Blogbeitrag vom 27. März 2016

Durch mich selbst zur Identität?

Wir Menschen zeichnen uns durch unser Selbstbewusstsein aus. Wir können uns auf uns selbst beziehen und zum Beispiel darüber nachdenken, wer wir sind und wie wir sein wollen.

Wir können Pläne für die Zukunft schmieden oder unsere Vergangenheit Revue passieren lassen. Erst durch diese Fähigkeit zur Selbstbezugnahme erlangen wir eine persönliche und kulturelle Identität. Doch wie genau ist diese Fähigkeit zu erklären? Und wie entwickelt sie sich?


Traditionelle philosophische Theorien legten den Fokus eher auf unsere sprachlich-begriffliche Fähigkeit zur Selbstbezugnahme. Sie beschäftigten sich in erster Linie mit der Fähigkeit, „ich” sagen zu können. In jüngerer Zeit treten zunehmend andere, grundlegendere Formen der Selbstbezugnahme in den Vordergrund der Forschung. Dazu gehört etwa das Gefühl für unseren eigenen Körper. Auch die Tatsache, dass wir Objekte in unserer Umgebung immer schon aus einer bestimmten Perspektive wahrnehmen, verleiht unserer Wahrnehmung einen Selbstbezug. Allerdings sollte man zwischen dem Vorhandensein einer Perspektive und dem Wissen darum, dass wir eine Perspektive haben, unterscheiden. Erst wenn dieses Wissen vorliegt, können wir von Selbstbewusstsein im eigentlichen Sinne sprechen.

Das Wissen um die eigene Perspektive als solche aber kann sich nur in der Auseinandersetzung mit Anderen entwickeln. Erst wenn uns klar wird, dass es andere Wesen gibt, deren Perspektive auf die Welt sich von unserer unterscheidet, kommen wir zu einem expliziten Bewusstsein unseres eigenen Blicks auf die Welt. Selbstbewusstsein und das Bewusstsein von der Existenz Anderer sind also zwei Seiten einer Medaille. Unser Wissen um uns selbst ist demnach nur möglich, weil wir über die sozial-kognitiven Fähigkeiten verfügen, die Welt (einschließlich uns selbst!) mit den Augen Anderer zu sehen; der Mensch ist ein wesentlich soziales Wesen.

Doch wie genau kann man sich diesen Prozess der Auseinandersetzung mit Anderen und der in diesem Zuge stattfindenden Selbstgewahrwerdung vorstellen? Um diese Frage zu beantworten ist es hilfreich, sowohl philosophische Überlegungen als auch Erkenntnisse aus den empirischen Wissenschaften wie der Entwicklungspsychologie zu Rate zu ziehen. Diese Erkenntnisse legen nahe, dass sich Selbstbewusstsein und soziale Kognition in einem stufenweisen Prozess der zunehmend komplexer werdenden Fremd-Selbst-Unterscheidung entwickeln. Dieser Prozess beginnt bereits kurz nach der Geburt und setzt sich im Verlauf der frühen Kindheit fort. Schritt für Schritt lernt das Kind durch die spezifisch menschlichen Formen der sozialen Interaktion, insbesondere durch Prozesse, die geteilte Intentionalität erfordern, seine Interaktionspartner als Subjekte zu begreifen – und begreift im Gegenzug sich selbst als eigenständige Person (und Persönlichkeit).

Die Fähigkeit, Andere zu verstehen, setzt sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Formen der sozialen Kognition zusammen. Einige davon beruhen eher auf unseren begrifflichen Fähigkeiten, über die Gedanken und Gefühle anderer nachzudenken. Man denke an ein Gespräch unter zwei Freunden, in dessen Verlauf man das merkwürdige Verhalten eines Dritten zu erklären versucht. Andere sind eher als intuitive, körperliche Formen der sozialen Kognition zu verstehen. So passen sich etwa die Bewegungen zweier geübter Tänzer automatisch aneinander an. Auch nehmen wir oft automatisch die Stimmung eines Anderen auf und reagieren entsprechend.

Es gilt nun, diese sozialen Fähigkeiten genauer zu bestimmen, ihre Grundlagen zu erklären und ihr Verhältnis zueinander verständlich zu machen. Nur so erlangen wir ein besseres Verständnis unserer wesentlichen Fähigkeit, uns selbst und Andere zu erkennen.