Blogbeitrag vom 20. Februar 2016

Die Frage „Was ist der Mensch?“

Kaum ist die Frage gestellt, werden von allen möglichen Spezialisten Antworten angeboten. Vielleicht ist es nicht schlecht, zunächst darüber nachzudenken, was das überhaupt für eine Frage ist „Was ist der Mensch?“.

Kann man damit rechnen, eine klare und eindeutige Antwort zu erhalten? Weshalb wird diese Frage gestellt? Welche Interessen verfolgt man? Ist es eine Informationsfrage? Welches Fachwissen wäre einschlägig, das der Genetiker, der Neurowissenschaftlers, der Linguisten, der Historiker, der Psychologen? Oder ist es eine Orientierungsfrage, durch deren Beantwortung die Fragenden hoffen, Klarheit über ihre eigene Situation zu gewinnen? - So viel ist deutlich „Was ist der Mensch?“ ist eine Frage die darauf aus ist, gehaltvolle Aussagen über den Menschen im Allgemeinen zu finden. Es geht um das Wesen des Menschen.


Seit der Antike ist der Vergleich des Menschen mit den Tieren eine beliebte Denkfigur. Aristoteles sagte über den Menschen, er sei das einzige Lebewesen das Vernunft und Sprache hat. Dabei hat er ausdrücklich beachtet, dass Tiere ihre Affekte äußern können und dass sie ihr Verhalten durch Signalübertragung wechselseitig koordinieren. Aber die Sprache des Menschen unterscheidet sich durch ihre syntaktische Struktur, ihre logischen und semantischen Funktionen in dramatischer Weise von den Lebensäußerungen anderer Tiere. Ein Löwe kann brüllen. Aber er kann nicht sagen ‚Ich brülle jetzt nicht‘.

Die Tradition macht meist einen Unterschied zwischen der Intelligenz der Tiere und der Vernunft oder dem Geist. Als vernünftige Lebewesen gelten die Menschen im Vergleich mit anderen Tieren als überlegen. Mathematik und Logik mit ihren abstrakten Begriffen und formalen Verfahren, die zeitlose Wahrheiten zu formulieren gestatten, sind exemplarische Beispiele für die Leistungen des menschlichen Geistes.

Die klassische Philosophie hat aber keineswegs durchgängig die Auffassung vertreten, der Mensch sei die Krone der Schöpfung und das Maß aller Dinge. Im Gegenteil: seit der Antike wird der Mensch als ein Mängelwesen beschrieben. Wenn er geboren wird, ist er nackt, verletzlich, unfähig sich selbst am Leben zu erhalten, sehr lange auf die Ernährung und Pflege durch seine Eltern angewiesen. Der Mensch ist nicht nur physisch vergleichsweise schwach und ohne künstliche Instrumente und Waffen hilflos den Gefahren der Natur und möglichen Angreifern ausgeliefert. Er ist in seinem Verhalten nicht strikt durch Instinkte geleitet, sondern bestimmt sein Verhalten maßgeblich durch Nachdenken, Reflexion und Entscheidung. Menschen erkennen, dass sie sterben werden. Dieses Wissen bedingt eine zwiespältige Distanz zur Welt und zu sich selbst, die bei anderen Tieren wohl nicht anzutreffen ist.

In der Gegenwart haben die Bio- und Neurowissenschaften wichtige Erkenntnisse gewonnen. Materialisten und Naturalisten zielen darauf ab, alle Aussagen über den Menschen auf naturwissenschaftlich überprüfbare Aussagen zu reduzieren. Weil nach weit verbreiteter Ansicht, naturwissenschaftliche Erklärungen die einzig verlässlichen Quellen unseres Wissens sind, werden Überzeugungen, die nicht wissenschaftlich begründet werden als Spekulation, Metaphysik oder Aberglaube abgetan. Das mag zu radikal sein, aber es ist richtig: viele der traditionellen Thesen über den Geist und die Vernunft sind in der Gegenwart diskreditiert. Wenn heute der Begriff der Psyche oder der Seele gebraucht wird, so spielt die Konzeption einer immateriellen oder unsterblichen Seele so gut wie keine Rolle mehr. Materialistischen oder naturalistischen Auffassungen zufolge sind psychische oder mentale Phänomene entweder identisch mit bestimmten physischen Phänomenen oder sie sind kausal durch physische/neuronale Prozesse verursacht.

