Blogbeitrag vom 10. Juni 2016

Was ist der Mensch?

Bekanntlich hat „logos“ ein Bedeutungsspektrum, das von „Rede“ bis zu „Argument“ reicht. Wenn wir der spezifischen Differenz des Menschen vom Tier näherkommen wollen, so scheint es mir sinnvoll ein wenig zu entfalten, was die menschliche Sprache bzw. Rede zum Logos macht.

Anmerkung zum Titel: Ich folge hier im Wesentlichen meinem Buch „Philosophische Grundbegriffe 2“, Verlag C.H. Beck, 2003, S. 40–56. Detaillierte Begründungen, bibliographische Angaben und weiterführende Literatur finden sich dort. Der interessierte Leser dieses Blogs ist freundlich gebeten, sich dort weiter zu orientieren.

 

Im Blogbeitrag zur philosophischen Anthropologie habe ich gefragt: Worin besteht die anthropologische Differenz, d.h. die Differenz des Menschen als zôon logon echôn vom Tier, wenn weder Darwinismus noch Psychoanalyse den Menschen völlig naturalisieren können? Die Antwort war: Sie liegt wesentlich in dem, was das Wort „logos“ bedeutet.

Seit dem 21. Januar sind im philosophischen Themendossier „Mensch“ von „philosophie.ch“ eine Fülle von Aspekten zur philosophischen Anthropologie zusammengetragen worden. Es findet sich jedoch kein Beitrag zur Frage, was der Ausdruck „logos“ im Zusammenhang mit „Mensch“ bedeutet.

Bekanntlich hat „logos“ ein Bedeutungsspektrum, das von „Rede“ bis zu „Argument“ reicht. Wenn wir der spezifischen Differenz des Menschen vom Tier näherkommen wollen, so scheint es mir sinnvoll ein wenig zu entfalten, was die menschliche Sprache bzw. Rede zum Logos macht. Ich fasse hier deshalb (I.) einige der Hauptunterschiede zwischen menschlicher und tierischer Sprache zusammen und gebe (II.) einen knappen Hinweis, warum mir die Bedeutung des Ausdrucks „logos“ im Sinne von Begründung besonders wichtig erscheint:

 

I. Hauptunterschiede zwischen menschlicher und tierischer Sprache

a) Die menschliche Sprache verfügt über doppelte Artikulation, d.h. sie kann aus Lauten Silben bilden.

b) Die menschliche Sprache ist syntaktisch organisiert, d.h. sie besteht nicht nur aus einer Liste von Wörtern, sondern kann durch die Subjekt- und Prädikatstruktur Wörter zu Sätzen zusammenfügen. Sie verfügt in diesem Sinne nicht nur über eine doppelte, sondern über eine dreifache Artikulation.

c) Die menschliche Sprache ist produktiv, d.h. sie kann mit endlichen Mitteln, d.h. einem endlichen Wortschatz, beliebig viele neue Sätze bilden.

d) Die menschliche Sprache ist nicht an das „Hier und Jetzt“ gebunden, sondern kann sich auf zeitlich und räumlich Entferntes beziehen.

e) Die menschliche Sprache ist abstraktiv, d.h. sie kann Wörter bzw. Namen bilden für Allgemeines.

f) Die menschliche Sprache verfügt über die Fähigkeit zur Negation.

g) Die menschliche Sprache verfügt über die Fähigkeit zur Begründung.

 


II. Warum ist die Begründungsfunktion des Logos wichtig?

Von besonderer Bedeutung für die Mensch-Tier-Differenz hinsichtlich der Sprache ist aber die Fähigkeit des Menschen zur Begründung. Auf dieser Fähigkeit beruht nämlich die Unterscheidung von Wissen und richtiger Meinung, wie sie erstmals Platons Sokrates formuliert hat:

„Dass aber eine richtige Meinung und Wissen zwei verschiedene Dinge sind, das glaube ich durchaus nicht nur zu vermuten, sondern, wenn ich überhaupt etwas zu wissen behaupten würde — und nur von wenigem möchte ich dies tun —, so würde ich dieses eine [d.h. die Verschiedenheit von richtiger Meinung und Wissen] zu dem zählen, was ich weiss“ (Men. 98b, Übers. R. F.)

