Blogbeitrag vom 26. Mai 2016

Menschenskind!

„Das ist ein (zu) weites Feld", sagt der Vater von Effi Briest in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman. Er meinte damit, dass ihm die Welt zu kompliziert erscheint, um sie zu erklären.

Man darf annehmen, dass Fontane damit auch uns meinte, die Menschen. Einerseits, weil der Mensch in diese kaleidoskopische Welt eingelassen ist. Noch mehr aber vielleicht, weil wir uns selbst ein Rätsel sind, vielleicht sein müssen.

Das Feld wurde seither nicht nur viel beackert, es ist auch nicht besser eingegrenzt worden, im Gegenteil: es wurde weiter, und nicht nur wegen der Erfindung des Traktors. Dem Menschen entsprangen eine zwar endliche, aber kaum abzählbare Menge von Dingen, die Spuren hinterliessen: Dampfmaschine, Elektrizität, Mondlandung, Digitalisierung, 3-D-Printer, Drohnen, die sich mit elektrischen Gehirnströmen – Gedanken? – lenken lassen. Und vieles mehr.

Was hat eine Dampfmaschine mit dem Versuch einer Definition des Menschen zu tun, fragen Sie sich jetzt. Zurecht: Der Mensch mag ja anatomisch gesehen auch ein hydraulisch-pneumatisches System sein, wenn man an Atemwege und Blutgefässe denkt. Der Vergleich erscheint dennoch als geradezu grotesk. Trotzdem sei die Frage erlaubt: Was genau ist der Unterschied? Oder besser: wie sieht die Entkoppelung, die Abnabelung aus? Niemand behauptet, der Mensch sei identisch mit einer Dampfmaschine. Aber gehört sie nicht auch zu dem, was ihn ausmacht?


Es wird oft geschrieben, der Mensch sei nichts Besonderes, und schon gar nicht die Krone der Schöpfung: es gebe Organismen, die global gesehen mehr Biomasse auf die Waage gebracht hätten, oder einen nuklearen Holocaust eher überleben würden. Klar, Intelligenz beschränkt sich nicht darauf, Reihen und Folgen fortsetzen zu können, wie es die IQ-Tests der Menschen verlangen. Aber es ist doch eine der Möglichkeiten von Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung. Und Biomasse ist ja auch nicht alles. Fest steht: nur der Mensch kann Mathematik, zumindest als bewusste Tätigkeit – auch wenn Seeadler eine haarscharfe Parabel fliegen, wenn sie einen Fisch fangen. Aber diese Trajektorie wurde in Jahrmillionen Evolution zu einem Automatismus, geschliffen von der Rationalitäts- und Effizienzbedingungen, die das Überleben an seine fliegenden Vorfahren stellte. Aber auch hier bleibt die Frage: Was genau ist der Unterschied zwischen unserer bewussten Mathematik und der evolutionär im Biocomputer des Adlers kodifizierten? Schliesslich ist unsere Intelligenz auch ein Produkt der Evolution.

Aus der Warte bewusster Abstraktionsfähigkeit sind wir also sehr wohl etwas Besonderes, unseren Kritikern unter uns zum Trotz. Wären wir Bienen, würden diese in unserem Bienenstaat übrigens sicher unter Hinweis auf diese menschliche Fähigkeit behaupten, wir Bienen seien nichts Besonderes, der Mensch sei uns schliesslich kognitiv weit überlegen. In ähnlichem Fahrwasser treibt eine andere Aussage, zu der sich Menschen in löblicher Verneinung ihrer selbst zuweilen hinreissen lassen: Sie würden Tiere mehr schätzen, als Menschen. Meistens nennen sie als Begründung, Tiere könnten nicht lügen. Nur: Sind wir sicher, dass sie es nicht können – auf ihre Weise? Und dass sie es nicht tun würden, wenn sie es könnten. Und meistens sind es dieselben Leute, die sagen, der Mensch sei nichts anderes als ein intelligentes Tier.

Schon die Abgrenzung vom Tier macht Mühe, und auf die eine wie die andere Seite von Wünschen und ihren Mythen geprägt – seien sie religiös oder animistisch-pseudo-naturalistisch.

