Blogbeitrag vom 11. Februar 2016

Das natürliche Problem des Bewusstseins

Menschen sind bewusste Lebewesen: Sie können Schmerzen empfinden, Glückszustände erleben, emotionale Momente durchmachen usw. Diese Aussage scheint trivial zu sein, ist es aber nicht.

Denn es wäre vorstellbar, dass wir unser Tun nicht bewusst wahrnehmen, uns aber genau gleich verhalten würden. Angenommen, wir verstehen bewusste Erfahrung als biologisches Merkmal, also als Merkmal, welches nur Lebewesen haben können und welches nur einigen unter ihnen tatsächlich zukommt. In diesem Fall ist es sinnvoll, dass wir uns fragen, warum die Evolution den Menschen zu einem bewussten Lebewesen gemacht hat und wir nicht unbewusste Automaten - oder, wie man im philosophischen Jargon sagt, „philosophische Zombies“ - sind.


Im Rahmen der Darwinschen Evolutionstheorie gibt es für den Umstand, dass Menschen heute über Bewusstsein verfügen, zwei mögliche Erklärungen. Einerseits könnte Bewusstsein aktual existieren, weil in der Vergangenheit Bewusstsein dem Menschen überhaupt ermöglicht hat, sich in gewissen Situationen auf bestimmte und, wie sich herausstellt, biologisch effiziente Weisen zu verhalten. Damit dem Bewusstsein solche Effekte auf das menschliche Handeln zukommen können, muss es über eine eigene kausale Kraft verfügen: unser bewusste Zustand muss in der Lage sein, uns als solcher und nicht aufgrund des ihm zugrundeliegenden neurologischen Zustand zum handeln zu bewegen. Das heisst, dass der subjektiven Erfahrung eine kausale Kraft zukommt, die von einem dieser Erfahrung zugrundeliegenden neurologischen Zustand alleine nicht hervorgebracht werden kann.

Die zweite mögliche Erklärung für das aktuale Vorhandensein von Bewusstsein beim Menschen ist, dass dieses nicht aufgrund seiner eigenen Merkmale selektiert worden ist, sondern die Evolution unserer neurophysiologischen Architektur bewusste Erfahrung lediglich als zufälliges Nebenprodukt hervorgebracht hat. So könnte man erklären, wie es dazu kommt, dass Bewusstsein vorhanden ist, obwohl dieses über keine eigene kausale Kraft verfügt.

Wäre ersteres der Fall, wäre Bewusstsein ein biologisch effizientes Merkmal, so könnte man einerseits auf biologisch glaubwürdige Weise erklären, weshalb Bewusstsein vorhanden ist. Andererseits könnte man glaubhaft machen, dass unser Eindruck, unser Bewusstsein beeinflusse unser Verhalten, tatsächlich zutrifft. Das Problem liegt aber darin, dass unvorstellbar ist, wie es möglich sein sollte, dass bewusste Erfahrung über eine eigene kausale Kraft verfügen könnte: wenn wir bewusste Erfahrung als etwas Geistiges verstehen und wenn wir davon ausgehen, dass Kausalität nur unter physischen Objekten stattfinden kann, dann kann Bewusstsein keine kausale Wirkung auf physische Objekte haben (Ein ähnliches Problem: Wie kann ein Geist, der gänzlich unkörperlich ist, Körper bewegen?).

Trifft hingegen die zweite mögliche Erklärung zu, wäre also Bewusstsein ein biologisch nicht effizientes Nebenprodukt eines biologisch effizienten neurophysiologischen Prozesses, so stellt sich das soeben geschilderte Problem der mentalen Verursachung nicht. Allerdings ist auch diese Erklärung suspekt. Erstens würde sie bedeuten, dass Bewusstsein, welches zwar womöglich zufällig entstanden ist, durch biologische Prozesse über lange Zeit aufrecht erhalten worden ist, obwohl es keinen biologischen Unterschied macht, ob man bewusst ist oder nicht. Zweitens würde dies implizieren, dass wir uns irren, wenn wir im Alltag dem Bewusstsein eine kausale Rolle auf unsere Handlungen zuteilen.

Veranschaulichen wir das Problem an einem Beispiel: Im alltäglichen Sprachgebrauch würde man sagen, jemand trinke etwas, weil sie ein Durstgefühl habe, dass Hitzegefühle oft ursächlich dafür sind, dass wir Mantel oder Pullover ausziehen und dass Müdigkeit oft die Ursache sei, wenn sich jemand schlafen legt. Die Annahme ist in dieser Redeweise also, dass subjektive Bewusstseinszustände ursächlich für Handlungen sind. Diese Annahme beruht auf dem Umstand, dass es eine konstante Konjunktion zwischen subjektivem Zustand und einem gewissen Verhaltensmuster gibt. Wenn wir uns die Sache genauer anschauen, ist aber nicht klar, wie der phänomenale Charakter dieser verschiedenen Bewusstseinszustände - also wie es sich anfühlt, in einem dieser Bewusstseinszustände zu sein - tatsächlich eine kausale Wirkung auf unsere Handlungen hat, wenn wir etwas trinken, den Pullover ausziehen oder uns schlafen legen. Klar ist, dass ein subjektives Gefühl immer dann und nur dann auftaucht, wenn wir uns in einem spezifischen neuronalen Zustand befinden. Also könnte theoretisch unsere Handlung durch den subjektiven oder den neuronalen Zustand oder gar beide verursacht werden.

Das Prinzip der physikalischen Geschlossenheit besagt, dass jedes physikalische Ereignis, wenn es eine Ursache hat, eine vollständig physikalische Ursache hat. Das Prinzip der Abwesenheit von Überdeterminierung besagt, dass ein Ereignis nicht durch zwei verschiedene Ursachen (eine physikalische und eine mentale Ursache) hervorgebracht werden kann. Wenn wir diesen beiden Prinzipien folgen, dann gilt für jedes Ereignis (inklusive menschliches Verhalten), dass es nicht durch ein subjektives Gefühl hervorgebracht worden ist. Also sollen nur die mit den subjektiven Gefühlen korrelierenden neuronalen Zustände in einer kausalen Erklärung des Ereignisses vorkommen. Mit anderen Worten: Da die neuronalen Korrelate des Durstgefühls alleine hinreichend sind für die Erklärung des Trinkverhalten, spielt das subjektive Durstgefühl keine kausale Rolle. Ist diese Argumentation stichhaltig, hat sie zur Folge, dass, obwohl es sich genuin so anfühlt, als ob unsere Gefühle ursächlich für unsere Handlungen sein könnten, dieser Eindruck eine blosse Illusion sein könnte.