Textauszug* und Blogbeitrag vom 29. Februar 2016

Mensch und Tier

Die kategorische Unterscheidung zwischen Mensch und Tier, die sich in den von den mosaischen Religionen beeinflussten Kulturen findet, ist eine eigentümliche. Sofern man sie als eine Beschreibung von Tatsachen versteht, hat sie heute keine Grundlage mehr in der biologischen Forschung.

Die mosaischen Religionen kategorisieren anders als der Aristotelismus. Menschen als ein animal rationale oder ein zoon logon echon zu bestimmten, bedeutet ja, sie als eine Art von Tieren oder Sinnenwesen (animal, zoon) anzusehen, die innerhalb dieser Klasse eine spezifische Differenz, die Vernünftigkeit oder Sprachfähigkeit, auszeichnet. An diesen Aristotelismus anknüpfend klingt für einen Biologen oder eine Biologin eine Gegenüberstellung von Mensch und Tier wie ein Kategorienfehler. Biologisch betrachtet ist der Ausdruck „Mensch und Tier“ äquivalent zu Ausdrücken wie „Eichen und Pflanzen“ oder „Amseln und Vögel“, in denen eine Art einer Gattung oder Familie subsumiert wird. Da bei „Mensch und Tier“ jedoch gemeint ist, dass Menschen eben keine Tiere, sondern etwas anderes sind, liegt hier keine spezifische, sondern eine kategoriale Differenz vor, die eine Subsumtion gerade ausschließen soll. Würde die Biologie nach Merkmalen des Menschlichen suchen, die Menschen von allen Tieren unterschiede, bemühte sie sich, das Gottesebenbildlichkeitskriterium aus der Bibel naturalistisch einzuholen, also Menschen biologisch zwar als Tiere darzustellen, aber biblisch auch als Wesen , die von allen anderen Tieren grundlegend abweichen. Das ist vom Standpunkt der Biologie aussichtslos. Denn Menschen unterscheiden sich, sofern sie als Repräsentanten einer Art betrachtet werden wie alle anderen Artrepräsentanten von den Repräsentanten anderer Arten. Aber sie haben natürlich auch etwas mit den Repräsentanten dieser anderen Arten gemeinsam, sofern sie zur selben Gattung, der selben Familie, Ordnung, Klasse und dem selben Stamm gehören. Menschen sind Primaten wie die Schimpansen, Säuger wie die Kühe, Wirbeltiere wie die Fische und Mehrzeller wie die Eichen. Insofern sind Menschen als homo sapiens, also biologisch verstanden, Tiere wie alle anderen Tiere und Lebewesen wie andere auch. Wie der Esel, equus asinus oder das Huhn, gallus gallus domesticus, kann man ihn von anderen Tieren unterscheiden, aber an vielen Merkmalen erkennen, dass er selbst ein Tier und als solches ein Lebewesen ist. Menschen nicht als Tiere (und natürlich auch nicht als Pflanzen) begreifen zu wollen, bedeutet daher letztlich, den Begriff „Mensch“ nicht als Kennzeichnung für eine natürliche Art anzusehen. 

Es mag sein, dass sich in der Aussage „Wir sind Menschen“ eine Gruppe von Wesen selbst einen Namen gibt, so wie sich eine Gruppe den Namen „Meier“ geben kann und damit nicht eine natürliche Art meint, die es unabhängig von der menschlichen Tätigkeit des Ordnens gibt. Doch dies geschieht dann ja, damit sich die eine Gruppe, die Meiers, von den anderen, die sich ebenfalls Namen geben, wie die Schmidts und die Schulzens, unterscheiden kann. Ein solches konventionelles Unterscheidungsbedürfnis ist jedoch schwer als Motiv für die Ziehung einer kategorialen Differenz zwischen Menschen und Tieren verständlich zu machen. Denn sofern wir wissen, geben sich die anderen Tiere keine Gruppennamen (vielleicht die Delphine). Man kann sich von den Tieren als benennende Wesen sowohl unterscheiden, indem man sich als benennendes Tier charakterisiert, wie auch, indem man sich als die Benennenden von den Tieren, die nicht benennen, kategorial abtrennt. Wenn eine Gruppe A sagt, dass die Bs wie sie selbst, die As, auch Cs sind, dann mögen die Bs das zurückweisen und sagen, dass sie ganz anders als die As sind. Doch die Hunde sagen nicht von den Menschen, dass sie wie sie selbst auch Lebewesen sind. Sie sagen bekanntlich gar nichts.

Alle nominellen Gruppierungen der Lebewesen stammen von „uns“, denen, die sich „Menschen“ nennen, auch wenn es die Fortpflanzungsgemeinschaften, die mit solchen Namen bezeichnet werden, viel länger gibt, als die nominellen Zusammenfassungen. Schließlich sprechen „wir“ davon, dass es die Ordnung der Krokodile seit mehr als 200 Millionen Jahren gibt. Kein Mensch konnte vor 200 Millionen Jahren jemanden benennen. Aber die Benenner glauben, dass die Wesen, die sie benennen, als Gemeinschaft von sich miteinander Fortpflanzenden schon lange vor ihnen selbst als Benennenden existiert hat. Deshalb schaffen die Benenner nicht, wie manchmal irrtümlich von einigen Diskurstheoretikern behauptet wird, die Gruppen, die sie benennen.  

Auch dies kann man auf eine Stelle in der Bibel beziehen. Man mag die Fähigkeit, andere Wesen zu benennen als eine nehmen, die die Benenner von den anderen Wesen, die nichts benennen, auf eine „grundsätzlichere“ Weise unterscheidet als die Tatsache, dass sie auf zwei und nicht auf vier Beinen oder dass sie auf Sohlen und nicht auf Hufen gehen. Alles, was Menschen mit Tieren scheinbar teilen: die Wahrnehmungs- und Bewegungsfähigkeit, die Notwendigkeit sich zu ernähren und fortzupflanzen, müsste man dann durch die Geistigkeit des Menschen, die sich in der Fähigkeit sich selbst und andere zu benennen manifestiert, als so verändert betrachten, dass es sich von der animalischen Wahrnehmungs-, Bewegungs-, Ernährungs- und Fortpflanzungstätigkeit grundsätzlich unterschiede. Die Wahrnehmungs-, Ernährungs- Fortpflanzungsfähigkeiten eines Tieres wären dann begrifflich nicht informierte und als solche „grundsätzlich“ anders als die begrifflich informierten Fähigkeiten der geistigen Wesen. Eine solche Denkweise wird sich eines spekulativen Begriffs von Begrifflichkeit bedienen, der wenig mit der empirischen Erforschung der Unterscheidungsfähigkeiten von Tieren zu tun hat und viel mit der logischen Analyse der Sprache, in der abstrakte Gegenstände postuliert werden (singulären, generellen Terme und Propositionen als „Wahrmacher“ von Sätzen). Insofern beerbt eine mit einem starken Konzept von begrifflichen Fähigkeiten operierende philosophische Anthropologie die kategorische Trennung zwischen Mensch und Tier aus den mosaischen Religionen. Es ist die Frage, ob das für oder gegen diese Anthropologien spricht.

*Textauszug

Textauszug aus Michael Hampe: Wir Menschen, S. 144-147, leicht verändert, in: Orientierung am Menschen Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven Hg. von Oliver Müller und Giovanni Maio, ©Wallstein Verlag, Göttingen 2015.