Dabei gibt es noch viel mehr Grenzen, die wir verteidigen müssen: Gegen andere Lebewesen, anorganische Dinge, die da sind und solche, auch komplexe, die wir aus dem Hut zaubern. Zudem auch in der Zeit, gegenüber uns selbst, in allen Stadien zwischen Kindheit und jetzt, zu unseren Vorfahren, unserer Spezies. Man könnte nämlich behaupten, dass wir durch die Zeit fliessen und die Wahrnehmung unserer Einheit als Individuum eine Illusion ist. Denn wir bestehen immer aus neuen Zellen, die zwar einem Bauplan folgen (im Idealfall ohne Mutationen oder Fehler wie Krebszellen), aber nicht dieselben von vorher sind.

Wo sind sie also, die Demarkationslinien?

Viele Abgrenzungskriterien machen viel Mühe. Hören wir also auf unsere Bequemlichkeit und adeln sie mit Ockhams Rasiermesser, auch als wissenschaftliches Sparsamkeitsprinzip bekannt: Von mehreren möglichen Erklärungen ist die einfachste zu wählen. Und eine Erklärung ist umso einfacher, je weniger Variablen und Hypothesen sie benötigt. Am einfachsten wären die Mühen unserer Abgrenzung damit erklärt, dass wir sie uns nur einbilden. Kann es sein, dass wir Kategorien und Definitionen überschätzen? Sie sollten uns die Welt greif- und begreifbar, begrifflich machen, auch uns selbst: zweibeinig, ungefiedert, usw. Aber existieren sie selbst wirklich – so, wie wir?


Wer im Glashaus sitzt

Wer einen Wolkenkratzer aus Glas betrachtet, könnte darin eine Parabel entdecken: Er besteht – zumindest von aussen – aus Spiegelungen all dessen, was ihn umgibt – nur er selbst gehört nicht dazu. So gesehen, ragt er aus nichts heraus, ek-sistiert fast nicht, ist alles andere, nur nicht sich selbst. So, wie wir uns nicht gut selbst beobachten können, spiegelt auch er nichts Eigenes auf sich zurück – oberflächlich gesehen. Für ein Glashaus scheint es also fast unmöglich, sich abzugrenzen – seine Erscheinung besteht ja fast nur aus dem, was es umgibt. Warum soll es für uns anders sein, nur weil wir nicht aus Spiegeln sind? Alles, was einen Wolkenkratzer trifft und ihn „ausmacht“, trifft auch uns, nur sieht man es nicht. Wir sind nicht so anders wie ein Hochhaus, das singt sogar Freddy im Musical My Fair Lady: all at once am I several stories high...“. Aber zugegeben, Freddy meint dort etwas Anderes.

Es gibt weitere Stränge, entlang derer wir uns mit anderem verstricken. Auch wenn es weichere, vielleicht eingebildetere Bindungen sind. Aber wir fühlen ihren Zug, auch durch die Jahrhunderte. Geteiltes Wissen verbindet, Gefühle verbinden: Was ist es nämlich, das uns berührt an archäologischen Funden, an einer keltischen Haarfibel, der goldenen Totenmaske, die man Agamemnon zuschreibt, der Pietà des Michelangelo, oder einer Vase aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, auf der noch immer so gut lesbar steht: Exekias hat mich geschaffen. Ist es nicht das Wissen, dass es der Abdruck eines Menschen ist, der schon lange nicht mehr ist, eine Wirkung seines Daseins, seiner Hände, seines Gesichts, seiner von uns vorgestellten Geste, mit der er sein Haar schmückt?

Warum bestehen wir auf eine Teflonbeschichtung, die uns abschirmt?

Bei der Abgrenzung hilft uns im Alltag, etwas kryptisch gesagt, dass wir überlebt haben. Ja, denn das hat unsere Sinne auf das spezialisiert, was in Wäldern, Berg und Tal nicht übersehen werden darf, es hat sie an die Anforderungen unserer Umgebung angepasst: Auf der Erde ist es für Lebewesen seit Millionen von Jahren wichtiger, auf die Bewegung von „Dingen“ vor einem Hintergrund aus weiteren „Dingen“ zu reagieren, als mikroskopisch kleine Zellen wahrzunehmen, oder die Hintergrundstrahlung, oder, noch ausgefallener, die Gravitation und andere Kräfte, die diese Dinge ineinander ausdehnen, weil sie eigentlich gar nicht mehr voneinander getrennt sind, so dass sie sich vor unseren Augen auflösen würden – denn zu welcher Seite gehört eine Verbindung, eine Brücke?

