Blogbeitrag von Rüdiger Görner (London)

Heimat als Transitorium? 2

Also schrieb Friedrich Nietzsche, der sich selbst als philosophierender Vagant verstand, der von Naumburg auszog über Leipzig, Bonn, Basel, Sils Maria, Nizza und Turin, um dem selbstgefälligen Schlafmützenbürgertum denkend das Fürchten zu lehren.

III

Heimat, das ist ein Märchen- und Schattenwald, wobei es die Schatten sind, die Märchen erzählen. Kafkas Verweis auf die verschiedenen Arten der Kreatürlichkeit im Verhältnis zur Heimat hat übrigens ein romantisches Vorbild, ausgedrückt im

„Sonett an Cäzilia“ in: E.T.A. Hoffmanns Erzählung Nachricht von den neuesten Schicksalen des Hundes Berganza:

 

Der Frühling kommt auf blauen Wolkenwogen,

In duft’ger Ferne leuchtet sein Gefieder,

Den stillen Wald beleben frohe Lieder,

Der Heimat sind die Sänger zugeflogen.

 

Zuletzt doch etwas Heiterkeit? Oder sieht sich hier die frühe Heimat-Rhetorik der Romantik durch einen ihrer prominentesten Vertreter ironisiert, wenn nicht gar vorgeführt und damit bloßgestellt?

Heimat – wie hart soll man mit ihr ins Gericht gehen? Ist ihr gegenüber nicht doch mehr Urteilsmilde angebracht? Ob  der kritische Umgang mit ihr immer wieder eine Art Selbstverletzung bedeutet oder verstärkt sich dadurch das eigene Selbstwertgefühl in Abgrenzung zu den eigenen Ursprüngen, den allzu-heimatlichen, nämlich indem man sich an ihnen reibt, gar aufreibt?

„Wo gehen wir denn hin?“ fragte Novalis. Eine Antwort, die sinnigerweise erst posthum zur Veröffentlichung kam, lautet schlicht: „Immer nach Hause.“ Wie aber wenn dieses Zuhause seinerseits ins ‚Gehen’ gerät, sich kaum noch lokalisieren lässt, uns nachgeht – durchaus auch als Alp? Wenn die Heimat zum Gegenstand der Tümelei wird oder im Kitsch ihrer hemmungslosen Folklorisierung erstickt? Und was, wenn  es unheimlich wird in der Heimat, wenn die um sich greifende Vereinsamung selbst die Geborgenheit in der Heimat als Trug entlarvt? Dann mögen diese scheinidentischen Strophen uns zu denken geben:

 

Die Krähen schrei’n

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

Bald wird es schnei’n –

Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

 

[…]

 

Die Krähen schrei’n

Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

Bald wird es schnei’n –

Weh dem, der keine Heimat hat!

 

 

Also schrieb Friedrich Nietzsche, der sich selbst als philosophierender Vagant verstand, von Naumburg auszog über Leipzig, Bonn, Basel, Sils Maria, Nizza und Turin, um dem selbstgefälligen Schlafmützenbürgertum denkend das Fürchten zu lehren. Korsika hatte er im Blick, Nordafrika hätte er liebend gerne gesehen, überseeische Zonen gar, nur um Griechenland machte er einen großen Bogen, er, der vermutlich beste Kenner seiner Zeit der klassisch-griechischen Literatur und Philosophie. Er hatte ja eine Heimat gehabt, aber nur, weil er sie verwirken wollte, schwankte selbst zwischen ‚Wohl dem’  und ‚Weh dem’. Damit hatte er Hölderlin beerbt, dem zuletzt die Heimat zum angenehmen Ort des Grauens wurde, zum locus amoenus horribilisque, der zuletzt nur in der Entrücktheit, im vermeintlichen Wahnsinn die Heimat ertrug. Sie holte ihn ein, holte ihn zurück; denn wer in die Heimat zurückkehren will oder muss, bleibt bis zuletzt ein Heimgesuchter.

IV

Wo aber geht die Heimat hin?, so könnten wir – Novalis abwandelnd – fragen. Vielleicht geht sie dorthin, wohin wir sie mitnehmen als zögerliche Begleiterin – mitten in unsere Illusionen oder mediengeschürten Ängste.

