Blogbeitrag vom 17. Februar 2016

Darwin und das Studium der Entstehung und der Natur des Menschen

Auf die Frage, wie der Mensch entstanden sei, antworteten traditionellerweise Schöpfungsgeschichten wie die aus Platons Timaios. Dieser zufolge etwa schufen die Götter zunächst des Menschen runden Kopf, da das Runde eine gottgleiche Form sei.

Dem Kopf wurde dann ein Körper zum Diener gegeben, damit jener nicht auf der Erde herumkugeln müsse (Timaios 44e).

Mit der von Charles Darwin entwickelten Evolutionstheorie liegt seit dem 19. Jahrhundert eine wissenschaftliche Theorie vor, die die verschiedenen Lebewesen nicht als Resultate separater Schöpfungsakte versteht, sondern als historisch entstandene Arten, die selbst dem zeitlichen Wandel unterliegen. Auch der Mensch ist demzufolge nicht etwa als gottgleiche Form zu verstehen, sondern als biologische Art, die sich durch graduelle Veränderungen aus dem Schimpansen entwickelt hat.

Während die Ablösung vormoderner Schöpfungsmythen durch die Evolutionstheorie innerhalb der Philosophie relativ unbestritten ist, finden sich in der Philosophiegeschichte nicht nur Erklärungen darüber, wie der Mensch entstanden ist, sondern auch darüber wie die Natur des Menschen im Unterschied zu anderen Lebewesen anhand bestimmter Merkmale wie der ratio oder der Moralfähigkeit zu bestimmen sei. Die Frage, ob und inwiefern die Evolutionstheorie solche philosophischen Definitionen der menschlichen Natur überflüssig macht, wird äußerst kontrovers diskutiert.

Zunächst gilt es zu bedenken, dass Darwin ja im Wesentlichen eine Entstehungsgeschichte des Menschen liefert. Die Antwort auf die Frage, wie etwas entstanden ist, beantwortet aber nicht zwingend zugleich die Frage, was die Natur oder das Wesen einer Sache ist. Darwins Antwort auf die Frage, wie der Mensch entstanden sei, mag eine plausible Alternative zum Kreationismus in seinen verschiedenen Spielarten liefern, jedoch sind Ursprungs- und Entstehungsgeschichten im Allgemeinen häufig nicht der einzige und auch nicht der beste Zugang zum Verständnis einer Sache. Verschiedene Disziplinen der Anthropologie inklusive der philosophischen Selbstreflexion können uns die Frage nach der Natur des Menschen möglicherweise bedeutend besser erhellen als jede Herkunftsgeschichte.

Innerhalb der sogenannten Evolutionspsychologie werden kleinteilig kognitive Mechanismen individuiert, um dann darüber zu spekulieren, welchen adaptiven Wert der so individuierte Mechanismus im Pleistozän gehabt haben könnte. Solch plumpe Steinzeitfiktionen trifft der Einwand völlig zu Recht, doch abgesehen von diesen verhält sich die Sache nicht ganz so einfach. Zunächst einmal liefert die Evolutionstheorie gravierende Implikationen für die Frage, wie die Natur des Menschen überhaupt zu bestimmen sei, insofern sie den traditionellen biologischen Essentialismus ablöst. Seit der Antike wurde die (wissenschaftliche) Klassifikation von Lebewesen als Verfahren verstanden, in welchem die Mitglieder einer Art anhand spezifischer essentieller Merkmale bestimmt werden. Solche essentiellen Merkmale kommen jedem Mitglied einer Klasse oder Art zu, sie sind zeitunabhängige Wesensmerkmale, die ein Lebewesen beispielsweise zu einem Menschen oder zu einem Perlhuhn machen.

Darwin argumentiert nun im Origin of Species (1859) sehr ausführlich dafür, dass es solche essentiellen Merkmale, anhand derer sich die Zugehörigkeit eines bestimmten Organismus zu einer bestimmten Art einwandfrei feststellen ließe, nicht gibt. Es mag typische Merkmale einer Spezies geben, jedoch keine zeitunabhängigen und universalen. Alle Merkmale, die ein Organismus aufweist, können im Prinzip variieren und es ist gerade jene große Variabilität von Merkmalen, welche die Evolution erst ermöglicht. Dennoch schreckt Darwin selbst im Descent of Man (1871) nicht davor zurück, etwas über die Natur des Menschen auszusagen. Er geht dabei allerdings - entsprechend der Vorannahmen über biologische Arten aus dem Origin - anders vor, als es die philosophische Tradition tut. Anstatt ein bestimmendes Wesensmerkmal des Menschen auszumachen, wie die Vernunft- oder Sprachfähigkeit, diskutiert Darwin eine lange Reihe von menschlichen Fähigkeiten, welche über Gedächtnis, Imaginationsvermögen bis hin zu Moral, Sprache und Religion reicht. Für alle diese Fähigkeiten sucht Darwin aber auch nach analogen Merkmalen im Tierreich.

Dies impliziert zweierlei: (1) Es gibt - Darwin zufolge - nicht die eine anthropologische Differenz, sondern es gibt viele Fähigkeiten, die sich beim Menschen im Vergleich zu allen ihm nahestehenden Tieren weiter oder anders ausgebildet haben. (2) Diese vielen Unterschiede sind keine kategorischen Unterschiede, sondern graduelle, die sich in irgendeiner Form bereits in nahe verwandten Spezies nachweisen lassen.