Betrachten wir nun genauer, wie wir die Welt draussen haben stehen lassen. Und da ist als erstes sicher einmal sie, die Haut.

 


Die Haut und andere Durchlässigkeiten

Die Frage, ob wir nur Materie sind oder ob unsere Seele dem entsetzlichen Schicksal unseres Körpers entgeht, hat nie an Aktualität eingebüsst. An der Gretchenfrage, wie wir es mit Gott halten, führt noch immer kein Weg vorbei, wenn wir wissen wollen, wer wir sind.

Sind wir Menschenkinder auch Kinder Gottes? Die Frage, ob wir ein vom Geist durchhauchtes oder nur körperliches Wesen sind, hat eine Ausstellung vor einigen Jahren besonders anschaulich gestellt, mit ans Haptische grenzender Optik: „Körperwelten“ von Gunter von Hagens. Die Ausstellung aus präparierten Leichen ging - wörtlich – unter die Haut, denn diese war das einzige Organ, das an den Körpern fehlte. Es ist ein langer Weg von klassischen Skulpturen, wo ein Hauch Seele über den fast rosig und lebendig wirkenden Marmorkörpern zu schweben scheint, zu Skulpturen aus enthäuteten Menschen, die einmal waren, und die einen anzublicken scheinen, als gäbe es sie wieder – und doch geht es um dasselbe: den Menschen, seinen Körper, die Verortung des Geistes. Nicht aber um Staunen vor der Schöpfung, sondern vor dem, was auch ohne Gott möglich sei, vor dem Körper als faszinierende Maschine (wenn auch nicht Dampfmaschine). Die Ausstellung traf den Zeitgeist, der darüber wacht, ob wir alles vom materialistischen Standpunkt aus sehen, den metaphysischen Tand auskehrt oder abschleift wie Ornamente vorindustrieller Möbel (Adolf Loos‘ „Ornament und Verbrechen“ lässt grüssen). Von diesem Leichen-Showhaus stieg keine Sehnsucht nach etwas Höherem auf, das diesen Larven entflohen wäre. Sie wird mental ghettoisiert, als überkommene Sentimentalität – das Alibi der Hartherzigen, wie Schnitzler schrieb, als etwas für Unaufgeklärte – wie bei Zarathustra: haben denn diese Einfaltspinsel mit ihren provinziellen Gefühlsarchitekturen immer noch nicht davon gehört, dass Gott tot ist? Die Gretchenfrage - das ist hier nicht mehr die Frage. Sich den Toten als Menschen, seine Züge mitten im Leben vorzustellen und die Stunde seines Todes, wäre ein Fremdkörper. Die Ausstellung ist auch eine der mehr als nackten Gewissheit, dass alles aufhört. Kein Problem damit. Das „memento mori“ ist selbst tot. Ausser vielleicht als carpe diem! Als Jenseitsverweis hat es sich evolutionär verflüchtigt.

Apropos der Tod gehört nicht zu unserem Lebensgefühl, zum Leben gehört er wirklich nicht, wie etwa Wittgenstein sagt: Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht." (Tractatus-logico-philosophicus, 6.4311).

Der Mensch als offene Menge

In einem Teilgebiet der Mathematik, der Topologie, heisst eine Menge offen, wenn ihre Elemente nur von Elementen dieser Menge umgeben sind, also kein Element der Menge auf ihrem Rand liegt. Ein einfaches Beispiel ist das Intervall (0, 1) der reellen Zahlen. Jede reelle Zahl x mit der Eigenschaft 0 < x < 1 ist nur von Zahlen mit derselben Eigenschaft umgeben. Deshalb nennt man das Intervall (0, 1) ein offenes Intervall. Dagegen ist das Intervall (0, 1] nicht offen, denn „rechts“ vom Element 1 (grösser als 1) ist kein Element des Intervalls (0, 1] mehr. Um auf Wittgenstein zurückzukommen: Auch unser Leben ist eine offene Menge. Und vielleicht ja auch der Mensch.