Das Wissen unterscheidet sich von einer richtigen Meinung dadurch, dass es auch den „Grund“ anzugeben vermag. Zwar ist für das Handeln eine richtige Meinung ausreichend. So kann ich, um das Beispiel von Sokrates zu verwenden, den Weg von Athen nach Larisa auch aufgrund einer richtigen Meinung finden. Doch hat das Wissen zwei Vorteile:

a) Einmal vermag es die richtige Meinung zu stabilisieren. So finde ich den Weg von Athen nach Larisa nicht nur zufällig, sondern immer, wenn ich nicht nur eine richtige Meinung, sondern auch ein Wissen von diesem Weg habe, also ihn z.B. schon selber gegangen bin und deshalb nicht nur vom Hörensagen, sondern durch meine eigene Anschauung kenne – soweit ich mich auf mein Gedächtnis verlassen kann. Oder, um ein anderes Beispiel zu geben: Ich kann die richtige Meinung haben, welche der Satz des Pythagoras mit der Proposition a2 + b2 = c2 ausdrückt. Ein Wissen um diese richtige Meinung habe ich aber erst, wenn ich eine Begründung bzw. den Beweis liefern kann. Der Vorteil des durch diesen Beweis gewonnenen Wissens ist nun, dass er die richtige Meinung allgemein verbindlich macht und dadurch stabilisiert. Es gibt mir die Garantie, dass der Satz des Pythagoras immer wahr ist – zumindest innerhalb der Voraussetzungen der Euklidischen Geometrie.

b) Weiterhin bringt das sich aus der Begründung ergebende Wissen einen Gewinn an Autonomie. Dies wird zwar von Sokrates im „Menon“ nicht explizit gesagt, es scheint mir aber gleichwohl erwähnenswert zu sein. Wenn ich den Weg nach Larisa nur aufgrund einer richtigen Meinung gehe, so bin ich abhängig von einer sozialen Autorität, z.B. einem Führer, einem Wegweiser oder einer Landkarte. Wenn ich ihn aber selber schon gegangen bin, so bin ich nur von mir selber und meinem Gedächtnis abhängig. Ebenso: Wenn ich den Satz des Pythagoras beweisen kann, so halte ich ihn nicht mehr aufgrund einer sozialen Autorität für wahr, z.B. der Autorität eines Lehrers, sondern aufgrund einer epistemischen. Die epistemische Autorität aber ist letztlich meine eigene Einsicht. Das Wissen macht mich also im Unterschied zur richtigen Meinung unabhängiger von einer sozialen Autorität und bringt mir einen Gewinn an Freiheit oder Autonomie. Baruch de Spinoza hat den Gedanken treffend so ausgedrückt: „Jemand ist insofern autonom (sui iuris), als sein Handeln vernunftbestimmt ist“ (Tractatus politicus, 3. Kap., 7. Abschnitt).

Freilich: Wie bereits Platons Sokrates von der „menschlichen Schwäche“ (Phaidon 107b), spricht, so Platon auch von der „Schwäche der Argumente“ (to tôn logôn asthenes) (7. Brief  343a). In der Tat können Argumente auch schwach sein,d.h. nicht nur „sound“ bzw. „triftig“, sondern auch „unsound“  bzw. nicht “triftig“: sie können  nämlich von Prämissen ausgehen, die falsch,  und Schlüsse ziehen, die ungültig sind. Die „menschliche Schwäche“ zeigt sich nicht zuletzt in der „Schwäche der Argumente“ und d.h. auch der Schwäche der Vernunft. Doch diese Schwäche wäre Thema für einen neuen Blogbeitrag.