In den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Publikationen im Umfeld der Soziobiologie und Evolutionspsychologie erschienen, die, lose an Darwin anschließend, die menschliche Natur zu bestimmen suchen, indem sie menschliche Fähigkeiten oder Vermögen sehr feinteilig individuieren und den einzelnen Vermögen und Subvermögen jeweils adaptive Funktionen zuweisen (für eine philosophische Arbeit in diesem Bereich vgl. etwa Peter Carruthers, The Architecture of Mind, 2006). Diese Arbeiten sind vielfach dafür kritisiert worden, dass sie sehr spekulativ vorgehen - was der adaptive Wert etwa von Eifersucht oder des Kurzzeitgedächtnisses im Pleistozän gewesen sein könnte, lässt sich leicht ausdenken, aber kaum empirisch belegen.

Viele Autorinnen und Autoren haben darüber hinaus kritisiert, dass sich menschliches Verhalten kaum auf genetisch angelegte Vermögen zurückführen lässt. So geht etwa John Dupré davon aus, dass sich mit der Auszeichnung eines Wesens als Mitglied der biologischen Art homo sapiens noch überhaupt nichts über seine typischen Verhaltensweisen sagen lässt. Nur die Betrachtung kultureller und sozialer Strukturen, die durch die biologische Spezies Mensch geschaffen worden sind - allerdings in ganz unterschiedlichen Formen -, könnte Aufschluss über typisch menschliche Verhaltensweisen geben (John Dupré, Human Nature and the Limits of Science, 2001).

Es ist sicherlich richtig, dass sich menschliches Verhalten nicht einfach aus der Betrachtung genetischer Anlagen und Steinzeitfiktionen herleiten lässt. Dass sich jedoch mit der Betrachtung der biologischen Spezies Mensch unter Darwinistischen Vorzeichen gar nichts Interessantes über allgemeine menschliche Fähigkeiten und Bedürfnisse sagen ließe, scheint auch nicht richtig. Hier stellt sich ein bisher von der Philosophie (namentlich der Wissenschaftstheorie und philosophischen Anthropologie) zu wenig reflektiertes Problem: Gegeben die Tatsache, dass es zahlreiche empirische Arbeiten zur menschlichen Natur gibt, scheint es wenig angemessen, philosophische Aussagen über die menschliche Natur machen zu wollen, ohne ebendiese Daten zu sichten und zu evaluieren. David Hume beschreibt den Menschen im Treatise of Human Nature (1738) in zwei bis drei Sätzen als zugleich egoistisches und altruistisches Wesen und beginnt dann aus dieser Annahme Konsequenzen für das Zusammenleben abzuleiten. Zeitgenössische Arbeiten, die sich mit Egoismus und Altruismus als Bausteinen menschlicher Natur beschäftigen wollen, finden nun aber unzählige Studien aus Primatenforschung, Entwicklungspsychologie, Neurowissenschaften usw. vor. Gerade aber wenn es darum geht, etwas über Entstehung und Funktion dieser Merkmale zu sagen, ist auch die größte Menge an empirischen Daten notorisch unzureichend. Es gibt keine adäquate, spekulationsfreie Erzählung über die Entstehung und Funktion des Altruismus oder irgendeines anderen Merkmals, das typischerweise zur menschlichen Natur gerechnet wird. In der Praxis sehen wir entsprechend ständig, dass die zahlreichen zeitgenössischen Publikationen über die Entstehung von Kooperation, Altruismus, Empathie, rationalem Denken usw. die Geschichten, die sie erzählen, durch empirische Daten legitimieren und dabei gleichzeitig das eigentliche Problem, das der Datenlage gegenüber besteht, unsichtbar werden lassen. Dies führt in aller Regel dazu, dass die eigenen Vorurteile darüber, wie die Menschen nun mal sind, die Hand bei der Auswahl empirischer Studien lenken und die finale Geschichte über die Entstehung Menschen auszeichnender Merkmale nichts anderes werden lässt, als eine Rechtfertigung der eigenen Gesinnung in der menschlichen Natur. Autoren wie John Dupré und Helen Longino (Studying Human Behavior, 2013) haben in Reaktion auf dieses Problem immer wieder betont, dass Annahmen über die Beschaffenheit der menschlichen Natur untrennbar von normativen Implikationen darüber, wie Menschen zusammen leben sollen, sind. Wer den Menschen als fundamental altruistisch und kooperativ oder egoistisch und selbstsüchtig beschreibt, sagt damit jeweils auch etwas darüber aus, wie sich menschliches Zusammenleben vernünftigerweise regeln lässt. Die Konsequenz hieraus kann aber weder sein, dass empirische Forschung über die menschliche Natur nicht mehr betrieben werden sollte noch dass sie direkt in den Dienst politischer Interessen gestellt werden sollte. Eine philosophische Antwort auf das Problem kann nur eine umfassende Reflexion der Frage sein, wie bei der gegebenen Datenlage empirische Objektivitätsansprüche und eine ideologiekritische Grundhaltung miteinander vermittelt werden können.