalistisch gesinnte und sich als Alternative zur Globalisierung anbiedernde Parteien.

Zuerst schleichend, doch bald im beschleunigten Krisenmodus haben sich die Logiken der Argumentation und Wertsetzungen verkehrt. Die Globalisierung mit der Verheißung der unbegrenzten Freiheit, derer sich alle erfreuen, schlägt kleinräumig zurück. Nach dem Fall der Mauer zog der Westen aus, die Welt seinem Markterfolgsmodell untertan zu machen; nun überrollt eine Welle von Flüchtigen aus der untertanen Welt die ungeschützten Gestade des offenen Westens. Es kommen die illegitimen Kinder der Globalisierung, machen gar ihr Menschenrecht geltend – aber wo gäbe es Menschenrechte für die, die vor Armut fliehen? Es sind ihrer zu viele, nicht primär, weil es angesichts der demographischen Entwicklung zahlenmäßig zu viele sind, sondern weil die Ankömmlinge uns aus der erworbenen Vertrautheit vertreiben und damit die eigene Welt fremd werden lassen. Nun scheint die ganze Welt heimatlos. Das erzeugt Sehnsucht nach Heimat.

Darum ist auch nichts an dem Vorsatz falsch, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Nur müsste die Politik sich vorerst „ehrlich machen“,, wie es der deutsche Bundespräsident jüngst verlangte, was genau diese richtige Forderung impliziert. Welchen Anteil hat die Politik des reichen Westens am globalen Heimatloswerden? Was bieten diejenigen, die sich heute hinter einem Recht auf ihre Heimat verschanzen, zur Lösung der globalen Probleme an? Es ist wahr, dass niemand mit allen Menschen emotional verbunden sein kann. „Wir zuerst“ ist phänomenologisch plausibel. Umso mehr wäre begreiflich zu machen, und darum bedürfte es dieses ersten gleichsam philosophischen Schrittes, dass in einer unumkehrbar zusammengewachsenen Welt der Schutz der Heimat zuvörderst den Schutz der schon Heimatlosen voraussetzt. Was anderes kann der Kampf gegen die Fluchtursachen bedeuten, als die Welt jenseits von Heimat heimisch und bewohnbar für alle zu machen?