Der Erfolg neurowissenschaftlicher Erklärungen und die Hoffnung auf ihre medizinische und technologische Verwertbarkeit werden allerdings viel zu oft mit Vorstellungen verbunden, die aus philosophischer Sicht problematisch sind. Manche Anhänger der Neurowissenschaften meinen, dass ihr Gehirn ihr Ich sei. Philosophisch betrachtet ist eine solche Überzeugung ein semantischer Unfall, ein klassischer Kategorienfehler. Die Funktion des Begriffs ‚Ich’ besteht nicht darin, ein Organ des menschlichen Körpers zu benennen. Dass es keine Ich-Gedanken geben könnte, wenn die Denkerin des Gedankens kein Gehirn hätte, mag ja wahr sein. Aber es ist kein guter Grund dafür, ihr Ich mit dem Gehirn zu identifizieren. Es ist ein gravierender begrifflicher Irrtum zu sagen, das Ich sei ein Gegenstand in der Welt. „Ich“ ist ein Pronomen, das auf den Sprecher verweist. Und das Ich ist so etwas wie der Subjektpol aller Erfahrungen, der selbst nie vollständig und abschließend als Objekt erfasst werden kann.

Die klassische Philosophie, die Anthropologie und die Wissenschaften haben unterschiedliche Konzeptionen des Menschen formuliert, aber sie sind sich im Prinzip einig darüber, dass das Projekt der Erforschung des Wesens des Menschen wichtig ist. Andere sagen: Dieses Projekt ist von Grund auf verfehlt. Der Existenzialismus, die so genannte post-strukturalistische Philosophie (M. Foucault, J. Derrida), die Historische Anthropologie (P. Ariès) und die Kulturantrhopologie (C. Geertz) haben massive Kritik am Begriff des Wesens des Menschen geübt. Im Kern geht es den Kritikern darum, das Denken von dem Begriff eines invarianten, gegen historische und kulturelle Unterschiede indifferenten Wesens des Menschen zu befreien. Es gibt nicht so etwas wie ein ewig unveränderliches Wesen des Menschen. Der Begriff des Menschen verändert sich im Verlauf der Entwicklung der Kulturen und Lebensformen. Das Wesen des Menschen ist nicht ein ewig gleichbleibendes Ding. Der Begriff des Menschen wandelt sich. Die antiken Menschen hatten einen anderen Begriff des Menschen als die Leser Darwins ihn hatten. Und mit den biomedizinischen Möglichkeiten der Veränderung des Genoms wandelt sich der darwinistische Begriff des Menschen erneut. Technische Interventionen können nun „die Natur“ des Menschen bestimmen. Natürlich ist es immer noch möglich, allgemeine Aussagen zu formulieren, die auf alle Menschen zutreffen. Bestritten wird aber, dass solche allgemeinen Konzepte tatsächlich gehaltvoll sind und Aufschluss darüber geben, was im Leben einzelner Menschen wesentlich ist. Erkenntnis über Menschen gewinnt man nicht, indem man das Schema des Menschen im Allgemeinen oder sein ewiges Wesen beschwört, sondern indem man die konkrete Vielfalt der menschlichen Lebensformen in ihrer Heterogenität beachtet. Menschen leben in veränderlichen Lebensformen. Diese Lebensformen mit den ihnen eigentümlichen Denk- und Erfahrungsmustern, mit ihren spezifischen Ausdrucksformen und Handlungsmöglichkeiten sind nichts, was den Menschen als sekundäre, externe Bestimmungen angehängt wird. Menschen sind zutiefst durch die veränderlichen Lebensformen bestimmt, in denen sie ihr Leben führen. Eine abschließende Definition, welche die Frage „Was ist der Mensch?“ beantworten würde, würde den Menschen auf einen bestimmten Wesenskern hin festlegen. Damit aber würde das vergessen, was grundlegend ist: die fundamentale Plastizität und Entwicklungsfähigkeit, das Potential und die Offenheit in der menschliches Leben sich entwickelt.