Auszüge von Brigitte Hilmers Artikel "Ignaz Paul Vital Troxler und seine Philosophie des ganzen Menschen. Auf der Suche nach der Mitte" (NZZ online vom 5. März 2016)

Troxler und seine Philosophie des ganzen Menschen. Auf der Suche nach der Mitte

Er ist einer der «Gründungsväter» der modernen Schweiz – und doch wenig bekannt: Vor hundertfünfzig Jahren, am 6. März 1866, starb Ignaz Paul Vital Troxler. Wer war der Philosoph, Arzt und Politiker?

Seine Lebensbahn und Laufbahn begann Ignaz Paul Vital Troxler in einer Zeit, in der Europa in Bewegung war, einer Zeit des Aufbruchs, der Not und auch eines unvergleichlichen geistigen Lebens. Von dem hochbegabten, 1780 in Beromünster geborenen Sohn eines Schneiders wissen die Biografen zu melden, dass er schon mit neunzehn seine politische Laufbahn nicht etwa begann, – sondern aufgab! Troxler liess seinen Posten in der napoleonischen Verwaltung der Schweiz zurück, um in Jena zu studieren, verliess das sächsische Athen als Schüler Schellings und Hegels und als promovierter Ophthalmologe, wurde in Göttingen erfolgreich tätig in der Wissenschaft der Augenheilkunde, die bis heute eine seiner Entdeckungen als «Troxler-Effekt» ehrt, und machte sich alsbald einen Namen mit eigenständigen natur- und medizinphilosophischen Schriften. Obwohl die Arzttätigkeit zunächst sein Brotberuf wurde, setzte sich sein philosophisches Talent durch und bestimmte seine spätere Tätigkeit als Lyzeums- und Hochschullehrer in Luzern, Aarau, Basel und Bern.

Republikanisch und liberal
Wer war dieser Mann, dessen philosophische Schriften durch ihre Eigenständigkeit, Frische und Weiträumigkeit heutige Leser überraschen und dem Freunde und Schüler 1823 eine Medaille prägen liessen, auf der unter einem Bild des Rütlischwurs zu lesen steht: «Die göttlich reinste Harmonie / Sie fehlt im Schweizerlande nie / Für Ignaz Troxler nur allein / Soll jedes Herz gestimmet sein»? Das republikanische Temperament erwachte schon bei dem Knaben, als er im Kloster St. Urban in Anwesenheit von adligen Exilanten aus dem revolutionären Nachbarland nach seiner Meinung gefragt wurde. Seiner mutig und offen durchdachten und publizierten liberalen Gesinnung wegen kam er nicht ungeschoren davon: Troxler wurde selbst zum Flüchtling, immer wieder, er musste sich einer Verhaftung wegen Kritik an den Behörden in Luzern entziehen, wurde als Demokrat und politischer Querulant in allen Kantonen gesucht, er fand prekäre Zuflucht in Wien und dann, bereits mit Familie, bei den Schwiegereltern in Potsdam.

Eine dysfunktionale und anmassende Führungsschicht, deren schiere geistige und charakterliche Unfähigkeit Anlass genug zur Empörung bot, hatte in Europa von der napoleonischen Geheimpolizei das Bespitzeln gelernt und versuchte im restaurativen metternichschen System die sozialen und politischen Entwicklungen durch Zensur der Presse und des geistigen Lebens aufzuhalten. So waren Troxler und seine Freunde und Gesinnungsgenossen im In- und Ausland auch nach seiner Rückkehr genötigt, sich mit den unwürdigsten Verschlüsselungen und Vorsichtsmassnahmen auszutauschen. Auch in Basel, wo er 1832 zum ersten ordentlichen Professor und bald zum Rektor der Universität ernannt wurde, nötigten gerichtliche Anklagen und Übergriffe der Bevölkerung die inzwischen angewachsene Familie zur überstürzten Flucht. Anlass war, dass Troxler Verständnis für die demokratischen Bestrebungen der Landschaft vermuten liess und versucht hatte, Universität und Studenten aus dem Krieg gegen Baselland herauszuhalten.

Zufluchtsort wurde ihm immer wieder der Aargau, dort fand er die freieren politischen Verhältnisse, in denen er arbeiten und publizieren konnte. Als er 1866 in Aarau beerdigt wurde, hiess es in einem gedruckten Nekrolog: «In dem häuslichen Leben war Troxler äusserst einfach und haushälterisch, aber solid. Aber damit verband sich eine Gastfreundschaft, die wohl selten so ausgedehnt angetroffen wird. Schweizer aus allen Gauen, Flüchtlinge aus Polen und ganz Deutschland fanden an Troxler's einfachem Tische Erquickung an Leib und Seele, Rath und gutes Beispiel.»

Wer war dieser Mann, von dessen «höchst reizbarer Erregbarkeit» der Nekrolog zu berichten weiss, während andere ihn als überraschend liebenswürdig, mutig und humoristisch schilderten?

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