Endet unser Körper wirklich bei diesem Fetzen Haut, von dem der Rest des Universums Halt gemacht hat? Ist sie die amtliche Grenze? Wurden mit ihren Umrissen Löcher in die Welt gestanzt, aus denen doch irgendwie Gedanken entweichen, Namen wie Pfeile ausschwärmen, manchmal zurückkehren und sich selbst bezeichnen - als Menschen? Würde nicht ebenso gut der ganze Rest, der aussen an dieser Haut klebt, grinsend behaupten können, sie gehöre ihm und eigentlich sei er der Mensch - nur so zum Spass, aus Gemeinheit? So, wie der Tod nicht mehr zu seinem Leben gehört, gehört vielleicht auch seine Haut nicht mehr zu ihm, spiegelt sich an ihr vielmehr der Rest, wie beim Glashaus, auch wenn wir das nicht sehen, setzen an der Haut Kräfte und Verbindungen an, die uns in die Welt hinaus ausdehnen. Natürlich gilt das für den Körper insgesamt, wenn wir nur bedenken,  wie viel Strahlung aus dem All ihn ständig durchdringt. Aber die Haut ist das schönste Beispiel, da sie totale Abdichtung, Permeabilität und Hermetik vortäuscht, als habe das, was jenseits von ihr liegt, nichts mehr mit uns zu tun.

Worauf ich hinaus will? Auf unsere Ausdehnung, über uns hinaus und doch nie jenseits von uns, immer noch umgeben von Elementen, die zu uns gehören – wie es sich für eine offene Menge eben gehört.

 


Die Ausdehnung unserer Erscheinung

Aber nicht nur im Jetzt ist die Grenze, die uns definiert, womöglich durchlässiger, als wir meinen. Auch dem Zeitstrahl entlang, funktional, evolutionär. Wo hört unsere Erscheinung – der Phänotyp im Unterschied zu seinem Bauplan, dem Genotyp - auf? Um auf Frage, was Dampfmaschine und 3-D-Printer mit der Definition des Menschen zu tun haben zurückzukommen: Gehören unsere Werkzeuge zu uns? Auch der 3-D-Printer, mit dem wir schon bald unsere Niere duplizieren könnten – und wer weiss, vielleicht einmal uns selbst. Der Begriff des Extended Phaenotype besagt in etwa, dass alles, womit wir unsere Umwelt gestalten, all unsere Mittel, die eine Folge unserer Existenz sind (also auch Maschinen und Werkzeuge), eine Extension unseres Erscheinungsbilds, unseres Körpers sind und damit zu uns gehören.

Wenn wir annehmen, dass Kultur (und sei es nur zeitlich) auf Natur folgt - unsere eigene Biografie sowie die Entwicklung des Lebens von Einzellern bis Menschen lassen kaum andere Schlüsse zu – können wir alles, was wir machen, ob Tennisspielen, Nukleartests, Bachkantaten, Cupcakes, als Ausdehnung unseres Phänotyps auffassen: Städte, Institutionen, Wissenschaft und Kunst. Wir haben die Umgebung, die uns bestimmt, selbst erweitert. Es ist sinnlos, die vom Menschen geschaffenen Dinge aus der Natur zu verstossen, nur weil es sie vor dem Menschen nicht gab. Sie gehören zur Natur, denn der Mensch ist Teil von ihr und alles, was aus ihm folgt, von ihm bewirkt wird, ist es ebenso.

 


Sonderbeispiel: Wir und die Roboter

Der Geschmack der Zeit glaubt zwar nicht an Gott, sondern an Materie und Energie, er kann sich aber nicht recht mit der Idee anfreunden, dass wir je (!) von Maschinen aus Materie und Energie repliziert werden könnten. Die Überzeugung, nur „natürliche“ Wesen könnten kreativ sein, hat Merkmale eines Mythos, eines Dogmas. Die aktuell diskutierte vierte industrielle Revolution, wo die künstliche Intelligenz immer komplexer wird und ein immer besserer Emulator der natürlichen, spricht eine andere Sprache.

