Blogbeitrag vom 15. März 2016

Muss ich ein Mensch sein?

Ich nehme an, die meisten von Ihnen sind überzeugt, dass sie irgendwann einmal eingeschult worden sind. Allerdings war die Person, die eingeschult wurde, vermutlich kleiner als die, die gerade diesen Text liest, sie hatte andere Wünsche und Meinungen, usw. Wir gehen also offenbar davon aus, dass eine Person erhebliche Veränderungen überdauern kann – denn Sie waren es ja, die oder der damals eingeschult wurde.

Vermutlich gibt es aber auch Veränderungen, die nicht mit der eigenen Weiterexistenz verträglich sind. Die Frage, um die es mir hier geht, ist die, ob man aufhören kann, ein Mensch zu sein, wobei ich ‚Mensch‘ als biologische Kategorie verstehen möchte. Viele Religionen gehen davon aus, dass man beispielsweise als Tier oder als nichtkörperliches Wesen wiedergeboren werden kann, was eine positive Antwort auf meine Frage voraussetzt. Die Frage könnte zudem noch aus ganz anderen Gründen relevant werden. Bei anhaltendem Fortschritt in den Neurowissenschaften und in der Computertechnologie könnte es eines Tages möglich sein, Gehirne digital zu emulieren und damit, so die Hoffnung einiger, den eigenen Geist auf einen Computer ‚hochzuladen‘, um wenn vielleicht nicht Unsterblichkeit, so doch eine deutliche Verlängerung des eigenen Bestehens über die begrenzte biologische Lebenszeit hinaus zu erlangen. Seriöse Schätzungen darüber, wann dies Realität werden könnte, sind naturgemäß schwer. Allerdings glauben viele, dass die vollständige Emulation eines menschlichen Gehirns schon in wenigen Jahrzehnten möglich sein könnte; eine Studie des Neurowissenschaftlers Anders Sandberg beziffert die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es vor 2100 geschehen wird, auf knapp 90%. Angesichts der offensichtlichen Bedeutung, die eine solche Technologie für uns hätte, erscheint das Grund genug, sich damit auseinanderzusetzen.

Theorien personaler Identität lassen sich in drei Kategorien unterteilen: Psychischen Theorien zufolge hängt unsere Weiterexistenz von unseren psychischen Eigenschaften ab, also unseren Erinnerungen, unseren Überzeugungen und Wünschen, unseren Erfahrungen und Charaktermerkmalen, usw. Eine dieser Theorien besagt, dass personale Identität von der Kontinuität dieser Eigenschaften abhängt, womit gemeint ist, dass die zeitlich unmittelbar aufeinanderfolgenden geistigen Zustände einer Person einander hinreichend ähnlich sind und kausal voneinander abhängen. Für physische Theorien sind hingegen körperliche Merkmale entscheidend für die Identität einer Person. Einer solchen Theorie zufolge sind wir eine bestimmte Art biologischer Organismen und hören auf zu existieren, wenn der Organismus stirbt. Schließlich lehnen antireduktionistische Theorien sowohl physische als auch psychische Kriterien personaler Identität ab und nehmen an, dass diese beispielsweise in der Existenz einer nichtkörperlichen Seele oder einer anderen über physisches und psychisches hinausgehenden Tatsache besteht. Allen drei Arten von Theorien zufolge ist das eigene Fortbestehen damit verträglich, dass man aufhört, kleiner als 1,30 m zu sein oder sich ein Lego-Raumschiff zu wünschen. Was sagen sie aber dazu, ob man aufhören kann, ein Mensch zu sein und ob man sich auf einen Computer hochladen kann? Folgt man physischen Theorien personaler Identität, ist die Antwort eindeutig. Ihnen zufolge kann ich im besten Fall eine digitale Kopie meines Geistes erzeugen; ich selbst höre auf zu existieren, wenn die biologische Existenz dieses Körpers endet. Weniger klar liegt der Fall, wenn man eine antireduktionistische Theorie zugrunde legt. Zwar sollte es prinzipiell möglich sein, dass z.B. eine Seele, die vorher mit einem Menschen verbunden war, auch unabhängig von diesem weiterexistiert. Da es aber nicht ersichtlich ist, wie wir Dinge, die weder physisch noch psychisch sind, beobachten oder auf andere Weise verlässliche Urteile über sie fällen könnten, scheint die Frage, ob wir nach der Digitalisierung unseres Geistes in nichtbiologischer Form weiterbestehen würden, in einer solchen Theorie nicht beantwortbar zu sein. Nur innerhalb einer psychischen Theorie lässt sich eine positive Antwort auf beide unserer Fragen geben – zumindest dann, wenn die Gehirn-Emulation das halten kann, was sie verspricht. Denn wenn sie tatsächlich alle psychischen Eigenschaften einer Person bewahrt, dann besteht zwischen dieser Person vor der Prozedur und dem digitalisierten Geist psychische Kontinuität und damit auch Identität.

Ob man aufhören kann, ein Mensch zu sein und ob es darüber hinaus sinnvoll sein könnte, auf die eigene Digitalisierung zu hoffen, hängt demnach davon ab, welche Theorie personaler Identität korrekt ist. Unglücklicherweise scheint diese Frage nicht leichter zu beantworten zu sein als unsere Ausgangsfrage. Meine eigene Position ist die folgende: Wenn es tatsächlich Seelen oder andere nicht-physische und nicht-psychische Dinge gibt, die in einer geeigneten Beziehung zu unseren physischen und psychischen Zuständen stehen, dann konstituieren diese personale Identität und der Antireduktionismus ist korrekt. Damit wäre, wie gesehen, zumindest die Frage, ob wir die Digitalisierung unseres Geistes überleben würden, wohl nicht zu beantworten. Nun glauben aber die allermeisten Philosophen nicht, dass es Tatsachen gibt, die über physische und psychische hinausgehen. Folgt man ihnen, wäre bei der verbleibenden Wahl zwischen einer physischen und einer psychischen Theorie mein Vorschlag, sich eine etwas andere Frage zu stellen, nämlich die, wessen Weiterbestehen einem im Zweifel wichtiger wäre: das des biologischen Organismus oder das der eigenen Psyche – im Bewusstsein dessen, dass die Frage, welcher dieser beiden Kandidaten die eigene Identität konstituiert, möglicherweise keine tiefe, nichtstipulative Antwort hat. Ohnehin könnte es sich nur für diejenigen, denen das Fortbestehen des eigenen geistigen Lebens auch ohne den biologischen Körper hinreichend wichtig ist, lohnen, auf die Digitalisierung des Geistes zu hoffen.