Blogbeitrag von Hans-Joachim Höhn

Heimat zwischen Exklusion und Inklusion

Damit beginnt eine Reihe von Exklusion/Inklusion-Paradoxien: Um im Aufnahmeland dauerhaft Schutz zu finden, müssen Verfolgte auf Unterschiede aufmerksam machen, die im Herkunftsland identitätsstiftend und lebensgefährdend waren.

Flüchtlinge und Asylanten sind mit wenig Gepäck unterwegs. Ihre Besitztümer, die sich nicht zu Geld machen lassen, müssen sie zurücklassen. Oft können sie kaum mehr als das nackte Leben retten. Aber auch dann sind sie nicht völlig ohne Hab und Gut.  Zu den verbliebenen Habseligkeiten zählt nicht, was sie in einem Koffer mit sich herumtragen können, sondern was sie in ihrem Leben trägt. Was sie in ihr Aufnahmeland mitbringen, ist all das, was man ihnen nicht nehmen kann: Biographische Prägungen und ethnische Zugehörigkeiten, normative Überzeugungen und religiöse Bekenntnisse. Vielfach sind damit auch die Merkmale ihrer Identität verbunden – und ihre Fluchtgründe. In ihrem Herkunftsland machen sie die Erfahrung, dass man ihnen bestreitet, woran sie ihre Identität festmachen. Ein Unterschied in der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit, die ihre Identität (mit)bestimmt, wird für sie lebensgefährlich. Aber er kann sich als lebensrettend bei der Einreise nach Europa erweisen, wenn er als hinreichender Asylgrund anerkannt wird.

Damit beginnt eine Reihe von Exklusion/Inklusion-Paradoxien: Um im Aufnahmeland dauerhaft Schutz zu finden, müssen Verfolgte auf Unterschiede aufmerksam machen, die im Herkunftsland identitätsstiftend und lebensgefährdend waren. Um aber im Aufnahmeland auf Dauer bleiben zu können, müssen sie sich darauf einstellen, dass ihre identitätsstiftenden Unterschiede fortan nur begrenzt Beachtung finden. Von nun an wird von ihnen erwartet, dass sie sich an einem Ethos der Menschenwürde orientieren, das jeden Unterschied zwischen Menschen in den Horizont einer je größeren Gleichheit und Gemeinsamkeit aller Menschen relativiert. Flüchtlinge und Asylanten werden damit konfrontiert, dass derselbe identitätsstiftende Unterschied, der im Herkunftsland zur Exklusion und Desintegration führte, im Aufnahmeland zwar anerkannt und respektiert wird, auf Dauer aber als ein Integrationshemmnis wahrgenommen wird, wenn er nicht mit dem Gedanken der Gleichstellung und Gleichbehandlung anderer Menschen mit anderen identitätsstiftenden Unterschieden vereinbar ist. Denn die Einsicht, dass in der Logik des Unterscheidens auch die Versuchung zur Diskriminierung steckt, hat in der Moderne zur Ausbildung eines Ethos der Gleichheit aller Menschen geführt. Dessen Geltung müssen alle Bürger/innen ebenso im Blick haben wie ihre individuellen Grund- und Freiheitsrechte. Ist unter dieser Rücksicht denkbar, dass die fortwährende Anerkennung des Verschiedenseins als identitätswahrende Maßnahme gegenüber Flüchtlingen auf Dauer ihre Integration in die sie aufnehmende Gesellschaft verhindert?

Allerdings gehört zum Ethos moderner Gesellschaften ebenso die Einsicht, dass die Wahrung von Identität auch die Anerkennung von Unterschieden impliziert. Denn an ihnen lassen sich Selbstsein und Eigensein festmachen. Unverwechselbarkeit und Freiheit eines Menschen haben mit seiner wohltuenden Verschiedenheit von Anderen zu tun. Das heißt aber nicht, dass Unterschiede primär wohltuend und stets identitätsstiftend sind. Es kommt zunächst darauf an, wer sie vornimmt. Im Vorteil sind dabei Personen und Gruppen, welche die Definitionshoheit haben. Prekär wird es für jene, die sich von anderen sagen lassen müssen, worin sie ihnen nicht gleich sind und warum sie mit ihnen nicht gleichauf sein können. Wer nicht das ist (oder sein soll/darf), was die anderen auch sind, kann darin einen Grund sehen, dass ihm/ihr Gleichstellung und Gleichberechtigung vorenthalten werden. Die Alltagserfahrung zeigt: Eine Betonung von Unterschieden zieht oft Unterscheidungen nach sich, die zu Asymmetrien führt. Asymmetrische Freiheit aber ist aufgehobene Freiheit.

Vor diesem Hintergrund ergeben sich zahlreiche Fragen, die aktuell den philosophischen Diskurs um die Aufnahme von Flüchtlingen, Asylanten und Migranten bestimmen: Wie lassen sich kontraproduktive Effekte einer identitätssensiblen Integrationspolitik verhindern? Inwieweit ist es möglich, dass Einheimische und Zugezogene an identitätsbestimmenden Unterschieden festhalten und zugleich Merkmale von Gleichheit und Gemeinsamkeit entwickeln? Wie entgeht man einer identitätsbedrohenden Gleichmacherei, d.h. der unterschiedslosen Einebnung aller Unterschiede? Sind dann alle Menschen gleich, wenn alles ignoriert oder subtrahiert wird, was sie voneinander unterscheidet?