Blogbeitrag von Rüdiger Görner (London)

Heimat als Transitorium?

Wenn man über die Heimat reflektiert, dauert es meist nicht lange, bis man in Thesen spricht: Heimat ist das und jenes. Warum verhält sich das so? Womöglich deshalb, weil wir über die Bestimmung dessen, was Heimat sei, Selbstbestimmung zu betreiben versuchen.

I

Auf den ersten Blick scheint nichts einfacher als das Verorten von Heimat. Ihre Koordinaten glaubt man zu kennen, inwendig sogar. Aber dann lesen wir: „[…] wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ So übersetzt Martin Luther Hebräer 13, Vers 14. Johannes Brahms machte daraus in seinem Deutschen Requiem op. 45 die Wendung: „Denn wir haben hie keine bleibende Statt“ – im Sinne von Stätte. Friedrich Hölderlin dichtete in Hyperions Schicksalslied: „Doch uns ist gegeben, / Auf keiner Stätte zu ruhn, / Es schwinden, es fallen / Die leidenden Menschen / Blindlings von einer / Stunde zur andern, / Wie Wasser von Klippe / Zu Klippe geworfen, / Jahr lang ins Ungewisse hinab.“ 

Bestünde das Heimatliche mithin aus Stätten der Verunsicherung, aus emotional zweifelhaften Orten? Wäre die Heimat somit ein allenfalls unsicherer Kantonist unter unseren persönlichen Identifikatoren, die unsere Identität ausmachen?

Wer immer das Wort ‚Heimat’ gebraucht, es allzu emphatisch im Mund führt, es gar auf seine Fahnen heftet, bleibt demnach gut beraten, diese soeben zitierten Zeilen Hölderlins zu kennen, ja zu verinnerlichen; denn wir stehen offenbar immer mit einem Bein in der „Entheimatung“, der Enthausung und damit der realen wie „transzendentalen Obdachlosigkeit“, um den Begriff von Georg Lukács zu gebrauchen, mit dem dieser treffend die Daseinsverhältnisse in der sogenannten Moderne bezeichnet hat.

Damit ist bereits gesagt, es wird nicht heimatlich-gemütlich zugehen in dieser Rede. Und es wird sich erweisen müssen, welche Art ‚Heiterkeit’ wir aufzubringen haben, um die Räume durchschreiten zu können, von denen Hesse in den Motto-Versen dieser Veranstaltung kündet. Dass auch er und gerade er davon spricht, an keinem dieser Räume wie an einer Heimat zu hängen, klingt wie ein Echo der Zeile aus Hebräer 13 und dem – auch von Brahms vertonten -  Schicksalslied.

Und noch einmal Hölderlin: „Will einer wohnen, / So sei es an Treppen, / Und wo ein Häuslein hinabhängt, / Am Wasser halte dich auf.“ – das Prekäre des Wohnens und damit heimatlicher Gefühle spricht sein Fragment ‚Der Adler’ unmittelbar an. Wer wohnen oder sich behausen will, sollte risikobereit sein, nichts für gegeben, gar für selbstverständlich halten. An Stufen finde man seine Bleibe, an ins Wasser hängenden Häusern und Gärten; denn das Wasser spendet Leben und steht zugleich für Übergänge, für das Transitorische, für das Hölderlin einen besonderen Sinn hatte, er, der so genau wusste, dass das Eigene ebenso „gelernt“ werden müsse wie das Fremde, er, der spürte, dass man den Richtungen, die in die Heimat führen, nicht immer über den Weg trauen kann. Denn vielleicht führen sie ja in die Irre.

Hölderlin kannte sich mit der Heimat solchermaßen aus, dass diese sich mit ihm nicht mehr auskannte. Seine große, zwischen Herbst 1799 und Sommer 1800 entstandene „Elegie“ zeugt von einer äußerst ambivalenten Heimat-Kenntnis:

 

Täglich geh’ ich heraus und such’ ein Anderes immer,

              Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands;

Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch’ ich,

              Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab,

Ruh’ erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder,

              Wo es um Mittag sonst sicher im Dunkel geruht;

Aber nimmer erquickt sein grünes Lager das Herz ihm

              Wieder und schlummerlos treibt es der Stachel umher.

