Blogbeitrag von Dr. Simone Egger

Heimat ist überall

Je umfassender, je radikaler, freiwillig oder erzwungen, sich der Übergang von einer Heimat in eine andere Heimat vollzieht, desto durchdringender erleben wir diesen Einschnitt.

Heimat hat immer etwas Prozesshaftes. Im Laufe unseres Lebens eignen wir uns neue Heimaten an, wenn es notwendig ist. Aus beruflichen oder privaten Gründen bewegen wir uns von einer Situation in eine andere, das kann ein Ort sein, aber auch die Familie oder der Freundeskreis. Je umfassender, je radikaler, freiwillig oder erzwungen, sich der Übergang von einer Heimat in eine andere Heimat vollzieht, desto durchdringender erleben wir diesen Einschnitt. Eine neue Beziehung kann das Gewesene in Frage stellen und die eigene Idee von Heimat total umkrempeln. Der Bruch mit einer Partnerin oder einem Partner geht nicht selten mit dem Verlust von Heimat einher. Ein Neuanfang in einer unbekannten Stadt oder in einem fremden Land wird Strategien erfordern, sich selbst zu verorten, Kontakte aufzubauen und mit der alten Heimat umzugehen. Wer aufgrund seiner Arbeit von Berlin nach Hongkong geht, und das ist in unserer mobilen Gesellschaft durchaus möglich, wird dort vielleicht ein Faible für Buletten oder Berliner Weiße mit Schuss entwickeln. Auch wenn sie oder er zu Hause niemals Wert darauf gelegt hat, steht diese Dinge fern von der Heimat auf einmal für etwas Gutes. Überall auf der Welt entwickeln Menschen solche und andere Formen des Bezugnehmens auf etwas, das ihnen wichtig erscheint. Ein zentrales Thema ist dabei immer die Zugehörigkeit, auch wenn die Art und Weise, wie mit Heimat umgegangen und was als Heimat empfunden wird, kulturell geprägt ist. Und immer hat das Verhalten etwas mit den finanziellen Mitteln zu tun, die zur Verfügung stehen. Als Banker in London kann ich jeden Freitag nach Hause zu meiner Familie in Hannover fliegen. Als Managerin bewege ich mich zwischen Rom und Zürich, sooft es mir in meiner Zeitplanung möglich ist. Als Saisonarbeiterin auf einem Feld bleiben mir Telefonate mit meiner Mutter, als Bauarbeiter auf Montage schicke ich alle zwei Wochen eine Karte. Das Geld spielt aber nicht die zentrale Rolle, obwohl es manches sicherlich einfacher macht. Die Intensität von Beziehungen hängt von den Menschen ab. Über das Netz lassen sich Kontakte ganz anderes als noch vor zwanzig Jahren halten, wenn man sich auch nicht spüren kann, mit einer Kamera kann man sich täglich sehen. Die technischen Errungenschaften der letzten Zeit lassen Entfernungen inzwischen beinahe willkürlich relativieren. Die Bandbreite der Internetverbindung bildet die Basis für einen Austausch, wie er früher vielleicht auf der Bank vor dem Haus stattgefunden hat.

Ein wesentlicher Unterschied im Umgang mit alten und neuen Heimaten ist aber immer die Frage, ob man den Wohnort oder den Arbeitsplatz freiwillig gewechselt hat. Der beste Job ist schließlich kaum verlockend, wenn man niemanden kennt, die Stadt nicht mag oder die Mentalität vor Ort nicht versteht. Noch schwieriger wird es, wenn man seine Heimat von heute auf morgen wegen eines Krieges oder Konfliktes verlassen musste, in Sorge lebt und immer noch die Hoffnung hat, dass sich alles klären wird. Oft sind Menschen gezwungen, ihre Heimat von jetzt auf gleich zu verlassen, das gewohnte Umfeld oder sogar den Kontinent zu wechseln. Mit nichts als ihren Kleidern kommen sie allein oder mit der Familie in irgendeiner Welt an, in der sie versuchen müssen, ein Alltagsleben aufzubauen und eine neue Heimat zu finden. Als traumatisierte Menschen aus einem Kriegsgebiet treffen sie, wenn es Ihnen gelungen ist, zu fliehen, zum Beispiel in Deutschland auf einen schier undurchdringlichen Verwaltungsapparat. Nicht nur die Sprache ist unbekannt, auch die zahllosen Regeln, nach denen sie leben sollen, sind kompliziert und verbieten jede Form von Normalisierung. Anstatt sich zu fragen, wie ein Miteinander aussehen kann, wird mit Ausgrenzung im Gegenteil noch Politik gemacht. Wie aber kann man sich mit dem Schutz der eigenen Heimat befassen, während man anderen ihr Recht auf Heimat gleichzeitig abspricht? In welcher Gesellschaft leben wir, wenn sich nicht alle irgendwo zugehörig fühlen dürfen? Heimat hat immer auch mit Teilhabe zu tun.

