Blogbeitrag vom 26. April 2016

‚Die menschliche Familie’: Ideale und Realitäten

Gibt es universelle Werte? Können sich Menschen als Personen einig darüber werden, was solche Werte sind?

Für viele Philosophen ist die Antwort (relativ) einfach gewesen: ‚Ja’. Die dafür leitende Hintergrundüberzeugung ist, dass jeder einzelne einen inhärenten Wert hat: man Individuen als Zweck an sich selbst behandeln soll und nie als Mittel zu einem anderen Zweck. In dieser Perspektive ist die Forderung, die moralische Gleichwertigkeit jeder Person zu respektieren, normativer Natur, und nicht nur eine ideologische Haltung unter anderen. Was steckt hinter diesem Glauben an die Normativität universeller Werte?

In seiner allgemeinsten zeitgenössische Inkarnation fusst der Glaube an universelle Werte auf dem Konzept der Menschenwürde, der Idee, dass jeder Mensch gleichberechtigt ist. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 verweist in ihrer Präambel auf die ‚Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräusserlichen Rechte’. Verfechter der Menschenwürde haben argumentiert, dass die Erklärung aufzeige, dass es universelle menschliche Übel, die verhindert werden sollen, sowie universelle Güter (wie Gesundheit und Bildung), die ein besseres Leben ermöglichen, gäbe. Auf diese Weise ist der Wunsch Übel zu verhindern – zum Beispiel zu töten oder absichtlich Schmerzen zu verursachen –ein Teil dessen, was uns als Menschen definiert, und ein prägender Einfluss auf die ethischen Vorstellungen von Gesellschaften in verschiedensten Zeiten und an verschiedensten Orten.

Der Ausgangspunkt zur Ergründung universeller Übel ist der menschliche Körper, sowie grundlegende physische und psychische Bedürfnisse unserer alltäglichen, körperlichen Existenz. Gewisse Situationen, wie zum Beispiel gefoltert oder versklavt zu werden, die Folterung von Geliebten zu erleben, mit Genozid oder Mord bedroht zu werden, in bitterer Armut zu leben oder keinen Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung zu haben, werden in der Regel von allen Menschen als Übel betrachtet. Primäre Bedürfnisse von Nahrung und Obdach, zum Beispiel, müssen erfüllt sein, bevor andere Bedürfnisse befriedigt werden können.

Auch wenn das Vermeiden solcher Übel ein universelles Bedürfnis ist, so sind die Konsequenzen daraus keineswegs eindeutig. Aus der Existenz universeller Übel kann nicht viel über die spezifischen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verpflichtungen und Institutionen einer Gesellschaft geschlossen werden. Die Idee, dass die gesamte Menschheit gemeinsame Interessen teilt, führte in der Vergangenheit zu vielfältigen und widersprüchliche Spekulationen über menschliche Universalismen, da die genauen Arten, wie Personen vor schweren Missbräuche geschützt werden sollen, umstritten bleiben. Die Geschichte bietet viele Beispiele – von der Emanzipation der Frauen zur Bürgerrechtsbewegung – wie heute moralisch selbstverständliches Verhalten in der Vergangenheit schwer vorstellbar und unkonventionell war. Es ist klar, dass soziale und kulturelle Einflüsse, sowie unser Wunsch und unsere Fähigkeit sich anzupassen, sich auf unsere moralischen Urteile auswirken. Wie andere Elemente der Kultur nehmen die Normen der Moralität ständig neue Formen an, obwohl sie in dauerhaften menschlichen Eigenschaften begründet sind.

Außerdem wissen wir aus empirischen Studien, dass obwohl die Moralvorstellungen verschiedener Gruppen oder Gesellschaften gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen – fast alle menschlichen Gruppen verbieten zum Beispiel Mord – diese Gruppen Aspekte ihrer Moral (wie zum Beispiel Autoritätshörigkeit oder Loyalität zu einer Gruppe) wichtiger einschätzen können als die Vermeidung und Verhinderung von universellen Übeln. In Anbetracht dieser Wahl zwischen mehreren widerstreitenden, universellen Werten, gibt es keine (einzige) richtige Antwort auf die Frage, was zu tun sei. In welchem Ausmass einige Werte (wie zum Beispiel Gewissensfreiheit, das Recht auf politische Partizipation und die Rechte der Frauen) zugunsten anderer (zum Beispiel soziale Harmonie, Religion und Familie) zurückgestuft werden sollen bleibt kontrovers.

Francisco Ayala stellt fest, dass die frappante Vielzahl von moralischen Systemen in der menschlichen Geschichte teilweise damit erklärt werden kann, dass gewisse Personen fühlten, „dass ein bestimmtes moralisches System für sie von Vorteil war, zumindest insofern, dass es, durch Förderung von sozialer Stabilität und Erfolg, vorteilhaft für die Gesellschaft war“. Die Vermeidung universeller Übel ist ein Grundinteresse aller Menschen, aber wie sich zeigt, kann dieses Ziel auf unterschiedlichste Weise realisiert werden.