Blogbeitrag von Walter Schweidler

Heimat und Ort

Nur für den Menschen kann die Umwelt Gegenstand von Liebe und Verantwortung sein, also Heimat – wenn er eine hat.

Grenze ist für ein endliches Wesen der Grund und das Prinzip des Sichzufriedengebens, also des Friedens, und die geschichtlich konstituierte Verbindung zwischen Ort und Heimat hat wesentlich damit zu tun, dass diese innere Verknüpfung zwischen Begrenzung und Frieden genauso wie für den einzelnen auch für die menschliche Gesellschaft gilt.

Die Bindung der Identität einer Gemeinschaft an die Grenzen, an denen sie sich in einem Prozeß geschichtlicher Konsolidierung befriedet hat, ist eine kulturanthropologische Tatsache. Das „alte Bild von der umherirrenden primitiven ‚Horde’ ist mit Sicherheit falsch“, so heißt es in der klassischen kulturanthropologischen Studie „Hand und Wort“ von André Leroi-Gourhan: „eine gewisse Verschiebung des Territoriums einer Gruppe ist möglich, eine zufällige und brutale Emigration ist gleichfalls möglich, die normale Situation besteht jedoch in der längeren Frequentierung eines Territoriums, in dem sämtliche Ernährungsmöglichkeiten bekannt sind.“ Diese Abhängigkeit vom sicher umgrenzten Land gilt auf gewandelte Weise auch noch für das heutige, das durch seine Volks- und Stammeszugehörigkeit geprägte Bewußtsein des modernen Menschen.

Zu wissen, wohin man gehört und sich an den Grenzen des eigenen Landes zu befrieden: das ist die Kunst, die den Menschen eines Landes langfristig geschichtliches Bewußtsein gibt und die einzig vernünftige staatsmännische Leistung definiert. Ein Staatsmann ist kein Agent der Menschheit, sondern er verdankt seinen Rechts- und Pflichtenkreis dem Volk, das ihn an seine Spitze gebracht und dem er seinen Amtseid geschworen hat. Der Eroberer, der sich nicht aus dem Willen derer legitimiert, denen er sein Amt verdankt, sondern aus der Zustimmung derer, die er der Gesellschaft, der er seinen Auftrag verdankt, hinzufügt, ist im geschichtlichen Maßstab immer eine dunkle Gestalt geblieben, bestenfalls, wie Alexander der Große und vielleicht Napoleon, ein tragisch-flüchtige Existenz, meist und normalerweise aber eine Verkörperung von Hybris, Verblendung, Größenwahn.

 

Durch seine befriedeten Grenzen gewinnt eine menschliche Gemeinschaft ihren Ort, der dem einzelnen und der Familie innerhalb des Ganzen ihren je eigenen Ort verleiht. Es ist eine Illusion, zu glauben, wir könnten der Globalisierung der sozialen und kulturellen Probleme dadurch Herr werden, dass wir unsere gesellschaftliche Identität globalisieren. Das ist doch die magische Logik, die hinter der Beschwörung der „global governance“ und des Multikulturalismus steckt: die Logik des Versuchs, den Zusammenhang zwischen Heimatliebe und Weltverantwortung in sein Gegenteil zu verkehren, ja ihn zu pervertieren. Der wahre Zusammenhang ist der, der von der Heimat zur Weltverantwortung führt, die Pervertierung versucht sich seiner zu bemächtigen und ihn umzudrehen. Ein Mensch schützt seine Umwelt, wenn und weil sie seine Heimat ist, nicht umgekehrt. „Umwelt“ ist ein Wort aus der Systemtheorie, es bezeichnet das Abstrakteste und Liebesunwürdigste, das man sich vorstellen kann. Die Umwelt der Zecke ist die Buttersäure auf der Haut des gebissenen Lebewesens, die Umwelt des Krebsgeschwürs ist das befallene Organ, die Umwelt ist immer das, auf Kosten wovon sich ein System ausbreitet.

Nur für den Menschen kann die Umwelt Gegenstand von Liebe und Verantwortung sein, also Heimat – wenn er eine hat. In dem Maße, in dem Menschen ihre Heimat lieben und die Heimatliebe ihrer Mitmenschen respektieren, wird die Umwelt des Menschen zu einer für alle seiner Art bewohnbaren Erde. Aber niemals wird der fromme Wunsch, im Namen des Artenschutzes oder für irgendwelche künftigen Generationen eine bewohnbare Erde zu erhalten, dem Menschen das geben, was er braucht, um an diesem Wunsch ein wirkliches Interesse zu empfinden: seine Heimat. Darum führen ja die, welche jenen „frommen“ Wunsch erzeugen möchten, den Zirkus ihrer Rituale, ihrer globalen Manifeste, Konferenzen, Betroffenheitsmeetings und Symbolaktionen als einen einzigen gigantischen Religionsersatz auf. Sie bedienen sich des Zusammenhangs zwischen dem heiligen Ursprung seiner Gesellschaft und dem Ritual, mit dem der Mensch, indem es am rechten Ort in rechter Weise ausgeführt, seit Jahrtausenden seine Verbindung zu diesem Ursprung beschworen hat; aber sie bedienen sich seiner, wie seit jeher totalitäre Mächte sich des rituellen Reservoirs der von ihnen in Besitz genommenen Gesellschaften bedient haben: sie instrumentalisieren es für einen Ersatz, der an die Stelle des es tragenden Ursprungs treten soll, die Eine Welt, die Zukunftsmenschheit, das „globale Dorf“, den entwurzelten Wanderer zwischen den Welten.