Nicht die Wärme des Lichts und nicht die Kühle der Nacht hilft

              Und in Wogen des Stroms taucht es die Wunden umsonst.

 

Die „Pfade des Lands“ – sie geben keine Antwort mehr. Dieses in der Heimat heimatlos werdende, weil an ihr krankende, zutiefst unruhige Ich sieht sich als verwundetes Wild, auf das in den heimatlichen Wäldern nur noch das Verenden wartet. Die hier geschlagenen Wunden können nicht mehr verheilen.

Wir wiederum wissen: Eine Heimat, die uns nicht auf die Fremde vorbereitet, indem sie das Fremde in sich aufnimmt und es verwandelnd als Wert begreift, bliebe ein Missverständnis. ‚Heimat’ stiftet weniger ‚Identität’, als dass sie Verwandlungen des vermeintlich Eigenen ermöglicht. ‚Heimat’ sollte damit als eine Ermöglicherin angesehen werden. Oder verhindert sie eher die freie Entfaltung des Eigenen, weil sie belastet mit ihren Konventionen und Eigenheiten, die manche jedoch für stabilisierende Lebenswerte halten?

II

Wenn man über die Heimat reflektiert, dauert es meist nicht lange, bis man in Thesen spricht: Heimat ist das und jenes. Warum verhält sich das so? Womöglich deshalb, weil wir über die Bestimmung dessen, was Heimat sei, Selbstbestimmung zu betreiben versuchen.

Aber neben das Thesenhafte tritt alsbald das Fragen: In welcher Beziehung stehen wir zum Gebiet unserer Herkunft? Verstehen wir es als ein Natur- oder Seelenschutzgebiet?

Welche Seinsqualitäten enthält ‚Heimat’ nach unserem Verständnis? Bekennen wir es nur:  ‚Heimat’ ist das, was einen verfolgt, zeitlebens. Als Vertreibende kann sie Täterin sein. Heimat begütigt und beunruhigt. ‚Heimat’ ist eine Verwundung, kaschiert als Muttermal.

Wer glaubt, sich in der Heimat auszukennen, verkennt sie. Das Anheimelnde an der Heimat ist eine Sinnestäuschung. Wir haben freilich die Pflicht, das Reden über Heimat dem Gerede einer Pseudoideologie, dem Ordinären am populistischen Gebaren zu entwinden.

Statt des pseudoideologischen Insistierens auf einer heimatgebundenen Identität gilt es sich auf Transidentitäten hin zu entwickeln – die eigene Transität zu entdecken. Das Transitäre in uns.  Und noch einmal sei es gesagt: Hölderlins Einsicht, dass das Eigene genau so gut gelernt sein müsse wie das Fremde, ist ein existentiell-pädagogischer Imperativ von unverminderter Bedeutung für uns heute.

‚Heimat’ darf als ein Psychotopos gelten, den es immer wieder neu zu kartographieren gilt.

‚Heimat’ scheint das nach  außen gewendete Innere der eigenen Grundbefindlichkeit zu sein; nicht selten gleicht sie dabei unserem Zerrspiegel.

‚Heimat’ verstehen wir nicht selten sich als eine Fülle von Erzählungen – am Rande der Mythisierung. Diese Erzählungen sind in erster Linie Selbstverständigungen. ‚Heimat’ ist damit aber auch Gegenstand von Selbstbelügungen. Von der Heimat erzählend, werden wir zu ‚Autopseusten’ im Sinne Friedrich Schlegels, also zu Selbsttäuschern, täuschen wir uns doch nicht gerade selten über die wahren Verhältnisse in der Heimat hinweg, auch über unser Verhältnis zu ihr; denn ‚Heimat’ erweist sich vor allem immer auch als eines – als Objekt der Verklärung.

Fragen wir weiter: Ist unser wieder und wieder aufkeimendes Interesse an der Herkunft verständlich oder bizarr  – denn ein zu genaues Wissen über die Herkunft verstört nicht selten, verunsichert anstatt uns innerlich zu festigen.  Unschärfen sind es, die wir im Blick haben, wenn wir das Heimathafte unserer Herkunft bestimmen wollen. Das Verwischen der Spuren, die zurück zur Heimat führen.

