Ein Blogbeitrag von Dr. Alexander Fischer

Zwischen Gänschen und Heiligen

Zur Trias von Manipulation, Liebe und Autonomie

Die Frau, die ihren Mann nicht beeinflussen kann, ist ein Gänschen, die Frau, die ihn nicht beeinflussen will–eine Heilige.“i So lautet ein im Umfeld des Themas Liebe verorteter Aphorismus Marie v. Ebner-Eschenbachs. Er stößt uns auf Einiges Interessantes: Nicht nur spricht aus ihm die Vorstellung einer Beeinflussungskraft, die einer Frau in einer Beziehung gegenüber ihrem Mann zukommen mag; gleichsam wird über den Einsatz dieser Macht und die sie (Nicht-)Einsetzenden geurteilt: Wer sie nicht beherrscht, ist ein „Gänschen“, wer sie entschieden nicht einsetzt eine „Heilige“. Ein Gänschen vielleicht deshalb, weil die eigene Entfaltung der mit dem ambivalenten Symbol Gans verbundenen Weiblichkeit nie abgeschlossen wurde, man unscheinbar, harmlos, unselbstständig bleibt. Doch der Aphorismus soll nicht ausdrücken, dass Frauen–historischen Klischees gemäß–durchtriebene, primär affektive Wesen sind, die ihre entfaltete Weiblichkeit skrupellos beeinflussend einsetzen könnten. Nein, vielmehr zielt er auf die Pointe des bewussten, entschiedenen Verzichts auf solche Möglichkeiten der Beeinflussung im Liebesbeziehungsrahmen; jene Zurückhaltung also, welche die Autonomieii gebietet, weshalb dann auch nicht eine Gans am Ende des Zitats steht, sondern die Heilige. In einem Satz zeichnet Ebner-Eschenbach so die Landschaft vom gegenseitigen Umgang in Beziehungen, interpersonaler Beeinflussung, Liebe und Autonomie auf unsere imaginäre Leinwand.iii

Nun sind all dies große Themen, weswegen wir den gedanklichen Spielraum etwas verkleinern müssen; allein unter „Beeinflussung“ lässt sich vieles verstehen. Im Aphorismus scheint das Subtile der Beeinflussung mitzuschwingen, doch fällt auch rationales Überzeugen unter den so weiten Begriff. Wir wollen in aller Kürze ein Phänomen anschauen, das eben unter dem Radar der rationalen Aufmerksamkeit fliegt: die Manipulation.iv Sie findet in vielen Bereichen des Lebens statt, doch insbesondere im Bereich der zwischenmenschlichen Zuneigung scheint es vielfältige Erscheinungsformen zu geben, die von einem Augenaufschlag über Komplimente bis zu handfester Verführung reichen. Damit ist der Bezugsrahmen aufgespannt, um den es hier geht: eine romantische Liebesbeziehung. Intuitiv scheint gerade diese ein Rahmen zu sein, in dem man gerade nicht manipulieren darf, weil dies dem geliebten Wesen gegenüber respektlos wäre. Die Frage, die ich hier anreiße, ist sodann, ob dies der Fall ist, sodass wir nachhaken können: Wie gehen Liebe und Manipulation zusammen, wenn die Liebe doch fordert, dass wir dem geliebten Wesen respektvoll begegnen, es in seiner Autonomie nicht behelligen? Gerade die Tragfähigkeit der Autonomie als Begründungsfundament gegen Manipulation soll angezweifelt werden–der moralische Status von Manipulation ist weit komplexer, als er allgemein gesehen wird.v

 