„Heimat kann man als einen Populärmythos bezeichnen. Er erschöpft sich nicht in einer phantastischen Erzählung, sondern kreist um einen Kern von elementaren Bedürfnissen, ist unspektakulär, bleibt weitgehend verborgen und wird von allen geteilt.“[1] Der Literaturwissenschaftler Bernd Hüppauf verfolgt die Entwicklung des Heimatbegriffs und denkt über die verschiedenen Bedeutungen von Heimat nach. Auf der einen Seite ist seit dem 19. Jahrhundert eine romantische, ideale Vorstellung entstanden. Um diesen Sehnsuchtsort bemühen wir uns noch heute. Während alles immer schwerer zu begreifen ist und jedes Thema zusehends vielschichtiger wird, bietet Heimat ein vermeintlich überschaubares Repertoire an Gegenständen und Gefühlen. Auf der anderen Seite hat der Begriff ganz wesentlich mit Abschiednehmen, Trauer, Schmerz und Nostalgie zu tun. Schattenseiten wie Flucht und Vertreibung sind ebenfalls Teil einer Heimatdebatte. Dieser Realität muss man ins Auge blicken, um das Thema in der Gegenwart denken und diskutieren zu können. Eine Heimat, die sich nur auf Kulissen und Traumwelten bezieht, ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr zeitgemäß. Das gilt genauso für die Vergangenheit.

Heimat, das heißt nicht nur Idylle. Heimat ist der Förster vom Silberwald. Heimat ist aber immer auch mit Schwierigkeiten verbunden. Damit können kriegerische Auseinandersetzungen gemeint sein genauso wie ein innerer Widerstreit. Hüppauf nennt als Beispiel die Biografie eines jungen Mannes, der darüber nachdenkt, welche Sprache ihm in welchem Moment wichtig ist. Geboren in Palästina, lebt er inzwischen seit Jahrzehnten in Deutschland. Die Sprache seiner Gedichte und Essays hat sich mit der Zeit gewandelt. Nicht nur seine Heimat hat sich verändert, auch zu seiner Identität sind im Laufe seines Lebens viele neue Facetten hinzugekommen. „Heimat, die nicht verlangt, die Augen vor den Ungeheuern in Geschichte und Gegenwart zu schließen“, meint Bernd Hüppauf, „und einen Raum öffnet, in dem Streit unverborgen ausgetragen werden kann, hat eine Zukunft. Und nur sie.“[2] Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass die Wertschätzung von Vielfalt der Ausgrenzung von Gruppen oder Gemeinschaften entgegenwirkt. Menschen, die in ihrem Umfeld mit Menschen zu tun haben, die andere kulturelle Erfahrungen mitbringen, wenden sich in weitaus geringerem Maße gegen Menschen, die sich in irgendeiner Weise voneinander unterscheiden. Gegenwehr ist vor allem bei denen zu bemerken, die ohnehin nur mit einem Umfeld zu tun haben, das weitestgehend gleich bleibt. Das heißt, diese Menschen begegnen in erster Linie Menschen, die demselben sozialen Milieu angehören, über vergleichbare Fähigkeiten verfügen und so weiter. Das was sie als „das Fremde“ ablehnen, ist ihnen in der Regel unbekannt.[3] Die eigene Identität geht immer von Abgrenzungen aus. Wenn ich weiß, was ich nicht bin, wird mir eher klar, wie ich sein möchte. Das ist ein ganz gewöhnlicher Vorgang, der aber eigentlich nichts mit anderen Menschen, sondern vor allem mit mir selbst zu tun hat. Wenn ich aber weiß, was Heimat für mich bedeutet, mir meiner Familie und meinem Zuhause sicher bin, kann ich dieses Gefühl auch teilen, ohne Angst zu haben, dass es mir jemand wegnimmt.

 




[1] Hüppauf, Bernd (2007): Heimat – Die Wiederkehr eines verpönten Wortes. Ein Populärmythos im Zeitalter der Globalisierung. In: Gebhard, Gunther; Geisler, Oliver; Schröter, Steffen (Hg.): Konturen und Konjunkturen eines umstrittenen Konzepts. Bielefeld, S. 109-140. Hier: S. 110.


[2] Hüppauf, Bernd (2007): Heimat – Die Wiederkehr eines verpönten Wortes. Ein Populärmythos im Zeitalter der Globalisierung. In: Gebhard, Gunther; Geisler, Oliver; Schröter, Steffen (Hg.): Konturen und Konjunkturen eines umstrittenen Konzepts. Bielefeld, S. 109-140. Hier: S. 138.


[3] Vgl. Wolf, Carina; Dick, Rolf van (2008): Wenn anders nicht schlechter bedeutet. Die Wertschätzung von Vielfalt fördert die Gleichwertigkeit von Gruppen. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 6. Frankfurt am Main, S. 137-154.