Blogbeitrag von Ilma Rakusa

Heimaten teilen

Warum nur wollen alle über Heimat reden?

Warum nur wollen alle über Heimat reden? Das Thema ist allgegenwärtig, sickert in jede Bewusstseinsritze, wird in Ausstellungen, Anthologien und Podiumsrunden abgehandelt. Als ginge es um Orientierungshilfe, um Standortbestimmung, um Identitätsfindung. Lässt die "grenzenlose" Globalisierung das Bedürfnis nach Heimat virulent werden? Sind es die Ströme von Migranten, die - auf dem Weg nach Europa - für das Thema sensibilisieren? Nationalisten wollen "ihre" Heimat gegen den Ansturm der "Fremden" verteidigen und spielen gekonnt auf der Klaviatur heimischer Behaglichkeit.

Heimat, was ist sie? Ein Gefühl, eine Erinnerung an ferne Kindheitstage, eine Sehnsucht, eine Utopie? Wer sie auf einen Ort festlegt, riskiert, unglücklich zu werden. Der Mensch ist ein Wanderwesen, meist suchend unterwegs. Und oft genug durch Umstände gezwungen, seinem Geburtsort den Rücken zu kehren. Ich bin selbst ein Kind früher Umzüge: Rimavská Sobota, Budapest, Ljubljana, Triest. Dies alles in den ersten fünf Lebensjahren. Im Gepäck hatte ich drei Sprachen und als Spielzeugersatz einen Pelzhandschuh. Habe ich etwas vermisst? Nein. Höchstens das Meer, als wir nach Zürich zogen. Dann lernte ich lesen und entdeckte die Welt der Bücher. Sie entschädigte für fast alles, erwies sich als faszinierendes Neuland und als wahres Abenteuer.

Wurzeln? Habe ich keine, es sei denn, in mir selbst. Ich mag es jedem gönnen, der an seinem Geburtsort hängt, an einem bestimmten Haus, Garten, Fluss usw. Die "engste" Heimat mag beruhigen und versöhnen, mag Geborgenheit vermitteln. Doch täusche man sich nicht: auf Orte allein ist kein Verlass. Geschweige denn auf Fahnen und Nationalhymnen, den ganzen patriotischen Zauber.

Letzten Endes sind es Menschen, die uns ein Heimatgefühl vermitteln: Vater, Mutter, Sohn und Tochter, Partner, Freunde, Seelenverwandte. Du streichelst dein Kind, du bist ihm ein Zuhause. Und weisst, wo du hingehörst. Du bringst ihm eine Sprache bei (vielleicht auch zwei) sowie Verhaltensregeln und Codes, die es brauchen wird. Codes unterscheiden sich, wie sich Speisen unterscheiden. Mit einigen sind wir vertraut, mit anderen nicht. Vertrautheit ist bequem, dispensiert aber nicht von der Lernbereitschaft. Das Gebot der Stunde heisst: lernen, beweglich sein.

Wer behauptet, Heimat zu haben, stimmt mich skeptisch. Was soll das "haben", der Besitz? Heimat ist ein work in progress, wir schaffen uns Heimat. Durch Beziehungen (Freundschaft, Liebe, Mutterschaft), durch die Arbeit, durch den Glauben (wem es gegeben ist). Was bedeutet, dass wir es nicht mit Heimat in der Einzahl, sondern mit Heimaten in der Mehrzahl zu tun haben.

Zu meinen Heimaten zählen: mein Sohn, die Literatur und Musik, die deutsche Sprache, der Braunkohlegeruch meiner Kindheit, das Meer bei Triest, die österreichisch-ungarische Küche, Freunde in aller Welt und meine Wenigkeit (das "Ichreich"), denn Obdach gewährt man sich letztlich selbst. Ach ja, und die Bücher, die mein Haus zur Bibliothek machen, so dass ich mich auch in schlaflosen Stunden nicht langweile.

Diese Litanei ist selbstredend persönlich, mit ihr lässt sich Heimat nicht definieren. Oder nur subjektiv. Ein syrischer Flüchtling "on the road", der nichts als sein blosses Leben zu retten versucht, findet Zuflucht wohl nur in seinen Träumen. Bis sich neue, hellere Perspektiven auftun. Und er eines Tages vielleicht lächelnd von Heimaten sprechen kann.

Am Konzept der "Heimaten" gefällt mir, dass Hierarchien, Alleinstellungsmerkmale u.ä. keine Rolle spielen. Auch keine nationalen (nationalistischen) Abschottungstendenzen. Die Mehrzahl zielt auf Offenheit und Flexibilität. Was heisst: Auch du, Fremder, kannst mir Heimat sein. Vergessen wir Grenzen, Zölle, Pässe, vergessen wir das atavistische territoriale Denken. Lieber einen Geruch lieben als ein Land, das mindert das Blutvergiessen.

Im Begriff einer pluralischen Heimat schwingt mit, dass es die Heimat als Selbstverständlichkeit nicht geben kann, und somit auch keinen exklusiven Anspruch auf sie. Beharren wir also nicht auf dem Recht des Habens, das andere a priori ausschliesst. Schaffen wir Heimat aus dem Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit, nach Freundschaft und Liebe. Und nennen wir sie partizipativ. Denn dieses Bedürfnis teilen wir mit vielen.

Keine Frage, Zugehörigkeiten sind wichtig, wir sind soziale Wesen mit Emotionen. Nur sollten wir Zugehörigkeit nicht zu eng definieren. Wer sagt, dass mir das Land meiner Geburt näher sein muss als eine Wahlheimat. Wer kann mich hindern, nach einem mir gemässen Umfeld zu suchen. Zumal ohne mein Zutun Heimat zur Fata Morgana wird, zu einem ewig ungreifbaren Sehnsuchtsort.

Da sitze ich, sehe durchs Fenster in meinen sattgrünen Garten, der mich kennt, so wie ich ihn kenne. Es ist gut, zu Hause zu sein. Gut nach den vielen Reisen. Vorbei das anonyme Gewusel der Bahnhöfe und Flughäfen, in der Stille meiner vier Wände komme ich zur Ruhe, zu mir selbst. Um mir in eben dieser Stille bewusst zu machen, dass gerade jetzt, in dieser Minute, Tausende übers Mittelmeer nach Europa flüchten, in der Hoffnung auf Rettung und eine menschenwürdige Zukunft. Heimatenttäuschte, Heimatvertriebene. Das nackte Leben ist alles, was sie haben.

Ich wünsche ihnen Aufnahme. Zeichen der Zugewandtheit, aus denen ein Gefühl der Zugehörigkeit erwachsen kann. Und uns keine falschen Berührungsängste. Heimaten teilen, sollte das Losungswort sein. Für lange Zeit.