Was genau nun ist Manipulation?vi Ich verstehe Manipulation als „gezielte Einflussnahme mittels unserer Affekte [...], deren Kern die aktive Modifikation der Anziehungskraft eines Zwecks oder eines Handlungskontextes darstellt, so dass dieser Zweck attraktiver bzw. unattraktiver erscheint und seine Wahl somit wahrscheinlicher bzw. unwahrscheinlicher wird.“vii Manipulation ist so nicht unbedingt täuschend, zwingend und negativen Zwecken verpflichtet, wie allgemein angenommen. Sie fliegt aber unter dem rationalen Radar von Akteuren, spricht sie doch unmittelbar unsere affektive Wesenheit an. Das macht sie für viele verdächtig. Und doch: Sie ist ein Mittel, das notwendig in Beziehungen Einsatz findet, gar finden muss–wofür uns gerade Liebesbeziehungen ein Beispiel sind. Denn es macht verständlich, dass autonome, rationale Akteure der Manipulation selbst wohl meist nicht widersprächen–auch, weil ihre autonome Handlungsleitung nicht immer primär wertvoll ist. Gerade in der Liebe–wo ein Gemeinsames ausgehandelt wird, also Emotionen, Werte, Handlungen sowie die Sicht auf die Dinge, kurz: das Leben, geteilt werden, es gegenseitig aufeinander und aneinander zu bauen giltviii–und gerade zu Beginn dieser Beziehungen ist eine reine rationale Direktheit nicht angemessen. Im Gegenteil: „manipulation [is] a necessary part of most early romances–and so a necessary condition for the mutual love into which these romances evolve when things go well–[…] most early romantic love is too fragile to withstand complete straightforwardness.“ix Wir wollen unser Gegenüber faszinieren, inspirieren und nicht rational von unserer Liebenswürdigkeit überzeugen–vielmehr treten wir in ein Spiel ein, das über die affektive Ebene die rationale Einsicht in ein Liebespotential grundieren und manifestieren soll und nicht umgekehrt: Wir brauchen die Manipulation sogar, denn Liebe ist keine Sphäre des puren Rationalen.x

 

Doch: Wie steht es dann hierbei um die ethische Dimension und was gilt, wenn nicht die Autonomie? Natürlich gibt es moralische Regeln in der Liebe; sie gelten dort wie auch überall sonst. Genauer gibt es „Gelingensregeln, die sich aus der Eigenart der Praxis der Liebe ergeben. […] [E]in gewisser minimaler Respekt für die Autonomie des anderen und ein gewisser minimaler Eigenbeitrag sind konstitutiv für das Gelingen eines jeden Miteinanders“, sagt A. Krebs.xi Steht Manipulation dem nun entgegen? Nein, solange ein minimaler Respekt sichert, dass die charakterliche und psychische Integrität und Ökologie der Manipulierten sowie eine grundlegende Wahlfreiheit gewahrt bleiben und keine den Akteur schadenden Zwecke verfolgt werden, ist dem nicht so.xii Und gerade die aufrichtige Liebe, die Eigenart ihrer Praxis, der Wohlwollen zugrunde liegt, und der Wert des mit ihr kommenden Schönen und Neuen ist eine näherliegende moralische Grundlage, als die absolute Wahrung von Autonomie, die in diesem Zusammenhang eine Begründungslast trägt, die fehl am Platze ist, sogar der Vorstellung eines guten Lebens entgegenstehen mag. Es ist der Raum zwischen Gänschen und Heiligen, der zu betrachten ist, um der Manipulation, der Liebe und der Autonomie gerecht werden zu können.

 

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i Marie von Ebner-Eschenbach, „Aphorismen“, in: Dies. (Hg.): Gesammelte Schriften, 1. Bd., Berlin 1893, S. 1–88.

 

ii Hier verstanden als die Fähigkeit gemäß selbst bestimmter, vernünftiger moralischer Prinzipien zu handeln.

 

iii Ebner-Eschenbachs literarisches Werk gilt als eines der erfolgreichsten ihrer Zeit; in der Rezeption wurde dann häufig auf ihren Idealismus verwiesen und die sozialkritische Komponente ihres Schreibens weniger stark in den Fokus gerückt. Doch Ebner-Eschenbach kann durchaus als Zuarbeiterin für einen Feminismus gelten – was auch im hier zitieren Aphorismus anklingt, der zudem auch ihre psychologische Sicht auf die Dinge verkörpert. Sozialkritisches und Idealistisches kommen hier, zumindest in meiner Interpretation, zusammen – wenngleich die sozialkritische Komponente sehr subtil eingearbeitet ist (eine defizitäre Sicht auf die Frau der Zeit) und der Idealismus in der Heiligen deutlicher zutage tritt. Zu Ebner-Eschenbach aus feministischer Perspektive siehe: Helga H. Harriman, „Marie von Ebner-Eschenbach in Feminist Perspective“, in: Modern Austrian Literature 18/1 (1985), S. 27-38.