Heimat ist Vieles, aber eines gewiss auch: ein unromantisches Politikum, eine Geschichte von Vertreibungen – in der Neuzeit seit dem Exodus der Hussiten aus Böhmen und der Hugenotten aus Frankreich Haben wir überhaupt bereits bemerkt, wie gespalten unsere Heimaten inzwischen wieder geworden sind? Ist Heimat ein politischer Spaltpilz? Knapp drei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, der brutalsten Heimatspaltung überhaupt nach den Weltkriegen und ungezählten regionalen Zerreißungen und Vertreibungen  - man denke allein an den Balkan, an die Ukraine oder die Kurdenfrage sowie den mittleren Osten –, stehen wir vor gesellschaftlichen, ökonomischen und mentalen Spaltungen, für die der Brexit ebenso kausal verantwortlich ist wie die Lage in Spanien, Italien, die deutsche Rechtsszene und die Unerträglichkeit des Trump-Regimes, das im Namen der Homeland Security Restriktionen erlassen hat, die eines freiheitlichen Landes ebenso unwürdig sind, wie das, was sich seit dem EU-Referendum in Britannien abspielt. Das familiäre und nachbarschaftliche  ‚Zuhause’, also die Kernsubstanz des Miteinander in den diversen Heimaten, ist für viele durch diese Extremsituationen gespalten. Ideologische Gräben von einer seit dem kalten Krieg nicht mehr erlebten Tiefe haben sich in den Heimaten dieser Länder aufgetan. Die Heimat sieht sich in Sicherheitszonen aufgeteilt. Im Krieg gegen den Terror ist die Heimat wieder zur Front geworden, wo uns lieb gewordene Freiheiten absterben, oft ohne dass wir es bemerken, wo wir uns zweimal überlegen, was wir wem sagen, wo das schleichende Gift der Selbstzensur die freie Meinungsäußerung und damit den belebenden Diskurs zu lähmen droht.

Und gleichzeitig gerät sie neu in den Blick, die ‚Heimat Europa’, das Vorhandensein eines in der Geschichte einmaligen politischen, kulturellen und ökonomischen Strukturbereichs, der zum Beispiel verhindert, dass regionale Konflikte unweigerlich im Chaos enden.

Das demokratische Selbstverständnis in der westlichen Welt hat in einem kollektiven, mediengestützten Akt selbstverschuldeter Unmündigkeit jüngst zwei absolute Tiefpunkte erlebt: der letzte amerikanische Präsidentschaftswahlkampf und die Vorgänge um das EU-Referendum in Britannien. Noch einmal sei gesagt: das Ausmaß an ‚fake news’, also mutwilligen Erfindungen über das, was Realität und Sache ist,  und ihre Verbreitung durch die sogenannten sozialen Medien, betrifft im digitalen Zeitalter jeden heimatlichen Sprengel. Im globalen Dorf – und das gilt es sich immer wieder zu vergegenwärtigen – herrschen Gerüchte und Vorurteile ungleich rascher und wirkungsmächtiger als im bloßen Schatten des Kirchturms, wobei sich die Beziehungsgeflechte überlagern: das dörflich-heimatliche Gemeinschaftsleben sowie die sozialen Netzwerke, sie verschränken sich, ja, sie lösen sich zuweilen ineinander auf.

V

In der Schweiz, so hört man, sollen staatliche Prämien denjenigen zugute kommen, die aus den Städten in die Landgemeinden ziehen, dem ‚Dörfli’ wieder Substanz zurückgeben und damit die kantonalen Urheimaten neu beleben wollen. Vielleicht geschieht dies demnächst auch in Mecklenburg-Vorpommern und anderen verwaisten Landstrichen Europas, die einst Heimatgrund gewesen sind und nun veröden. Doch kann das gelingen, das Wiederbeseelen von Verödetem?  Was sich da abzeichnet sind Agenden  oder Aufgabenbereiche für regelrechte Heimatministerien, wie es dies in Nordrhein-Westfalen und Bayern eines gibt, angesiedelt übrigens in Nürnberg, nicht in der Metropole München, ein Ministerium für Dezentralisierung wenn man so will, in dem es auch um Planspiele geht, wie sich die Urbanisierung wieder rückübersetzen ließe in eine Ruralisierung. ‚Romantisches’, beklemmender Weise aber auch völkisches Erbe verbindet man nämlich hauptsächlich mit dem Ländlichen als einer vermeintlich ‚wirklichen’ Heimat. Das impliziert, dass der städtische Geborene gleichsam am Rande zur Heimatlosigkeit zur Welt gekommen sei. Es ist mühsamer als man zunächst denkt, von diesen Vorstellungsmustern sich zu lösen.

