Blogbeitrag vom 4. Januar 2016

Die Sinne des Lebens

Was ist der Sinn des Lebens? Das haben sich wohl kaum nur die Philosophen gefragt. Und die Antwort auf diese Frage konnte bisher nie befriedigend beantwortet werden.

Deep Thought aus der fiktionalen Welt der Sciencefiction-Erzählung Per Anhalter durch die Galaxis (Originaltitel: The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, geschrieben von Douglas Adams) wurde zur Beantwortung der Sinnfrage gebaut und sogar nur deshalb. Ernüchtern fällt die Antwort aus: Der Sinn des Lebens sei 42. Andere sagen – und das scheint der Sache intuitiv viel näher zu kommen – der Sinn des Lebens müsse mit Fortpflanzung zu tun haben. Leben heißt dann also Überleben; und da ein einzelner Mensch nicht ewig lebt, pflanzt er sich fort, damit die menschlich „Rasse“ oder anders gesagt der Mensch an und für sich überlebt.

Sicher kennen Sie noch andere Antwortmöglichkeiten auf die Sinnfrage. Für mich stellt sich aber ein grundsätzliches Problem mit der Frage nach dem Sinn des Lebens, nämlich folgendes: So, wie die Frage gestellt wird, setzt sie eine Antwort voraus, die von einem einzigen, universellen – d. h. allgemein gültigen – Sinn spricht. Nehmen wir nochmals das Beispiel der Fortpflanzung! Wenn die Fortpflanzung der Sinn des Lebens wäre, würde das bedeuten, dass alle Menschen nur diesen Sinn hätten. Was ist dann aber mit den Menschen, die sich in ihrem Leben nicht fortpflanzen, obwohl sie es könnten, wenn es also Menschen gibt, die sich gegen den Sinn des Lebens entscheiden? Und was ist, wenn ein Mensch Kinder bekommen hat, sie aufgezogen hat und alle sind nun selbständig und gesund; ist dann ihr Sinn des Lebens erfüllt? Sind diese Menschen dann im Grunde bereit zu sterben? Bestimmt sind auch hier Lösungsansätze zu finden, die diese Folgenfragen beantworten. Mir scheint die Fortpflanzung als Lebenssinn jedoch keine elegante Antwort. Sie ist unbefriedigend, würde das die richtige Antwort sein, müssten doch alle Menschen nichts anderes mehr tun, als sich fortzupflanzen und für ihre Nachkommen zu sorgen. Das scheinen aber nicht der Fall zu sein, denn es gibt Menschen, die sinnerfüllt sind, ohne sich auf die Fortpflanzung zu konzentrieren.

Ich wiederhole das oben Gesagte: Wenn wir nach dem Sinn des Lebens fragen, impliziert das eine universelle Antwort. Und genau hier möchte ich neu ansetzten: Gibt es einen Sinn des Lebens? Meine Antwort ist nein, es gibt keinen allgemeingültigen Sinn des Lebens. Betrachtet sich der Mensch von außen, sagen wir zum Beispiel in Relation zum Universum, dann spielt es keine Rolle, was der Mensch tut, und wenn die Erde explodieren würde, so schrecklich es auf den ersten Blick klingen mag, spielt das insgesamt für das Universum keine besondere Rolle (hier sollte mit Vorsicht gelesen werden, dass das Handeln der Menschen von weit außen betrachte irrelevant ist, heißt nicht, dass es allgemein für die Menschen irrelevant ist!).

Nun habe ich die Frage nach dem Sinn des Lebens mit Nein beantwortet und schulde Ihnen stattdessen einen produktiven Gegenvorschlag. Sie werden sich meine Gegenthese vielleicht schon anhand des Titels überlegt habe. Ich glaube, es gibt so etwas wie mehrere Sinne des Lebens. Der Begriff ‚Sinne’ meint hier den Plural von ‚Sinn’ und nicht die menschlichen Sinne, wie etwa der Geruchsinn oder das Sehen oder ähnliches. Es ist ein Wortspiel, das gleichzeitig meine Überlegung prägnant, aber auch stark verkürzt widergibt. Die Überlegung ist die folgende: Jeder einzelne Mensch hat einen ganz eigenen Sinn des Lebens. Dieser ist nicht starr, sondern flexibel und verändert sich in den verschiedensten Lebenssituationen manchmal mehr und manchmal weniger. Sie fragen sich jetzt vielleicht, woher kommt dieser jedem persönlich anhaftende Sinn des Lebens? Diese Frage kann ich noch nicht so recht beantworten. Ich glaube aber, dass jeder Mensch sich einen Sinn des Lebens selbst erschafft. Manche tuen das bewusster und mache eher spontan. Wie komme ich auf diesen Gedanken? Nun, ein Mensch braucht einen Sinn des Lebens, weil er sich sonst sinnlos fühlt und deshalb gibt er sich selbst einen Sinn. Ich werde nur ungern makaber, aber das folgende Beispiel erhellt die Idee meist: Wenn ich einigermaßen Recht habe, dürfte gesagt werden: Ein Suizid entsteht in aller Regel, wenn ein Mensch nicht mehr fähig ist, sich selbst einen Sinn des Lebens zu geben. Und ja, suizidgefährdete Mensch können teilweise ein Photo ihrer kleinen Kindern ansehen und sich in diesen Momenten einen Sinn geben, nämlich die Kinder zu beschützten und ihnen helfen, groß zu werden. Jemand anderes könnte den „Sinn“ haben, reich zu werden; und noch ein anderer möchte arm als Philosoph durch die Städte ziehen und Weisheiten lehren. Die Menschen handeln nach ihrem Sinn des Lebens, den sie sich selbst geben. Etwa so stelle ich mir die Antwort der Sinnfrage vor.  

Sollte dem tatsächlich so sein, lässt sich auch sagen, dass manche Sinne des Lebens sich zum Teil sehr ähnlich sind. Die Person A möchte vielleicht reich werden und gleichzeitig Kinder großziehen, während die Person B nur reich werden will. Nehmen wir noch hundert andere Personen hinzu, die einerseits reich werden wollen und diesen „Sinn des Lebens“ noch mit einem andern verbinden, dann können wir bei diesen hundert eine Schnittmenge ihrer Sinne des Lebens erfassen, die sich zumindest in Punkto „reich werden“ decken. Diese hundert Menschen würden isoliert bei einer Diskussion vielleicht auf die Idee kommen, dass der universelle Sinn des Lebens das Reichwerden ist und manche würden diese Erkenntnis relativieren, weil der Sinn des Lebens für sie mehr beinhaltet als das Reichwerden – Natürlich handelt es sich auch hier wieder nur um ein Gedankenexperiment, dass so abstrakt nicht in der Wirklichkeit umgesetzt werden kann; aber es zeigt, wie meine Idee der Sinne des Lebens funktioniert. Und über die Folgen der Idee lässt sich weiter nachdenken.