Blogbeitrag von Carl David Mildenberger

Heimat: Die Erwählung durch Orte

Wie könnte ich einen Ort, der mich als Teil seines selbst anerkennt, verweigern, ihn als Teil meiner selbst, als Heimat anzuerkennen?

Ich bin in meinem Leben schon zwölf Mal umgezogen. An quasi allen Orten, an denen ich wohnte, habe ich mehr Zeit als nur ein paar Monate verbracht. Dementsprechend viele Orte hätten in meinem Leben eine Chance, heimatliche Gefühle bei mir auszulösen. Aber so lang ist die Liste nicht. Bevor ich einem Ort heimatliche Gefühle entgegenbringen kann, bevor ich ihn als Heimat anerkennen kann, muss er mich anerkennen. Und das tut nicht jeder Ort.

Es gibt Orte, die heissen einen mit offenen Armen willkommen – und andere, die einen zunächst zurückweisen. Aber nur weil einen ein Ort willkommen heisst, bedeutet das noch nicht, dass er einen als hier-hin-gehörig anerkennt. Und nur weil einen ein Ort zunächst zurückweist, bedeutet das nicht, dass man nicht doch zusammen gehört. In diesem Punkt sind Beziehungen zu Orten wie Beziehungen zu Menschen. Manchmal bleibt man (willkommener) Gast. Manchmal ist es Liebe, aber nicht auf den ersten Blick.

Wenn einen ein Ort als hier-hin-Gehörigen anerkennt heisst das, dass er anerkennt, dass man Teil der Geschichte dieses Ortes wird. Man muss den Ort hierfür nicht gleich prägen, das heisst dem Ort seinen eigenen Stempel aufdrücken. Doch der Ort muss einen als einen der Eigenen akzeptieren. Das klassischste Beispiel ist wohl der Fall, in dem man sich erst beweisen muss, um vollends anzukommen an einem Ort: indem man eine Probezeit übersteht oder die Sprache des Ortes lernt (sei es eine Fremdsprache, oder die Sprache der heimatlichen Gemeinschaft). In solchen Momenten wird Anerkennung durch den Ort direkt erfahrbar. Oft ist es subtiler. Man merkt den Übergang oft nicht. Und man kann ihn nicht erzwingen. Es ist stets eine freiwillige Entscheidung des Ortes, einen als Zugehörigen anzuerkennen.

Meine Reaktion auf diese Anerkennung scheint weniger frei. Wie könnte ich einen Ort, der mich als Teil seines selbst anerkennt, verweigern, ihn als Teil meiner selbst, als Heimat anzuerkennen? Wenn der Ort mich gewählt hat, habe ich fast keine Wahl mehr. Meine Heimat an diesem Ort mag mich verletzen oder kränken, aber ich kann die mir entgegengebrachte Anerkennung kaum je ignorieren. Auch der Ort muss mich dabei nicht gleich prägen. Aber er wird mich berühren.