Nun ist ein Stichwort genannt, die – zuvor räumlich gemeinte – Übersetzung, ein Begriff, der mit ‚Heimat’ ursächlich verwandt ist. Walter Benjamin hatte einst darauf hingewiesen, dass einen Unterschied macht, ob einer Brot oder pain sagt, paysage oder Landschaft. Benjamin schreibt: „Das Gemeinte ist zwar dasselbe, die Art es zu meinen, dagegen nicht.“ In unseren Tagen sekundiert Navid Kermani diese Überlegung, wenn er über den Unterschied von Heimat und dem persischen Wort dafür watan nachdenkt. Oder wenn die deutsch-japanische Autorin Yoko Tawada den Unterschied von Wasser und Misu (japanisch für dieses Lebenselement) reflektiert und daraus einen ganzen Roman werden ließ (Wo Europa beginnt) und befindet, das Wirt ‚Wasser’ klinge nach Fließen, nach Energie durch seine doppelkonsonantische Mitte; ‚Misu’ dagegen meditativ-beruhigt, dem Rauschen beraubt. Ganz ähnlich der persische, auf Deutsch schreibende Dichter SAID, der befindet: „noch immer hat das deutsche wort ‚durst’ für mich keinen vorgeschmack, keine konsequenz; dazu regnet es zu oft in meinem deutschland.“  Übrigens kennt das Persische drei Worte für ‚Heimat’, nämlich watan, mihan und zad-gah, wobei das zweite, mihan oder mihane, ein weiblicher Vorname sein kann, damit das in sprechendster Namenssymbolik das Beheimatende im Mütterlichen benennend. Dem des Persischen rudimentär kundigen, mit den Dichtungen des mit diesen Bedeutungsebenen des Weiblich-Heimatlichen spielenden Hafis vertrauten Goethe lag folgerichtig nichts näher als seinem Faust den „Gang zu den Mütter“ aufzuerlegen. Denn dort – bei den Müttern – findet sich der Quellbereich des Denkens, Fühlens und Wollens; denn wir werden immer auch, was wir denken und fühlen, werden mithin auch immer wieder auf unserem eigenen Ursprung zurückverwiesen, zur Heimat in uns oder, liebend, im Anderen. Die vorige Behauptung, ‚Heimat’ sei eine Verwundung, kaschiert als Muttermal gewinnt vor diesem Hintergrund eine ganz eigene Bedeutung; denn dieses Werden zur Heimat in uns geht meist nicht ohne (Selbst-)Verwundung ab, die wir in Gestalt eines Muttermals erträglicher vernarbt sehen.

Vielleicht sind wir damit ja auch beim Eigentlichen angekommen, was das notwendig zweideutige Verhältnis zum Heimatlichen angeht – beim Problem der vielfachen verbal-psychologischen Übersetzbarkeit von ‚Heimat’ – von der eigenen Psyche ins Kollektive, von der Region ins Europäische, vom Europäischen ins Ethos einer Weltgemeinschaft. Wir sprachen zuvor vom Transitären in uns, von dem also, was über unsere eigene Identität hinausweist, weil wir ihrer ja ebenso wenig sicher sein können wie unseres Verhältnisses zur Heimat gegenüber. Heimat ist Ursprungsort und Absprungbereich ins Andere, ist Illusion von Unversehrtheit, aber auch der Ort phasenweiser Geborgenheit und sei es nur der Topos für unsere Vorstellung von Geborgenheit. Wenn wir ‚Heimat’ zu übersetzen versuchen, etwa dorthin wo wir uns neu ansiedeln und uns nicht selten mit Relikten des Abgestammten, des Ursprungsorts umgeben, dann schöpfen wir damit im Grunde immer auch ein Potential des Heimatlichen mit aus, seine Symbolik und Mehrwertigkeit. Wer den Heimatbegriff politisch monopolisieren will, vergeht sich an eben diesem Potential. Das Wertvollste, was wir unseren Heimaten zurückgeben können ist und bleibt, dass wir sie verteidigen gegen ihre Ideologen, das wir das unleugbar Gemütvolle an ihr schützen gegen die Willkür ihrer Instrumentalisierer. Denn der Umgang mit dem Eigenen, Angestammten, scheinbar Vertrauten wie mit dem Fremden will in der Tat sorgfältig gelernt sein. Hölderlins so bedeutsame Grundeinsicht zu verlernen, würde bedeuten, reaktionären Heimattümlern das Feld zu räumen. Und was das wiederum bedeuten müsste, steht als Menetekel nicht nur an deutschen Wänden allzu deutlich lesbar geschrieben.