Blogbeitrag vom 21. März 2016

20 mittelalterliche Thesen über den Menschen und 40 Fragen dazu

Das ‚mittelalterliche‘ Menschenbild kann nicht kurz charakterisiert werden, weil die zwischen 300 und 1600 im lateinischen Westen entwickelten Theorien über den Menschen keinen gedanklichen Monolithen bilden.

Dennoch kann anhand einiger Sentenzen, die in philosophischen Handbüchern und Florilegien (wie z.B. in der einflussreichen Schrift Auctoritates Aristotelis) zitiert wurden, ein Licht auf die (spät-)mittelalterliche Anthropologie geworfen werden. Das Menschenbild, das diese auf Aristoteles und andere antike Philosophen zurückgehenden Lehrsätze zeigen, ist keineswegs von dem Pessimismus geprägt, der noch viel zu oft mit dem ‚Mittelalter‘ assoziiert wird. Die Thesen laden uns ein, über einige unserer Grundannahmen kritisch zu reflektieren.


1 Der Mensch ist das sterbliche vernunftbegabte Tier.

Lässt sich das Wesen des Menschen definieren? Wie banal oder wie tiefgründig sind Aussagen, wie „Der Mensch ist ein denkendes Schilfrohr“ oder „Der Mensch ist ein Sein-zum-Tode“?

2 Der Mensch ist das edelste Tier.

Ist der Anthropozentrismus, der in diesem Satz steckt, gerechtfertigt? Setzt der aus dem Mittelalter stammende Begriff ‚Menschenwürde‘ nicht ebenso eine anthropozentrische Sicht auf die Welt voraus?

3 Der Mensch ist die Vernunftseele, die als ganze im ganzen menschlichen Körper anwesend ist.

Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Körper und Bewusstsein bzw. Selbstbewusstsein denken? Ist das (Selbst-)Bewusstsein etwas Immaterielles, das die Leiblichkeit transzendiert, oder vielmehr nur eine besondere Funktion des Gehirns und des Nervensystems?

4 Der Mensch ist die Grenze zwischen dem Materiellen und dem Geistigen.

Gibt es eine rein geistige Wirklichkeit? Bekleidet der Mensch eine Sonderstellung zwischen zwei Welten (z.B. zwischen Natur und Kultur, zwischen Himmel und Erde oder zwischen dem Hier-und-Jetzt und einem reellen oder utopischen Jenseits)?

5 Das Ziel des Menschen ist das glückliche Leben.

Hat das menschliche Leben einen Sinn und Zweck? Besteht das glückliche Leben im moralischen Handeln, in einer geistig-betrachtenden oder in einer künstlerisch-spielerischen Tätigkeit?

6 Der Mensch ist ein Mikrokosmos.

Ist der Einzelmensch oder die Menschheit eine ‚kleine Welt‘, ein winziges Abbild des Universums? Inwiefern sind solche irgendwie rätselhaften Metaphern, die das Mensch-Sein skizzenhaft beschreiben, auch heute noch relevant?

7 Der Mensch ist der Ursprung seiner Handlungen.

Ist der Mensch frei (d.h. selbstbestimmt) oder von biologischen oder sozial-kulturellen Faktoren determiniert? Wie wählt der Mensch seine Handlungen?

8 Jeder Mensch ist von Natur aus mit allen anderen Menschen befreundet.

Sind alle Menschen philanthropisch oder vielmehr egoistisch? Ist eine universelle Erziehung zu Weltbürgertum realisierbar und wünschenswert?

9 Auch der weise Mensch braucht materielle Güter.

Welche und wieviele materielle Güter benötigt man, um human zu leben? Gefährdet Reichtum das Mensch-Sein mehr als Armut?

10 Der intellektuell tätige Mensch wird am meisten von Gott geliebt.

Ist es möglich, ohne sinnliche Wahrnehmung und ohne Vorstellungsbilder zu denken? Macht Denken glücklich?

11 Der allein lebende Mensch ist ein Gott oder ein wildes Tier; wie der vom Gesetz geleitete

Mensch das beste Tier ist, so ist der vom Gesetz entfernte Mensch das schlechteste Tier.

Ist der Mensch von Natur aus darauf hingeordnet, mit anderen in einer durch Sprechakte organisierten Gesellschaft zusammenzuleben? Hat die Gesetzgebung ein ethisch-erzieherisches Ziel?

12 Der gute Mensch und der gute Bürger sind nicht identisch.

Kann jemand, der unter einer schlechten Gesetzgebung aufwächst oder aufgewachsen ist, diese Gesetze kritisieren? Warum ist es wichtiger, ein guter Mensch als ein guter Bürger zu sein?

13 Der Mensch erlebt von Natur aus Freude an Maß und Einklang.

Sind alle Menschen imstande, ästhetisch zu genießen? Wird Kunst wesentlich durch Regelmäßigkeit und Harmonie gekennzeichnet?

14 Die Bösen sind nur in einem gewissen Sinne Menschen, wie auch ein Leichnam kein Mensch, sondern ein toter Körper ist.

Können Menschen in ‚gut‘ und ‚bös‘ eingeteilt werden? Können Massenmörder und menschliche Leichen nur in einem uneigentlichen oder abgeschwächten Sinne ‚Menschen‘ genannt werden?

15 Das Wort ‚Mensch‘ wird doppeldeutig in Bezug auf einen wissenschaftlich Gebildeten und einen Nicht-Gebildeten verwendet.

Ist ein gebildeter Mensch mehr wert als ein Ungebildeter? Warum verdienen Akademiker bedeutend mehr als Handwerker?

16 Mann und Frau sind nicht der Art nach verschieden.

Worin unterscheiden sich Mann und Frau? Werden Arten und Geschlechter aufgrund von naturwissenschaftlichen Fakten oder aufgrund von gesellschaftlichen Praktiken und traditionsbedingten Diskursen unterschieden?

17 Der Mann darf seiner Frau kein Unrecht tun, damit sie ihm kein Unrecht tue.

Was ist Gerechtigkeit in einer Familie oder Partnerschaft? Ist die Maxime „Tue kein Unrecht, damit man dir kein Unrecht tue“ moralisch zweifelhaft?

18 Den Göttern Opfer bringen ist schlechthin natürlich; dass man ihnen dieses oder jenes opfert, ist konventionell.

Ist Religiosität ein allgemein-menschliches Phänomen? Warum ist es (nicht) sinnvoll, Gott, der Natur, der Menschheit oder einer angebeteten Person etwas Lebenswichtiges und Kostbares zu schenken?

19 Die Fähigkeit zu lachen ist das Eigentümliche des Menschen.

Warum und wann lacht der Mensch? Weswegen können andere Tiere nicht lachen?

20 Kein Mensch gibt, was er nicht hat.

Warum ist die Gabe eine für das menschliche Leben konstitutive Handlung? Gilt für die vornehmsten ‚Dinge‘, die wir haben (z.B. die Liebe), nicht die Regel, dass wir sie nur haben, insofern wir sie geben oder teilen?

 

 


Lektüre-Empfehlung

Th. W. Köhler, Homo animal nobilissimum. Konturen des spezifisch Menschlichen in der naturphilosophischen Aristoteleskommentierung des dreizehnten Jahrhunderts, Leiden, 2008-2014.