Blogbeitrag vom 2. April 2016

Bauplan für ein entschleunigtes Leben

Der Mensch ist Architekt seiner eigenen Physis und Psyche. Bevor er Häuser errichtet, baut er an sich selbst. "Ich bin" und "ich baue" oder "buan" haben dieselbe Wurzel. Bei beiden geht es um Meisterschaft, die ohne einen nachhaltigen Lernprozess nicht erreicht werden kann.

Es geht darum, in jeder Problemstellung das Wesentliche zu suchen und alles andere „abzuschneiden“. Wer einen solchen Maßstab anlegt, muss reagieren wie die Architekten in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts: „Weg mit dem Ornament!“


Das lässt sich auch auf aktuelle Unternehmenskontexte übertragen: So sind die überflüssigen Ornamente der Institutionen, hinter deren Fassaden viele Risse im Gemäuer zu finden sind, häufig nur Worthülsen und Leerformeln, die unter Titeln wie Vision, Mission oder Leitbild firmieren. Blendwerk und Fassade sind im Kleinen und Großen oft kaum zu unterscheiden.

In seinem Buch „Gesellschaft der Angst“ beschreibt der Soziologe Prof. Heinz Bude die außengeleiteten Charaktere, die sich selbst nie genügen können, weil sie sich vor allem vom Urteil der Anderen abhängig machen, die sich Trends und herrschenden Meinungen anschließen und im Zweifelsfall lieber schweigen als anzuecken und gegenzuhalten.

Ihr Ich orientiert sich nur an der Außenwelt, und das eigene Fundament kommt ins Wanken, „wenn es nicht mehr glaubt, mithalten zu können“. Einem solchen Charakter fehlen die inneren Reserven, die ihn immun (resilient) gegenüber Vergleichen und Verführungen machen könnten.

Um sich selbst das Gefühl zu geben, stabil zu sein und Halt zu haben, muss er ständig performen und sich in Szene setzen. „Wenn im Zweifelsfall das Blendwerk der Performanz den Ausschlag dafür gibt, ob man noch im Spiel ist oder schon aussteigen muss, dann können einem schon Zweifel kommen, ob letztlich nichts anderes als der Erfolg selbst entscheidet.“

Ja, unsere Lebens- und Arbeitswelt ist permanent voll blinkendender und unüberhörbarer Signale, die suggerieren, dass es sich lohnt, noch mehr Geld zu verdienen und noch eine Sprosse auf der Karriereleiter zu nehmen. Das bestätigt zugleich das Statusdenken der außengeleiteten Charaktere, die keinen Bezug zur Essenz ihres Wesens haben, die nicht wissen, was es heißt, auf sich selbst zu achten, sich um andere Menschen zu kümmern oder auch einfach nur innezuhalten.

Dass viele Facetten davon auch in unserem eigenen Lebensgebäude zu finden sind, beschreibt Arianna Huffington in ihrem zeitgleich erschienenen Buch „Die Neuerfindung des Erfolgs“. Darin rät sie, dass es dringend renoviert und saniert werden muss: Wir brauchen schleunigst einen neuen Bauplan, um Innen- und Außenwelt wieder zusammenzubringen, denn zu viele Menschen lassen ihr Leben und ihre Seele zu Hause, wenn sie zur Arbeit gehen.

Ein Grund dafür, warum sich der Stress in unserem Leben so „anhäuft“, ist, dass wir uns nicht genügend um uns selbst kümmern: „Wir sind einfach zu beschäftigt damit, dem Phantom des Erfolgs nachzujagen.“

Als die Mitbegründerin und Chefredakteurin der Huffington Post 40 wurde, entschied sie sich, eine große Inventur in ihrem Leben zu machen. Dazu gehörte (auch im biblischen Sinne), ihr Haus auf Felsen zu bauen, es vor äußeren Stürmen zu schützen, aber auch an der eigenen inneren Infrastruktur und Resilienz zu arbeiten.

„Es macht durchaus Sinn“, bestätigt Claudia Silber, die bei der memo AG in Greußenheim die Unternehmenskommunikation leitet, „bei sich selbst auch regelmäßig Inventur zu machen und auch sich selbst zu hinterfragen. An vielen Stellen folgen wir doch der allgemeinen Meinung - auch wenn sie noch so schwachsinnig ist. Quer- und Selbstdenken und unbequem sein ist zwar mühsam und oft auch mutig, aber es macht das eigene Spiegelbild wieder klarer.“

Die Stärke ihrer Innenwelt wesentlich davon abhängt, wie sie auf die Außenwelt zugeht. Mitgefühl und Großzügigkeit bilden für sie eine Brücke dorthin. In ihrem Buch beschreibt sie diesen neuen Weg, „den jeder Mensch sofort betreten kann, wo immer er auch gerade steht“ und der zugleich zeigt, dass das Leben von innen nach außen geformt wird. So wie es Philosophen und Dichter es seit je beschrieben haben.

„Wo fängt das Zuviel an oder hört das Zuwenig auf? Wo liegt unser ganz persönliches ‚Maß‘ an unentdeckten Dachböden und der Übersichtlichkeit aufgeräumter Schubladen?“ Fragt die Philosophin Dr. Ina Schmidt in ihrem Buch „Alles in bester Ordnung“, einem philosophischen Wegweiser vom Suchen und Finden.

Sie spricht hier zwar nicht von Nachhaltigkeit, meint sie aber. Auch wenn sie von der „echten Aufmerksamkeit“ schreibt, die den Dingen in unserem Leben eine Ordnung geben, ein eindeutiges „Bekenntnis“ zu dem, was wichtig ist und Sinn macht. Sinn ist für sie das Einzige, was ein System von innen heraus stabilisiert.

Damit verbunden ist die Erkenntnis, dass die einzige Sicherheit, die wir bekommen können, wir uns selbst geben müssen. Um zu ihr vorzudringen, sollte Schicht für Schicht das abgetragen werden, was uns die Sicht aus unserem Lebensgebäude heraus verstellt.

Sie zeigt, dass Ordnung und Bodenständigkeit zusammengehören, und dass die Nachhaltigkeitsdebatte ohne Berücksichtigung eines Ordnungsrahmens nicht greifbar ist. Ordnung hat auch Ent-Scheidung und Nein-Sagen-Können zu tun. Blendwerk und Fassaden haben dann keine Chance mehr, weil nur die inneren Reserven zählen, die dafür sorgen, dass das eigene Fundament nicht ins Wanken kommt.