Verwirkt man das Recht, über Heimat zu sprechen, wenn man sie verlassen hat? Wie glaubwürdig kann man sein, wenn man auch nur einen Satz über seine sogenannte Heimat sagt, wenn man sie hinter sich gelassen hat, sagen wir vor über dreieinhalb Jahrzehnten? Oder hat man sie in sich verwandelt und spricht beständig über dieses Verwandelte als Heimat? Denn: hat man das je, seine Heimat zurückgelassen? Reist sie nicht beständig mit einem – durchaus auch als schweres Gepäck, als Irritation? Oder sollen wir uns auf die Utopie der Herkunftslosigkeit hinbewegen? Dass in unseren Tagen eine britische Premierministerin ungestraft Kosmopoliten unter Generalverdacht stellen und sie quasi als vaterlandslose Gesellen abqualifizieren konnte, sollte in diesem Zusammenhang besonders zu denken geben. Im Originalton: ‚People without a nation are untrustworthy’.

Wurden nicht Heine und Chopin im Pariser Exil erst wirklich zu einem Deutschen oder Polen, aber eben gleichzeitig zu europäischen Künstlern? Das Leiden im Exil – auch dem simulierten – Thomas Manns Verzweifeln an Deutschland, Vladimir Nabokovs Irrewerden an Russland und Victor Hugos Bitterkeit gegenüber Frankreich: Heimat und Exil, man kann sie nur komplementär nennen und  behandeln. Als Stefan Zweig über dieses Verhältnis nachdachte, in seinen Erinnerungen Die Welt von Gestern, als es galt, nach seiner Exilierung sich um eine Aufenthaltsgenehmigung in England zu bemühen, schrieb er: „ […]  am Tage, da ich meinen Paß verlor, entdeckte ich mit achtundfünfzig Jahren, daß man mit seiner Heimat mehr verliert als einen Fleck umgrenzter Erde.“ Und er zitierte Franz Grillparzers Wort: „zwei Fremden und keine Heimat“ haben, unbehaust in „geborgten Sprachen“ sein und umgetrieben vom Wind. Wir haben in unserer Zeit, heute, wieder mehr als Anlässe genug, selbst erfahren zu müssen, was das bedeutet.

Wird einem die Fremde, das Exil, je zur Heimat? Ist das eine Frage der Integrationsbereitschaft der Anderen und/oder der Integrationswilligkeit des Migranten, wobei Willigkeit und Bereitschaft im Fall der Integration wechselseitige Erfordernisse sind. Neben der ‚Heimat’ als einem traditionellen Modewort gehören inzwischen Identität und Integration zur nämlichen Kategorie. Wir integrieren den Anderen, weil wir seinen nicht-integrierten, treffender gesagt: angepassten Zustand nicht ertragen können. Das Andere soll eingeebnet werden: Heimat als Planiergebiet, als Integrationszwangsort. Wir halten ja oft nicht einmal den exzentrischen Nachbarn aus, selbst oder gerade wenn er auch unser Blutsverwandter wäre. Abweisend reagieren wir auf den Außenseiter.  Franz Kafka, der sich zeitlebens von Prag nicht wirklich emanzipieren konnte, schuf zwei Kunstfiguren, einen zum Menschen mutierenden Affen und einen aus seiner Art geschlagenen Hund, um sich über seine Artgenossen im Klaren werden zu können. Und dann war da noch K. , der an seiner Heimat verzweifelt, ein Außenseiter wenn es je einen gab, dem Dinge widerfahren, auf die er sich keinen Reim machen kann. Nur die Anderen, die gemütlich Beheimateten, halten es für selbstverständlich, was K. auf dem Weg zum Schloss an Unverständlichem begegnet. K. wird zum wurzellosen Fremden in seinem angestammten oder besser: vom Leben zugewiesenen Bereich. Hinzu kam noch diese Einsicht: Schakalen sei die Wüste Heimat, wie Kafkas unter die Araber geratener Erzähler berichtet, und zwar der reineren Luft wegen.