Blogbeitrag vom 20. April 2016

Menschen sind kein kosmischer Zufall

Vom Standpunkt der physikalischen Kosmologie sieht es so aus, als sei es ein unwahrscheinlicher Zufall, dass sich im Universum Leben entwickelt hat. Das hat Kreationisten inspiriert, aus der erforderlichen Feinabstimmung der kosmischen Anfangsbedingungen auf mögliches Leben hin für die These einer intelligenten Gestaltung des Universums durch einen Schöpfer zu argumentieren.

Ich glaube aber, dass die Annahme intelligenter Gestaltung überflüssig ist, weil unsereins sich mit logischer Notwendigkeit im Universums entwickeln musste. Wir sind weder ein kosmischer Zufall noch das Produkt eines intelligenten Gestalters, sondern – so seltsam es klingen mag – logisch notwendig. Dies lässt sich im Rahmen einer Denksportaufgabe zeigen.

Das Universum erstreckt sich in Raum und Zeit; und Raum und Zeit haben die Eigenart, Sym­metrien und Endloswiederholungen zuzulassen. Wenn das Universum einen zeitlichen Symmetriepunkt hätte, irgendwo in ferner Zukunft von uns aus gesehen, so würde jenseits dieses Zeitpunktes alles spiegelbildlich rückwärts laufen. Doch unseren rückwärts lebenden zukünftigen Doppelgängern würden umgekehrt wir als rückwärts lebende Zukünftige erscheinen, weil sich ein zeitliches Vor und Zurück hier gar nicht objektiv bestimmen liesse. Analog verhält es sich mit räumlichen Symmetrien und den Differenzen von rechts und links, oben und unten, hinten und vorn.

Alternativ können wir uns vorstellen, dass sich seit ewigen und in ewige Zeiten exakt gleiche Weltepochen (Urknall – Expansion – Kontraktion – Implosion) periodisch wiederholen. Wir hätten dann unendlich viele exakte Doppelgänger in den vergangenen und unendlich viele exakte Doppelgänger in den zukünftigen Weltepochen. Und was der Zeit recht ist, sollte auch hier wieder dem Raum billig sein: Im Raum lassen sich analoge zweiseitige Endlos-wieder-holungen denken. Dies hängt mit der Natur von Raum und Zeit zusammen, kraft deren sie Individuationsprinzipien der Dinge sind und es ermöglichen, den Begriff der numerischen Identität vom Begriff der qualitativen Identität zu unterscheiden.

Nun kommt die erste Denksportaufgabe. Es gilt zu erklären, wie man sich im Denken und Erkennen eindeutig auf die Dinge in Raum und Zeit beziehen kann, und zwar selbst unter den widrigen Bedingungen von Symmetrien oder Endloswiederholungen. Stellen wir uns zunächst ein allwissendes Wesen ausserhalb der raumzeitlichen Welt vor: Es wird dazu – Allwissenheit hin oder her – nicht in der Lage sein; denn es kann keinen Unterschied zwischen allfälligen Duplikaten angeben. Man kann ihm auch nicht mit dem gutgemeinten Rat helfen, aus einer Menge ununterscheidbarer Duplikate eines willkürlich herauszugreifen und sich darauf zu beziehen. Denn willkürlich herausgreifen kann ich nur, worauf ich mich schon eindeutig bezogen habe; und eben dies ist hier nicht möglich.

Nun stellen wir uns per Kontrast ein denkendes Wesen mit beschränktem Wissen innerhalb der raumzeitlichen Welt vor, zum Beispiel uns jeweils selbst. Und siehe da: Was das allwissende Wesen nicht kann, ist für uns ein Kinderspiel. Auch wenn ich und der Schreibtisch, an dem sich sitze, und die Stadt, in der ich wohne (usw.), unendlich viele exakte Doppelgänger in der Vergangenheit und Zukunft haben mögen, kann ich mich mühelos auf genau mich, meinen Schreibtisch, meinen Wohnort (usw.) beziehen: Mein Schreibtisch steht jetzt hier, wo ich sitze, der ich dies denke. Mein voriger Doppelgänger hatte auch so einen Schreibtisch vor so und so viel Milliarden Jahren, und mein nächster Doppelgänger in ebenso viel Milliarden Jahren wird wieder so einen Schreibtisch haben – und der vorvorige und der übernächste Doppelgänger usw. ebenfalls.

Ein innerweltliches Subjekt also, das sich selbst leiblich in Raum und Zeit situiert, weiss, leistet im Handumdrehen, was einem „allwissenden“ Ausserweltlichen verwehrt bliebe: Es kann sich eindeutig auf die Einzeldinge der Welt, in der es lebt, beziehen; es kann, wie das in der Fachterminologie heisst, die Dinge „epistemisch individuieren“ (in seinem Wissen eindeutig auseinanderhalten).

Jetzt zur zweiten Rätselfrage. Mit ihr fragen wir nicht mehr nach der epistemischen, sondern jetzt nach der „ontischen“ Individuation. Das heisst, wir fragen nicht mehr, wie wir die Dinge auseinanderhalten, sondern wodurch die Dinge selber voneinander unterschieden sind, und zwar auch (und gerade) die Dinge mit Doppelgängern von eben diesen.

Knifflig wird die Frage, wenn wir uns folgendes klarmachen: Wenn a und b zwei Dinge sind, so muss etwas von a gelten (über a gedacht und gesagt werden können), was nicht von b gilt, und umgekehrt. Andernfalls wären a und b nicht zwei Dinge, sondern eines. Wenn a und b zwei gleiche Billardkugeln sind, so mag zum Beispiel a auf dem Billardtisch und b auf dem Fussboden liegen. Dann sind a und b zwar nicht für sich, wohl aber durch ihre Umgebungen voneinander unterschieden. Aber im Fall unserer Symmetrien und Endloswiederholungen sind auch die Umgebungen der Dinge Doppelgänger voneinander. Wodurch also unterscheiden sich die Dinge dann von ihren Doppelgängern? Nur dadurch, dass unsereins sie epistemisch individuieren kann! Ich denke über meinen Schreibtisch: „Er steht jetzt hier“. Dies gilt von ihm, aber nicht von seinen Doppelgängern, und dadurch – nur dadurch – ist er von seinen Doppelgängern unterschieden.

Also muss zu Raum und Zeit, weil sie grundsätzlich Symmetrien und Endloswiederholungen erlauben, denkende und sprechende Subjektivität gehören, die irgendwo und irgendwann (nicht immer und überall) leiblich verkörpert ist. Dies ist die Subjektivitätsthese, die zu beweisen war.

Natürlich bleiben philosophische Beweise anders als mathematische immer umstritten, daher auch die Subjektivitätsthese. Und natürlich bleiben Thesen in der Philosophie nicht allein. Daher ist auch die Subjektivitätsthese zu einer umfassenden philosophischen Theorie ausgearbeitet worden, die den Namen „hermeneutischer Realismus“ trägt.