Wenn wir das vorhin über die Extension unseres Phänotyps einbeziehen, sind die Maschinen, die wir bauen, Ausdruck von uns selbst, und auf die Gefahr hin, dieses Konzept zu strapazieren, könnten wir darunter auch Entwicklungen subsummieren, die irgendwann vielleicht eine Eigendynamik erhalten und sich unabhängig weiterentwickeln – noch über den Punkt hinaus, dass sich Maschinen selber ein- und ausschalten. Schon vieles, vom Handy bis zum plötzlich selbständigen und dem Menschen nicht mehr gehorchenden Computer „Hal“ in Space Odyssey, wurde von der Science Fiction vorweggenommen, bevor es zu Science wurde. Und anders als in der ersten digitalen Revolution in den 1980er Jahren, halten das namhafte Experten für alles andere als ausgeschlossen.

 


Sind wir unsere Gene?

Was ist unser Verhältnis zu unseren Genen – unseres Genotyps, der Anleitung, wie wir gebaut werden? Haben wir eine innere Grenze zu unseren Architekten?

Ein gängiger Fehler bei der Interpretation der Evolution hängt mit der Verwechslung von Absicht und Grund, Ziel und Ursache zusammen – kurz: die Existenz eines Ziels zu unterstellen, wo es nur Gründe gibt, eine Teleologie, wo nur Kausalität herrscht. Die Arterhaltung steht beispielsweise nicht im Zentrum jenes Prozesses, den wir Evolution nennen, ja nicht einmal das Überleben des Individuums. Beides ist ein Nebenprodukt des Überlebens (und nicht eines abstrakten Überlebenstriebs) jenes Akteurs, um den es geht: das einzelne Gen. Dieses geht blind und von irgendwelchen Gründen bewegt Allianzen mit anderen Genen ein - am Anfang der Evolution in der Ursuppe, später in der Fortpflanzung. Mit diesen „Partnern“ bildet es die Anweisung für den Bau eines Organismus. Neue Organismen entstehen aber nicht nur bei der Durchmischung des Genpools in der Fortpflanzung, sondern auch durch Mutation einzelner Gene. Und hier wie dort gibt es keine Absicht, „besser“ zu werden: Gene denken nicht, sie entstehen, bestehen und ändern sich aus physikalischen Gründen, genauso wie ihre Mutationen.

 


Wir sind die Extension unserer Umgebungen

Auch das, was man teleologisch aufgeladen als Auslese bezeichnet, ist ein blinder Prozess aus Gründen: Die nach dem Rezept der Gene synthetisierten Lebewesen werden in dieser Umgebung länger oder weniger lang leben, sich dadurch länger oder weniger lang reproduzieren und somit mehr oder häufig werden. Giraffen mit langem Hals hatten keine Wahl: Sie lebten länger und wurden häufiger. Ob sie wollten oder nicht.

Auch hier der Versuch einer Ausdehnung dessen, was wir sind: Wir sind zu einem gewissen Grad unsere Umgebung – nicht nur im Moment, weil wir wie ein Wolkenkratzer (vergleichbar etwa mit den von Leibniz erdachten Spiegel-Entitäten Namens Monaden) die ganze Welt „spiegeln“, sondern auch über die Zeit hinweg, alle Umwelten, die unsere Vorfahren überleben mussten und die sie überlebten, an die sie und damit ihre Gene angepasst waren. Unsere Gene „spiegeln“ all unsere vergangenen Umwelten, bis zurück zur Ursuppe, in der die Vorgänger der Gene noch ohne die Hüllen, die sie zu ihrem Schutz später um sie gebaut haben und aus denen Pflanzen und Tiere wurden, schwammen und nur eines taten: sich verdoppeln und anderen Bestandteile zu stehlen, damit sie das tun konnten. Später hiess das Fressen.

 

Was Gott vereint hat, soll der Mensch nicht trennen: Die Subjekt-Objekt-Spaltung

Es ist einmal mehr unserer Haut zu verdanken, dass wir uns als für sich stehendes Subjekt sehen, das in "splendid isolation" Objekte betrachtet. Zumindest, wenn es nach der Tradition der Subjekt-Objektspaltung ginge und nach der aus ihr folgenden Abbild-Theorie der Sprache: wir hier und dort drüben, das, was uns Eindrücke sendet und uns dann – entweder vermittels der Spontaneität unseres Urteils oder aber durch krude kausale Bewirkung – etwas darüber denken oder sagen lässt. Und meist führt dies verbunden mit der mentalistischen Tradition – der Idee, dass Gedanken ein Reich eigenen Rechts haben - dazu, dass Gedanken und Sprache wie in Comics als Sprechblasen aus der Welt gestülpt einen ontologisch undefinierten Status haben. Dabei: Dass wir nur über Sprache (falls das so wäre) über die Welt denken können erhebt ihren Status ja eigentlich nicht und macht sie auch nicht zu etwas, das nicht zur Welt gehört - ob diese nun materiell oder geistig ist.

