Blogbeitrag vom 14. Februar 2016

Beseelter Leib? Beleibte Seele? Oder: Warum der Mensch ein Rätsel ist

Früher war alles besser. Oder zumindest etwas einfacher. Da gab es einen allmächtigen Schöpfergott, der nicht nur unser Habitat in wenigen Tagen schuf, sondern auch uns Menschen auf die Erde zauberte und uns gewähren liess. Wer sind wir?

Woher kommen wir? Und was soll das Ganze überhaupt? Fragen, welche sich die Menschheit zwar seit jeher stellt, die aber mit Berufung auf die Religion und selbst auf die scholastische Theologie für lange Zeit gewissermassen obsolet waren. Gott hat uns, das Universum und überhaupt alles geschaffen. Gib dein Leben in Gottes Hand, dann wird alles gut. Hört nicht auf Blasphemiker und Ketzer, die sind des Teufels! Mit der Zeit wurden die Zweifel aber lauter. Skepsis machte sich zunehmend breit. Man verliess das christlich geprägte Weltbild des Mittelalters und trat in die Neuzeit ein. Kopernikus, Galilei, Newton und andere veränderten mit ihren Erkenntnissen das Weltbild radikal. In Abgrenzung zur mittelalterlich-scholastischen Naturphilosophie entwickelten sich die modernen Naturwissenschaften. Kausalität machte die Natur – und mit ihr den Menschen – berechenbar. Das Buch der Bücher, das bis anhin thronend im Regal der Erkenntnis stand, bekam starke Konkurrenz. Der Neuzugang in der epistemischen Abteilung war ein säkulares Buch der Natur. Und dieser Band ist in der Sprache der Mathematik geschrieben. Diese logisch-mechanistische Weltanschauung fand ihren Niederschlag natürlich auch in den Geisteswissenschaften. 

Das Sein im Denken

Ein Zeugnis davon legt der französische Philosoph René Descartes (1596-1650) ab. Dieser wollte unter anderem wissen, was der Mensch überhaupt wissen kann und wo die Quellen des Wissens liegen. In rationalistischer Manier versucht er in seinem metaphysischen Hauptwerk Meditationes de Prima Philosphia zu zeigen, weshalb es die Vernunft ist, die den Menschen aus dem Dunkel der Sinnlichkeit ans Licht wahrer Erkenntnis zu führen vermag. Erkenntnis auch über sich selbst. Keine religiöse, sondern eine epistemische Meditation wird hier vollführt, ein Rückzug in sich selbst, kraft seines kritischen Verstandes Gewissheit zu erlangen. Gott ist dabei zwar nicht gänzlich aus dem Spiel. Und einige seiner Überlegungen sind heute überholt (man denke an die Zirbeldrüse als Vermittlerin zwischen sinnlicher Wahrnehmung und Bewusstsein). Aber der Dualist Descartes konstituierte mit seinem methodischen Zweifeln ein Menschenbild, welches nachfolgende Generationen grundlegend beeinflusste und noch heute in philosophischen Kreisen mitunter für verzweifeltes Haareraufen sorgt. Deshalb gilt er als Klassiker – und zwar als einer, der uns da ganz schön was eingebrockt hat. Denn Descartes vertrat die Position eines dualistischen Interaktionismus. Das bedeutet, dass er von der Existenz zweier voneinander verschiedener Substanzen ausging, die miteinander interagieren: Körper (res extensa) und Geist (res cogitans). Für den Rationalisten Descartes ist der Geist primär, das heisst es gilt der Primat des Geistes vor dem Körper. Dieser vereinfacht dargestellte Gedankengang erlangte unter dem Sichtwort des cogito-Arguments Berühmtheit: Ich denke, also bin ich – cogito ergo sum.

