Blogbeitrag vom 8. April 2016

Die Natur des Menschen – Moderne Wissenschaft und griechisch-abendländische Tradition

Mitunter fragen wir uns: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

Können wir intuitiv als sprechende Naturwesen mehr über unsere Natur wissen als die Hirnphysiologen, Physiker oder Evolutionstheoretiker, für die wir ein Gefüge von Vernetzungen sind?

Gibt es eine Natur des Menschen, auf die wir bei der Frage nach dem Menschen zurückgreifen können, oder gibt es nur reduktionistische und evolutionistische Erklärungsmodelle, sodass über den Menschen nur in Begriffen des Nichtmenschlichen gesprochen werden kann? Kann die Philosophie etwas über das Ganze des Menschen sagen, oder gilt der abgewandelte Satz des Protagoras, dass die menschliche Wissenschaft das Maß aller Dinge ist?


Die Hirnforscher wie z. B. Wolf Singer und Physiker wie z. B. Carlo Rovelli beanspruchen, die Selbsterkenntnis des Sich-Wissens des Menschen kausal ableiten zu können.

Dass wir naturhaft ein umfassendes Erkennen und eine, wenn auch begrenzte Freiheit haben, setzen beide für ihr Forschen voraus. Gerade nicht durch Rückgriffe auf Naturgesetze wissen wir, dass wir alle eine gemeinsame Natur, eben die menschliche Natur, haben. Für diese Aussage gibt es keine objektivierende Beobachtungsposition; denn jeder mögliche Beobachter ist ja wiederum ein Mensch. Wir sind Menschen, und alle noch so verschiedenen Menschen, seien sie von unterschiedlicher Hautfarbe und unterschiedlicher Größe, sind ohne Unterschied Menschen. Menschen lassen sich nicht im selben Sinne wie Tiere in Rassen unterscheiden. Mit der Menschenwürde, die ein jeder Mensch hat, ist ein sittlicher Anspruch verbunden.

Auch wenn wir abstammungsmäßig einer der Primaten sind und wir von Hunderttausenden von Jahren gemeinsame körperliche Bedingungen mit diesen gehabt haben, so können wir doch von diesen weit entfernten materiellen Grundlagen nicht auf die jetzt existierende Form des Menschen schließen, die ein Ergebnis der zielgerichteten Natur ist. Die Lebenselemente unserer Umwelt, Wasser, Erde, Luft und Feuer, existieren innerhalb der Erdgeschichte auch in Frühformen, ohne dass wir zur Bestimmung dessen, was jetzt für uns sauberes und klares Wasser ist, diese Frühformen heranziehen müssten.

Die Entwicklung der Sprachfähigkeit und die Fähigkeit des Denkens haben eine Eigendynamik der menschlichen Kultur zur Folge. Die uns umgebende Natur, also z. B. Wasser, Erde und Luft, und unsere eigene Natur stellen ein nicht zu verbesserndes Resultat dar, dessen Betrachtung beim unvoreingenommenen Menschen immer wieder Staunen hervorruft. Das menschliche Genom ist eine Höchstform, deren manipulative Zerstörung bzw. Beeinflussung – denkt man an die jüngsten, die Veränderung des menschlichen Embryos erlaubenden biokapitalistischen Gesetze in England - scheinbar nicht verhindert werden kann. Nicht nur die erforschbare Materie ist Natur, auch wir sind Natur, insofern wir körperlich, fühlend und denkend sind. Wir erfassen und verstehen Natur als Ganzheit, die einen absoluten Zufall in der Entwicklung des Universums ebenso aus-, wie sie die Existenz von einsehbaren physikalischen Gesetzen im Kosmos einschließt.   Darüber hinaus erweist sich das Ganze als hierarchisch gegliedert, sodass dem Lebewesen Mensch schon von der Natur her ein eminenter Platz zukommt. Die Sonderstellung, die der Mensch im Kosmos hat, zeigt sich in der umgreifenden Dimension seiner Seele.

Sie besteht aus Vernunft, Willen und Begierde und ist in der Lage, der vernünftigen Ordnung zu folgen, oder auch durch irrationale Ausrichtung an den Begierden den Menschen und die Gesellschaft dem Untergang zuzuführen. Die nicht fixierte Stellung des Menschen im Kosmos erfordert, dass dieser selbst seine Natur im Sinne einer „zweiten Geburt“ (Tilo Schabert) noch einmal übernimmt. Und wir wissen mit Platon, Aristoteles und vielen anderen Philosophen, dass seine Natur, wie sie der Mensch im Privaten und wie sie die Staatskunst verwirklicht, besser oder schlechter sein kann. Der Mensch aber bedarf genauso der Ordnung wie die Natur, die sie schon hat.

Wegen des diffusen Einflusses des Neodarwinismus herrscht Unsicherheit, ob man von einem konstanten Wesen des Menschen ausgehen kann. Inzwischen hat die Überzeugungskraft soziobiologischer Behauptungen eines Richard Dawkins oder Edward Wilsons durch eine andere Einschätzung des Gens und der Rolle des Organismus (Denis Noble und James Shapiro) stark an Einfluss verloren. Auch weiß man aufgrund der Höhlenmalereien von Lascaux, dass es schon vor 40 000 Jahren Menschen mit feinem Kunstsinn und einem religiösen Jenseitsglauben gegeben hat. Eine andere Körpergröße oder ein anderes Körpergewicht des modernen Menschen sind dabei peripher. Dass der Mensch durch Personalität und Verantwortungsbewusstsein vor den Tieren herausragt, wird nicht durch seine entfernte Herkunft von den Tieren erschüttert. Bedingtheit durch Tiere ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Der körperlich-physiologische Vollzug einer Handlung, der beobachtbar ist, reicht nicht aus, um zu sagen, welche Handlung vorliegt. So kann z. B. eine bestimmte Handbewegung vieles bedeuten. Wir wissen deren genaue Bedeutung erst dann , wenn wir die geistige Intention des Handelnden kennen. Das unterschiedliche Gewicht der äußeren Handlungsbeobachtung und des innerlichen Wissens muss auf die Interpretation des Stellenwerts der menschlichen Stammesgeschichte übertragen werden. Die historisch beobachtbare Abkunft von den Tieren reicht nicht aus, um die Qualität der Ganzheit und Zentriertheit des menschlichen Wesen zu erklären. Die besondere Stellung des Menschen, seine exzentrische Positionalität (Helmut Plessner), wurzelt in einem umfassenden Geist und einem Naturverhältnis, die für einen Dualismus von Ganzheitserfahrung und erklärender wissenschaftlichen Forschung, Raum lassen. Der Dualismus kann nur von der philosophischen Ganzheitserfahrung her und nicht von der Physik oder der Evolutionstheorie her begründet werden.