 


Sind wir unser Wille - und wer ist das?

Bei der Frage, wer wir sind, darf er natürlich nie fehlen: unser Wille. Wer ist das? Wir können tun, was wir wollen, aber nicht wollen, was wir wollen – das ernüchternde Resultat von Arthur Schopenhauers Philosophie. Nicht nur für die Sprache hätte das Konsequenzen, (wollen ist müssen – und umgekehrt), auch für unser tägliches Selbstverständnis. Wenn wir etwas kaufen: wollen wir es dann - oder müssen wir es wollen? Um das herauszufinden, müssten wir uns selbst wie einem Objekt gegenüberstehen können. Die klassische, auch für andere Probleme der Erkenntnistheorie verantwortliche Subjekt-Objektspaltung dürfte hier an ihre innere Grenze stossen. Oder müssen wir einfach sein, der wir sind, um zu wollen, was wir wirklich wollen? „Werde, der Du bist, damit Du wollen kannst, was Du willst - und glauben darfst, was Du zu wollen meinst!“ Was aber, wenn wir schon immer sind, wer wir sind – und stets schon wollen, was wir wollen? Wer will uns noch sagen, was jenseits dessen, was wir zu wollen glauben, unser wahrer Wille ist? Und vor allem: Was ist der Unterschied für unsere Zufriedenheit zwischen dem, das wir zu wollen glauben, und dem, was wir „wirklich“ – an und für sich – wollen? Wie wäre er zudem festzustellen?

Kognitive Dissonanz fühlen wir meist, wenn es bereits zu spät ist: die Kaufreue nach dem Kaufrausch, im schlimmsten Fall, schon wenn man das Geld über den Tresen reicht. Und vielleicht erst am nächsten Tag. Aber auch dann werden wir unseren Willen – wer ist dieser Herr? – ja womöglich wieder falsch interpretieren. Vielleicht gibt es kein unverzerrtes Selbst-Abbild. Was es gibt, sind Präferenzen, Wünsche, die wir spüren. Wozu interpretieren, was unser „wahrer“ Wille ist. Er kann nicht Analyseobjekt sein, da wir uns nie selbst gegenüberstehen. Wir sind dieser Wille viel eher, ständig, und leben ihn. Doch das Schrödinger-Katzenhafte in der Black-Box, die wir uns selbst sind, raunzt nicht nur regelmässig Unverständliches an unser inneres Ohr. Doch aus wenn uns aus dem Grund unserer Seele unsere eigene Urteilskraft als Zerrbild fratzenhaft entgegengrinst, auch wenn die herrische Fistelstimme im innersten Selbst immer nur verfälscht in die Hirnlappen aufsteigen würde, wir können nichts Anderes wollen als was wir tief in uns, wo das hauseigene Orakel wohnt, zu wollen meinen – und sei es, weil wir das immer schon tun und gar nichts da ist, das noch Innerlicher ist, als was sich äussert.

 


Aggregat Mensch

Auch unsere inneren Grenzen sind also kein sichereres Fundament, um uns aus der Welt auszufällen.

Dass die Humanwissenschaften nicht zu den exakten Wissenschaften gehören, hat aber noch einen anderen Grund: Der Mensch ist kein Massepunkt, dessen Verhalten in exakten Bahnen den physikalischen Gesetzen der Bewegung exakt gehört – und daher prognostizierbar wäre. Der Mensch ist ein – wie wir gesehen haben wohl eher durchlässiges – Aggregat.

Ein Beispiel: Die Ökonomie etwa ist trotz ihrer exakten (mathematischen) Methoden keine exakte Wissenschaft im Sinne der Beschreibung von Bewegung von Massepunkten. Ihr Ziel ist es nicht, Entscheide im Hirn Molekül für Molekül zu verfolgen, sondern eben gerade davon zu abstrahieren, das Aggregat Mensch in einer quasi-physikalischen Als-Ob-Rechnung als einzelnen Massepunkt im Spiel der ökonomischen Kräfte zu beschreiben. Dieser homunculus vermag damit erstaunlich viel individuelles Verhalten, sowie jenes von Organisationen und Institutionen zu erklären. Es geht um Entscheide, insofern sie logisch sind (um einmal das schwammige Wort „rational“ zu verabschieden), ausgehend von – irgendwie - emergierten Wünschen und vorhandenen Mitteln.