Mit Leib und Seele

Während Descartes im performativen Charakter des cogito ergo sum letztlich das gesuchte Fundament der Erkenntnis fand, sehen wir uns mit grundlegenden Schwierigkeiten seines Interaktionismus konfrontiert. Es geht dabei um eben jenes Wechselspiel zwischen Materiellem und Immateriellem. Wie ist es möglich, dass eine unausgedehnte Substanz (Seele) auf eine ausgedehnte Substanz (Körper) einwirken kann? Wie kann es beispielsweise sein, dass ich meinen Arm heben möchte, und dies dann tatsächlich geschieht? Wo ist das Bindeglied? Der umgekehrte Weg ist nicht minder rätselhaft, zum Beispiel, wenn mir etwas auf den Kopf fällt und ich einen Schmerz verspüre. Die Frage bleibt die gleiche: Wie kann das sein? Wie kann etwas Physisches auf etwas Nicht-Physisches kausal wirkt? Das menschliche Bewusstsein ist ein Mysterium. Damit sind wir inmitten eines der grössten philosophischen Rätsel, welchem man über die Jahrhunderte mit unterschiedlichsten Ansätzen zu begegnen versuchte. Gelöst wurde das Leib-Seele-Problem indessen bis heute nicht – womit ein gewichtiger Aspekt der Frage, was es heisst, Mensch zu sein, unbeantwortet bleibt.

Endstation Trilemma?

Der Schweizer Philosoph Peter Bieri sieht im Leib-Seele-Problem ein Trilemma. Er formuliert drei Prämissen, die allesamt für sich genommen wahr sind:

  • Mentale Phänomene sind nicht-physische Phänomene
  • Mentale Phänomene sind im Bereich physischer Phänomene kausal wirksam
  • Der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen

Das Trilemma besteht nun darin, dass jeweils nur zwei der drei Sätze zugleich wahr sein können. Sind die Sätze (1) und (2) wahr, dann muss Satz (3) falsch sein; sind (1) und (3) wahr, dann muss (2) falsch sein; sind schliesslich (2) und (3) wahr, muss Satz (1) falsch sein. Mit der Zeit haben sich unterschiedliche Positionen innerhalb der Diskussion rund um das Leib-Seele-Problem herausgebildet, welche bis heute umstritten sind. Klassische Dualisten wie Descartes geben die dritte Prämisse auf. Ihr Problem bleibt die Klärung der Frage nach der Interaktion: wie können zwei voneinander verschiedene Substanzen miteinander interagieren? Wird hingegen die zweite Prämisse bestritten, führt das in den Epiphänomenalismus. Dieser begreift das Mentale lediglich als Begleiterscheinung der Veränderungen auf der physischen Ebene. Der Bereich des Mentalen ist demnach kausal wirkungslos. Damit wird aber der Geist völlig überflüssig, was den Epiphänomenalismus kontra-intuitiv macht. Die erste Prämisse bestreiten schliesslich Vertreter des Physikalismus. Diese Variante des Monismus geht davon aus, dass es nur eine Substanz gibt. Es gibt nur physikalische Tatsachen. Der Geist ist das Gehirn. Gerade im Zuge der jüngsten Fortschritte innerhalb der Neurowissenschaft stösst diese These auf breiten Anklang. Der Physikalismus eröffnet aber wiederum ein weites Feld an Anschlussproblemen (Stichwort: Phänomenales Bewusstsein). Das Problem bleibt bestehen. Macht das die Lösungsansätze unbrauchbar? Ich denke nicht. René Descartes’ Konzept ist gut 400 Jahre alt. Der Cartesianische Dualismus hat aber nicht im Geringsten an Aktualität eingebüsst – insbesondere innerhalb der Philosophie des Geistes. Im Gegenteil: Seine Ausführungen haben unzählige Nachfolger inspiriert und unterschiedliche Theorien entwickeln lassen, welche die Diskussionen um Leib und Seele ungemein lebendig halten. Zeitgenössische Theorien leisten das ihrige. Noch ist das menschliche Bewusstsein ein Rätsel. Ob es jemals gelöst werden wird, ist unklar. Klar aber ist, dass es ohne die Philosophie nicht zu lösen sein wird. Die ersten Schritte sind getan. Denn die Erkenntnis, dass der Mensch ein Rätsel ist, ist neben rauchenden Köpfen, verzweifelten Stossgebeten und zornigem Konsternieren vor allem eines: Erkenntnis.


BIERI, Peter (Hrsg.): Analytische Philosophie des Geistes. Beltz Verlag. 4. Aufl. Weinheim und Basel. 2007.

DESCARTES, René: Meditationes de Prima Philosophia. Meditationen über die Erste Philosophie. Lateinisch / Deutsch. Reclam. Stuttgart. 1986.