Blogbeitrag von Dr. Michael Kitzing

Heimat als Ort der historischen Bewusstseinswerdung

Fasst man all diese Schlagworte zusammen, so ist Heimat der Ort, um Geschichte kennen zu lernen.

Die Politik der Kabinette in Washington, London, Paris, Bern oder Moskau ist für den einzelnen Bürger etwas sehr Fernes, das auch sein tägliches Leben allenfalls mittelbar betrifft. Politik wird erst im kommunalen Rahmen erfahrbar, wenn konkrete Probleme gelöst werden müssen: Wenn es um die Höhe kommunaler Steuern und Abgaben geht, wenn es um die Errichtung technischer und sozialer Werke geht oder um die Ansiedlung von Gewerbe. Zugleich erscheinen verantwortliche Persönlichkeiten in der Gemeinde eher greifbar und der Einzelne hat die Möglichkeit ein Stück weit mitzusprechen.

Ganz ähnlich wie mit der großen Politik geht es vielen Menschen im Umgang mit Geschichte. Wer kennt es nicht aus der Schule, dass historische Ereignisse gleichsam fern liegen und zwar in doppelter Hinsicht: Zunächst einmal besteht die zeitliche Distanz von in der Regel mehreren Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten. Denkens- und Lebensweisen der Menschen früherer Jahrhunderte erscheinen regelrecht fremd und heute unverständlich. Zu der zeitlichen Distanz tritt jedoch, zumindest auf den ersten Blick, auch die räumliche, schnell entsteht der Eindruck, dass Entscheidungen an ganz ferner Stelle getroffen worden sind.  

Doch kann gerade die eigene Heimat zum Schlüssel zum Verständnis von Geschichte werden, die Möglichkeit zum Erleben der Geschichte eröffnen.

Aus Sicht des Autors bildet die Bodenseegegend grenzübergreifend den Heimatbezug, den Ort historischen Erlebens. – Und hier gibt es soviel zu entdecken: Ein Besuch im Kloster St. Gallen liefert Einblicke in die, auf den ersten Blick, so fremde Welt des Mittelalters: Von der ersten Einsiedlerzelle des Hl. Gallus bis hin zur goldenen Zeit des Klosters im 08. und 09. Jahrhundert, über Phasen des Niedergangs und Wiederaufstieges im Hohen und Späten Mittelalter bis hin zur letzten barocken Blüte und der Aufhebung der Abtei am Beginn des 19. Jahrhunderts. Vom Kloster und dem damit verbundenen Blick auf die monastische Kultur im Laufe der Jahrhunderte ist es freilich nur ein Sprung zur Geschichte der Stadt St. Gallen, deren Emanzipation von der Abtei, zur Geschichte der Reformation unter Vadian und schließlich zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte St. Gallens als Handelsstadt.

Doch streift man mit dem geistigen Auge weiter durch die Bodenseegegend, so ist es gerade in den letzten Jahren das Konstanzer Konzil, das es auch für den historischen Laien zu entdecken gilt. Eine heimatgeschichtliche Perspektive auf die große Kirchenversammlung des ausgehenden Mittelalters fragt nicht nur nach den Auseinandersetzungen um eine Reform der Kirche angesichts des Schismas und der theologischen Kontroverse mit dem böhmischen Reformator Jan Hus, es eröffnet sich auch der Blick auf den Alltag der Menschen zur Konzilszeit. Wie hat Konstanz damals ausgesehen, wie wurde die Stadt versorgt, wie waren die Konzilsteilnehmer untergebracht, wie hat der Dichter Oswald v. Wolkenstein oder auch der Chronist Ulrich von Richental die vierjährige Zeit des Konzils erlebt? Was bedeutete die Durchführung des Konzils für die Stadt und ihre Menschen?

Natürlich braucht sich ein heimatgeschichtlicher Zugang nicht auf das Mittelalter zu beschränken. In der Bodenseegegend lässt sich auch der junge Napoleon III. auf dem Schloss Arenenberg entdecken. Städte wie Singen, Winterthur und Schaffhausen bieten zudem die Möglichkeit, im Kleinformat die Geschichte der Industrialisierung im lokalen, regionalen Rahmen zu verstehen und sowohl Fabrikanten wie auch den einfachen Arbeiter oder den Gewerkschaftsfunktionär im Ringen um die Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten angesichts der Verwerfungen des industriellen Zeitalters kennen zu lernen.

Fasst man all diese Schlagworte zusammen, so ist Heimat der Ort, um Geschichte kennen zu lernen. Geschichte ist hier nichts mehr Abstraktes, sondern sie „spielt“ an Orten, die auch dem historischen Laien vertraut sind, mit denen man sich leicht identifizieren kann, deren Wandel im Laufe der Jahrhunderte und Jahrzehnte verstanden werden kann.

Mit Hilfe des regionalen bzw. lokalen Bezugs die Möglichkeit Personen kennen zu lernen, die mit den Orten verbunden sind, deren Probleme, deren Schicksal nunmehr nachvollzogen werden kann. Es besteht Empathie, fast schon zwangsläufig stellt sich die Frage: wie hätte ich in dieser oder jener historischen Situation gedacht oder gehandelt?

Da sich die Blickrichtung in der Regel nicht auf eine Person beschränkt, sondern vielmehr die Möglichkeit besteht, eine Vielzahl von Perspektiven einzunehmen, lässt sich anhand des heimatlichen Rahmens schließlich auch die Vielgestaltigkeit historischer Ereignisse und historischer Prozesse erfahren lernen.  

Der heimatgeschichtliche Zugang wird zum Schlüssel des Verständnisses von Geschichte. Geschichte ist nicht mehr etwas Abstraktes, sondern etwas Konkretes.