 


Ausdehnung der Rationalität

Damit sind wir bei der Rationalität: auch sie wird immer wieder zu eng verstanden, weshalb etwas viel zu schnell als irrational gilt. Selbst Gefühle müssen ihre Logik, ihre Ratio haben, und sollten sie auch unsere individuelle Vernunft übersteigen. Zwischen den beiden Begriffen könnte eine weitere Grenze sein, die durchlässiger ist, als unser Sprachgebrauch es zubilligt.

Vergessen wir nicht: sowohl Kalkül als auch Gefühl finden in uns statt (und damit – es schadet nicht, es immer wieder zu sagen - in der Welt). Intuition und Gefühl könnten ohne allzu viel Fantasie als von der Evolution aus Generationen von Individuen herausdestillierte Als-Ob-Kalküle gelten, die unbewusst ablaufen, aber im Resultat einer Berechnung gleichkommen (etwa die vom Adler berechnete Flugparabel). Selbst unbewusste Prozesse könnten so gesehen einer übergeordnet-evolutionären Rationalität gehorchen. Und zwar gerade weil sie in gar nicht mehr bewusst beinflussbaren Reflexen angelegt wurden, die offenbar Sinn machen in der Anpassung an die Wirklichkeit. Und womöglich gibt es nichts Logischeres und Wahreres als die Wirklichkeit.

Wie im Schlaf rechnen wir uns durch den Alltag. Und wenn mir merken, dass wir es nicht tun, bemühen wir uns, rationaler zu sein, nutzenmaximierender - dabei braucht ein Prinzip keine Erfüllungsgehilfen oder Steigbügelhalter. Es wirkt schon immer.

Die ökonomische Theorie ist trotz aller Kritik deshalb so erfolgreich, weil sie etwas Asymptotisches hat, Hyperbolisches und Extrapoliertes, etwas, das eben nicht das konkret Einzelne im Auge hat, sondern den Durchschnitt, die Tendenz. Und so gesehen ist sie ein erfolgreicher Erklärungsansatz, ob es nun um tatsächliche Kalküle geht, oder um Objekte, die sich verhalten, als ob sie rechneten, während diese Als-Ob-Rechnung automatisch erfolgt, als Reflex, als Bewegung (denken wir an den Adler) oder auch als Gefühl, das etwas auslöst.

Handelten Menschen nicht seit jeher, vor jeder entsprechenden Fakultät als ob sie ökonomisch geschult wären? So, wie der Fischadler die Trajektorie seines Anflugs weder kennt noch berechnet, aber so fliegt, als kenne er sie. Und der Stein fällt, als ob er die Gravitation kenne, ja noch mehr: als ob ein Gesetz wirklich existierte. Dabei verhält sich die Welt einfach so. Und auch wir können uns selbst nicht entrinnen: Wir sind Nutzenmaximierer – diese Aussage ist sogar dann wahr, wenn wir den Nutzen anderer mit-maximieren (Altruismus) oder danach streben, ins Himmelreich zu kommen. Aber rechnen wir die ganze Zeit oder verhalten wir uns, als ob wir rechneten? Hat die Evolution Individuen häufiger werden lassen, die mehr rechnen – oder solche, die sich so verhalten, als ob sie es täten? Oder beides?

Wenn man glaubt, dass Kausalität und Rationalität zumindest erfolgreiche Muster sind, um den Gang der Welt zu verstehen, dann macht es Sinn, eine über das Bewusstsein hinausgehende Rationalität anzunehmen, selbst bei unbewussten Prozessen oder in dem, was wir Gefühle nennen. Denn auch Entscheide, die nicht mit kristallinem Bewusstsein fallen, stehen unter Selektionsdruck. Das Prinzip dahinter könnte sich nicht halten, wenn es nicht ökonomisch wäre, d.h., wenn mit den eingesetzten Ressourcen evolutionär grössere Vorteile erzielt werden könnten.