Blogbeitrag vom 11. Mai 2016

Die Selbsttötung – Grenzsituation und Ambivalenz der Freiheit

Gerne wird in der Frage, ob die Selbsttötung erlaubt sein solle, die wohlwollende Haltung der Antike erinnert und mit Entsetzen auf das rigide Verbot des Christentums verwiesen.

 Betrachtet man genauer die textlichen Befunde, so fällt auf, dass zuerst die  die griechische Tradition eine tiefe Skepsis gegenüber der freien Entscheidung zum Tode hegte. Das Christentum übernahm zur Zeit des Augustinus, am Ende des Römischen Reiches, den Gedanken der sozialen Verantwortlichkeit, den Platon mit dem Appell ausgedruckt hatte, der Mensch solle „auf seinem Posten“ bleiben und dürfte sich nicht aus willkürlichen Motiven umbringen. Der pragmatische Horizont der öffentlichen Verantwortung wurde durch das dogmatische Verbot ergänzt, zumal bis dahin, vor allem in den frühen Zeiten der Verfolgung, die Selbsttötung der Märtyrer eine oft gewählte Antwort auf die gesellschaftliche Bedrängnis gewesen war.

Aufklärung und Französische Revolution übernahmen die antik-christliche Tendenz, den Einzelnen als verantwortliches Glied der Gesellschaft zu sehen. Man blieb ambivalent gegenüber der Idee einer willkürlichen Freiheit. Die Psychiatrie wurde zunehmend zum gesellschaftlichen Sachwalter dieses Interesses und entwickelte ein dogmatisches Verbot der Selbsttötung, das den Gedanken per se unter Verdacht stellte, Ausdruck einer pathologischen Willensbildung zu sein.


Erst seit einem guten Jahrzehnt wird die Ambivalenz offener diskutiert, d.h. die rein klinische Betrachtungsweise aufgebrochen und die versteckte Wertdiskussion geführt.

Ein Vorreiter auf diesem Weg war der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers, der schon vor achtzig Jahren die Entscheidung zur Selbsttötung unter klinischer wie ethischer Perspektive in einem Essay diskutierte. Entscheidend ist für ihn das Postulat einer möglichen Freiheit. Es gebe oft einen inneren Raum des Abwägens, der nicht  von der Macht des diagnostischen Blickes dominiert werden könne, sondern vom Arzt vordere, persönliche Wertungen anzuerkennen, die seiner eigenen Weltanschauung widersprechen mag. Die Medizin erlaube im Regelfall auch nicht, die Wertsetzungen zu erkennen, die hinter dem scheinbar pathologischen Bestreben stehen können, aus dem Leben geben zu wollen. Die Medizin dürfe nicht zur Magd des öffentlichen Willens werden, sondern müsse helfen, die klinisch relevanten Tatsachen von den persönlichen Wertmotiven im Verständnis des Falles zu trennen.

In der Regel fällt bei unsicheren sicheren Kriterien die Unterscheidung schwer treffen, so dass es einfacher ist, entweder generell die suizidale Neigung unter klinischen Argumenten zu betrachten oder sie als Ausdruck der freien Persönlichkeit anzuerkennen. Die Wirklichkeit der Menschen liegt zwischen diesen Polen.

Für Jaspers war es kaum denkbar, dass man eine gesetzliche Regelung finden konnte, die grundsätzlich das Recht auf den eigenen Tod und die verordnete Hilfe durchsetzen würde. Seine Skepsis gegenüber willkürlichen Motiven, die schon die Antike umgetrieben hatte, war zu groß. Vielmehr sah er politische wir körperliche Grenzsituationen als gute Möglichkeiten an, um Hilfe eines Fachmannes zu erhalten, d.h. in den Besitz der nötigen Mittel zu gelangen, um die Selbsttötung auszuführen. Eine Regelung wie jene im amerikanischen Bundesstaat Oregon, die unter bestimmten Umständen einer finalen Krankheit diese Option nach psychiatrischen Prüfungen zugesteht, d.h. dem Betroffenen die Kontrolle über die Selbsttötung gibt, wäre in seinem Sinne.

Ein Postulat der generellen Freiheit, die keine Überprüfungen ihrer Einschränkungen für sinnvoll erachtet, erschien hingegen aus dieser Perspektive als eine Ideologie der Freiheit, die den Menschen sich selbst überlässt, ohne nach den historischen Umständen seines Willens offen zu fragen. Für Jaspers ist die der Kommunikation in diesem Sinne ebenso wichtig wie jene der Freiheit. Beide gehören zusammen. Man wird nur frei im Austausch und Abgrenzung von anderen, mit denen man Gründe und Auffassung, so gut es geht, auch im ärztlichen Gespräch als „Schicksalsgefährte“ teilen kann.

Die Idee der Freiheit ist mit der Idee der Kommunikation verschwistert. Und auch wenn es keine ideale Synthese zwischen beiden gibt, so scheint es mit Jaspers doch angebracht zu sein, die inneren Wege des Menschen im Gespräch auf ihre wirkliche Ausweglosigkeit hin zu überprüfen. Ein Mensch, der entschieden ist, weil sein Leben keine neuen Wege mehr birgt, wird sich durch einen offenen Austausch nicht von seiner Entscheidung abbringen lassen. Für einen anderen kann die Ernstnahme ein Beginn sein, einen unverhofften Weg zurück ins Leben mit sich und anderen zu finden.

Wir haben heute eine berechtigte Sorge gegenüber neuen Wegen der sozialen Beherrschung. Es darf aber nicht dahin kommen, dass in dem scheinbar reinen Postulat menschlicher Freiheit eine verantwortungs- und interessenlose Haltung  sich nicht selten abzeichnet, die von sozialer Kälte und Isolation gezeichnet ist. Das Postulat der Freiheit kann nämlich ein gnadenloser Ausdruck gesellschaftlicher Achtungslosigkeit sein oder auch die Chance bieten, sich in der heroischen Einsamkeit und Entscheidung ein letztes Mal in dem beziehungslosen zu ermächtigen, ohne die Chance erhalten zu haben, das Wagnis des Austausches einzugehen.

Wir haben als Menschen das Privileg, uns auszutauschen, in Kommunikation zu treten. Bevor diese Chance nicht wirklich genutzt ist, wirkt jede Rede von Freiheit als Vorwand, den anderen Menschen nicht als Mitmenschen ernst nehmen zu müssen.