Blogbeitrag vom 8. Mai 2016

„Was ist der Mensch?“ Antworten der Frühen Neuzeit

„Was ist der Mensch?“ Natürlich erreicht diese klassische Frage der philosophischen Anthropologie auch die Denker der Frühen Neuzeit. Präziser gemeint sind die Vertreter des Humanismus und der Renaissance, die sich verstärkt den kulturellen Leistungen der griechischen und römischen Antike öffnen.

Es kann kaum verwundern, dass diese Entwicklung nicht nur bereichernd, sondern auch beunruhigend ist. So gelten einerseits für das Menschenbild selbstverständlich die Vorstellungen der biblischen Schöpfungstheologie. Der Mensch ist das Ebenbild Gottes, Adam und Eva sind die Stammeltern der Menschheit. Das aristotelisch-ptolemäische Weltbild bestätigt die herausgehobene Stellung des Menschen, befindet er sich doch auf der Erde inmitten des Kosmos. Andererseits werden – gerade durch die Lektüre der Autoren der Antike – auch pagane Traditionen verstärkt wahrgenommen. In der Folge löst die Konfrontation mit dem antiken Kulturraum eigene Reaktionen aus, die sich in vielfältiger Weise auch auf das Verständnis des Menschen auswirken.

Gottesebenbildlichkeit und Selbstbestimmung

Ein Weg der Renaissancedenker ist die Nutzung der Quellen für die Bestätigung der Sonderstellung des Menschen. Dies kann freilich auf vielerlei Weise geschehen. Es entstehen die frühneuzeitlichen Konzepte der dignitas hominis, also der Menschenwürde, die die Frage nach dem Menschen in ein optimistisches Licht rücken. Der Mensch ist nicht auf Erden, um fortwährendes Elend, eine fortwährende miseria hominis zu erleben. Im Gegenteil! Im Rückgriff die Bibel und die christliche Literatur der Patristik, aber auch auf pagane Autoren wie Ovid und Cicero reflektieren Denker wie Francesco Petrarca (1304-1374) und Giannozzo Manetti (1396-1459) die Besonderheit des Menschen. Die Unsterblichkeit der Seele, der Gebrauch der Vernunft, die Schönheit des Körpers, der aufrechte Gang, der Gebrauch der Hände, all dies zeugt von der Bevorzugung des Menschen durch Gott und seiner Erhabenheit über das Tier. Marsilio Ficino (1433-1499) wiederum entwickelt das Programm einer prisca theologia, also einer „ehrwürdigen Theologie“ mit dem Grundgedanken, dass in allen Religionen und Kulturen nur eine Wahrheit herrscht, die im Altertum geoffenbart wurde. In der Folge sieht Ficino den Menschen in der Mitte eines nach (neu)platonischem Vorbild strukturierten Kosmos als Bindeglied zwischen den Bereichen des Geistes und der Materie. Ficinos jüngerer Freund Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494) geht noch weiter. In seinem berühmten Traktat De dignitate hominis – Über die Würde des Menschen betont er eine von Gott dem Menschen zugesprochene Einzigartigkeit, indem allein der Mensch auf der Grundlage einer eigenen freien Willensentscheidung handeln kann. Hatte der Mensch bei Ficino eine Mittelstellung zugewiesen zwischen den geistigen und materiellen Kräften des Universums, so kann er bei Pico wählen, welchem Bereich er sich zuwenden möchte. Gebraucht er die Vernunft und schwingt er sich in die Höhen des Geistes auf, wird er zum Engel und zum Sohn Gottes, wendet er sich dem Tierischen und Vegetativen zu, wird er zum Tier und zur Pflanze. Der Mensch bestimmt sein Schicksal selbst, und dass dies so ist, ist göttliches Geschenk.

Versklavung und Recht

Doch die Frühe Neuzeit kennt auch andere Begebenheiten, die für Irritationen im Weltbild und damit in der Auffassung des Menschen sorgen. Die Entdeckung der Neuen Welt, so lukrativ sie der alten Welt durch die Möglichkeit politisch-ökonomischer Expansion erscheint, so sehr verlangt sie auch die Notwendigkeit einer theologischen Überprüfung der anthropologischen Aussagen der Bibel. Muss man nicht in aller Ernsthaftigkeit die Abstammung der Völker Amerikas erklären? Sind sie überhaupt Menschen und nicht Tiere? Durch aktuelle Ereignisse wie die Entdeckung Amerikas werden in der Frage „Was ist der Mensch“ neue Akzente gesetzt. „Wer ist überhaupt Mensch?“, wird zu einem Grundproblem, durch das die Kriterien der Gottesebenbildlichkeit und der äußeren Erscheinung neu überdacht werden müssen. Die Bedeutung von Hautfarbe und Körperbild – ebenfalls bereits in der Antike diskutiert – wird in den anthropologischen Diskursen mit immensen Folgen für das politische und moralische Handeln virulent. Kritiker der Unterdrückung und Versklavung der Indios durch die Conquista fühlen sich zu Stellungnahmen herausgefordert und schärfen – wie beispielsweise die Dominikaner Antonio de Montesinos (ca. 1475-1545), Francisco de Vitoria (ca. 1483-1546) oder Bartolomé de las Casas (ca. 1484-1566) – den Blick für neuzeitliche Fragen des Natur- und Völkerrechts.

Von Mäusen und Menschen

Schließlich werden die Renaissancedenker durch das heliozentrische Weltbild des Nikolaus Kopernikus mit einer mindestens ebenso folgenreichenden Entwicklung konfrontiert. Inspiriert von der neuen These und – wie einige seiner Vorgänger – dem alten Gedanken der überall wirkenden Weltseele verpflichtet, radikalisiert Giordano Bruno (1548-1600) die Überlegungen und stellt das antike Erbe in ein neues Licht. Es entsteht die Vorstellung eines unendlichen Universums mit unzähligen Welten, die wie die Erde belebt und bewohnt sind. Die Folgen dieses Ansatzes sind enorm, werden doch die anthropozentrischen Behauptungen der Tradition grundlegend erschüttert. In diesem Sinn schafft die unbeschränkt kreative Weltseele unterschiedslos alles, Schlangen wie Fische, Füchse wie Bären, Mäuse wie Menschen. Wenn Unterschiede zustande kommen, wie etwa vielfarbige Menschen oder Wesen wie Pygmäen, Riesen etc. ist dies nicht wertenden Kriterien geschuldet, sondern liegt in der jeweiligen Verfassung der Materie begründet, welche die Weltseele an verschiedenen, räumlich getrennten Orten vorfindet. Damit liegt eine Konzeption vor, die in der Aufgabe der Anthropozentrik die Chance einer universellen Gemeinschaft alles Lebenden erblickt. Die Vielfalt der anthropologischen Vorstellungen der Frühen Neuzeit bilden einen bleibenden Vorrat an Ideen, die uns weiter beschäftigen werden.