Blogbeitrag von Claudia Mariéle Wulf

Heimat – Ankommen im Alten und im Neuen

Heute scheint die Heimat in weite Ferne zu rücken, denn von uns wird fast grenzenlose Mobilität gefordert: Ortswechsel, nach kurzer Zeit weiterziehen müssen, neue Menschen kennenlernen und sich auf andere Ideen einlassen.

Heimat scheint etwas spezifisch Deutsches zu sein, denn den Begriff gibt es tatsächlich nur in der deutschen Sprache. Meistens versteht man unter Heimat den Ort, aus dem man kommt, der vertraut ist, wo man aufgewachsen ist. Man kennt die Wege, die Himmelsrichtungen, hat Strassen und Wege entstehen und vergehen, Häuser emporwachsen und Stadtteile sich entwickeln sehen. Manchmal verändert sich der Charakter eines Ortes ganz und gar; manchmal bleibt ein Fleckchen Erde über Jahrzehnte hinweg unberührt, sodass man zu ihm zurückkehren kann wie in eine längst vergangene Zeit. – Doch bliebe dieser Ort nur identisch, so würde man irgendwann aus ihm herauswachsen. Heimat ist auch die sich verändernde Umgebung, die sich der eigenen Entwicklung wie der Entwicklung des Gemeinwesens anpasst.

Die Vertrautheit mit dem Ort ist jedoch nicht alles. „Heimat“ ist der Ort, an dem man Zeit verbracht hat, dessen Entwicklung man kennt. Zur Heimat wurde und kann werden, was ich mir im Laufe der Zeit eigen gemacht habe. Er verbindet sich mit der eigenen Lebenszeit, mit den Erinnerungen – wie der in den Baum geschnitzte Namenszug oder das Fenster der lange geschlossenen Bäckerei, wo man als Kind duftende Brötchen zum Frühstück holte. Heimat ist der Ort, dem man sein Sigel aufdrückte durch sein Dasein. – Die Zeit kann aber auch dazu beitragen, dass man sich von seiner Heimat entfernt, zu ihr auf Distanz geht. Eine statische Heimat gleicht einem zu klein gewordenen Schuh: Beide muss man austauschen. Damit Heimat Heimat bleibt, muss sie mitwachsen, muss Entwicklung möglich sein.

Heimat ist auch die Gemeinschaft der Menschen, mit denen ich lebe. Menschen, deren Geschichte ich kenne, die mich teilnehmen lassen an ihrem Leben, an ihren Festen, an ihren Lebenswenden, ihren Freuden und ihrem Leid. Die Vertrautheit mit Menschen gibt der Heimat ihre eigentliche Qualität: Ich kenne andere und andere kennen mich. Gekannt werden, gesehen werden, selbstverständlich Hilfe in Anspruch nehmen dürfen und darum wissen, wer Hilfe braucht: Das sind Merkmale der Heimat. – Dennoch möchten wir nicht auf ein bestimmtes Bild festgelegt werden. Wir verändern uns und brauchen den Raum für Veränderung. Nur dann kann Gemeinschaft beheimaten: wenn sie Wachstum toleriert und ermöglicht.

Heimat ist die Wahrheit, der ich vertraue. Wir richten uns ein in Denkweisen, in Selbstverständlichkeiten, in Verhaltensregeln, in Informationen, die eine Weltsicht ausmachen und bestätigen. Das klingt wie eine Provokation in Zeiten der Relativität und des beständigen Wandels. Dennoch ist eine gesicherte Weltsicht nötig, um in Frieden leben zu können: Ich muss wissen, was gilt und wie Geltung zustande kommt, damit ich mich auf die Welt, in der ich lebe, verlassen kann. – Diese Weltsicht äussert sich in Sprache. Bestimmte Begriffe, ja selbst die Grammatik und die Idiome bilden die Welt und das Denken über sie ab. Dialekte tun das auf eine andere Art und Weise als die Hochsprache; sie zeugen vom Denken, von den Selbstverständlichkeiten in einer bestimmten Region; sie dienen zur Identifizierung und zur Abgrenzung. – Dennoch verändert sich die Sprache (man denke nur an Jugendsprachen, die für die Erwachsenen kaum noch verständlich sein) und wandelt sich das Denken. Starres Denken zeigt sich in Ideologien, in Fundamentalismen. Sie lassen keine weitere Entfaltung zu und verhindern Leben. – Heimat ist nur möglich in einem organisch wachsenden Denken, das seine Wurzeln bewahrt, seine Zweige aber weiter darüber hinaus zu erheben wagt.

Heimat lebt also vom Bekannten und von der Offenheit für das Unbekannte, vom Zuverlässigen und von der Erwartung des Unberechenbaren, vom Vertrauten und der Integration des Neuen, vom Bewahren wie von der Hoffnung.

Heimat ist eine Konstante, ist das, woher man kommt oder das, was man sich aneignet. Das schwierigste Terrain solcher Aneignung ist das eigene Innerste, das bekannte und unbekannte Gebiet der eigenen Persönlichkeit, das Verlässliche des eigenen Charakters wie die Unberechenbarkeit der eigenen Reaktionen, wenn Ungekanntes und Überforderndes eintrifft. Sich selbst kennenzulernen ist eine bleibende Aufgabe; Selbstvertrauen seine erste Frucht. Dennoch muss integriert werden, was noch keinen Ort gefunden hat – Schicksalsschläge und unerwartete Herausforderungen – und was uns zugemutet wird. Es gilt, sich selbst zu bewahren und doch von der Hoffnung zu leben, dass das begrenzte Dasein eine noch unbekannte Richtung, einen Sinn hat. – So entsteht Beheimatung in sich selbst, Ankommen bei sich als Ankunft im Bekannten wie im Unbekannten.

Heute scheint die Heimat in weite Ferne zu rücken, denn von uns wird fast grenzenlose Mobilität gefordert: Ortswechsel, nach kurzer Zeit weiterziehen müssen, neue Menschen kennenlernen und sich auf andere Ideen einlassen. Wer eine Heimat in sich selbst hat, kann an vielen Orten und mit unterschiedlichsten Menschen leben; er bleibt geistig mobil und verliert sich doch nicht selbst.

Heimat ist darum nicht nur die Ankunft im Bekannten, sondern auch das Hineinwachsen ins Unbekannte, das man sich Schritt für Schritt aneignet, sich mit der Zeit vertraut macht, mit neuen Menschen teilt und dem man Bedeutung zumisst. So spannt sich Heimat aus zwischen Herkommen und Ankommen. Doch ohne Heimat geht es nicht – sie ist notwendig als Raum des Lebens, eine menschliche Konstante.