 

iv Siehe für eine ausführliche Studie zur Manipulation als eine Form der Beeinflussung: Alexander Fischer, Manipulation. Zur Theorie und Ethik einer Form der Beeinflussung, Berlin 2017.

 

v Vgl. zu dieser Fragestellung und der These der höheren Komplexität der moralischen Beurteilung auch Sarah Buss, „Valuing Autonomy and Respecting Persons: Manipulation, Seduction, and the Basis of Moral Constraints“, in: Ethics 115/2 (2005), S. 195-235, hier S. 233, und Fischer, Manipulation, S. 159-165.

 

vi Siehe hierzu ausführlich Kapitel 1 in Fischer, Manipulation, S. 26-78. Die Frage danach, was Manipulation ist, stellt sich bei genauerem Hinsehen als schwieriger als erwartet heraus. Kurzum: Der Begriff „Manipulation“ wird (historisch und bis heute) in einer solch vielfältigen Weise genutzt, dass die Grenzen des Konzepts verschwimmen (bzw. verschiedene Konzepte ineinanderfließen). In der Konsequenz verlieren sich wichtige Unterscheidungen, zum Beispiel zu anderen Beeinflussungsformen wie Zwang, Täuschung, Nötigung, rationaler Überzeugung, Gewalt etc. Ein Problem ist zudem, dass Manipulation allzu oft als etwas definiert wird, das rationale Menschen ablehnen – also instantan mit einem moralischen Urteil schon im Akt der Definition verquickt wird. So ist es dann natürlich keine haltbare Form der Beeinflussung mehr. Allerdings wird hier zu schnell geschossen; es versteckt sich ein Fehler im Akt der Definition: Wir sollten die normative Komponente zunächst außen vor lassen, um dann in einem zweiten Schritt zu einer Beurteilung kommen zu können. Es sollte also ein deskriptiver Begriff von Manipulation am Beginn der Debatte stehen.

 

vii Fischer, Manipulation, S. 242.

 

viii Vgl. hierfür Angelika Krebs’ Definition von Liebe: „Love at its best is a joint feeling with one and the same narrative, value judgement, and behavior for two people. It manifests itself in the actual sharing of life. […] Love is a relation. It is constitutively shared. […] Love is not reducible to individual emotions or actions. Rather, love is the intertwining of two lives. In sharing emotions and actions, the partners engage in a mutual building of selves.“ (Angelika Krebs, „Between I and Thou – On the Dialogical Nature of Love“, in: Christian Maurer, Tony Milligan, Kamila Pacovská (Hg.), Love and its Objects. What can we care for?, Houndmills 2014, S. 7-25, hier S. 22.)

 

ix Buss, „Valuing Autonomy and Respecting Persons“, S. 221.

 

x Vgl. für die These, dass Liebe nicht rational sei, sondern sich viel mehr nicht rational gestaltet, ein Zitat von Harry Frankfurt: „[t]he captivity of love cannot be entered or escaped just by choosing to do so“; wir haben es gemäß Frankfurt also mit einem Raum des gewissermaßenen Eingenommenseins in der Liebe zu tun: Harry G. Frankfurt, „Autonomy, Necessity, and Love“, in: Angelika Krebs/Aaron Ben-Ze’ev (Hg.): Philosophy of Emotion. Critical Concepts in Philosophy. Vol. II. Emotions and the Good Life, London/New York 2018, S. 74-86, hier S. 80.

 

xi Angelika Krebs, Zwischen Ich und Du. Eine dialogische Philosophie der Liebe, Berlin 2015, S. 80.

 

xii Fischer, Manipulation, S. 204f. Im 3. Kapitel des Buches finden sich auch weitergehende Erklärungen für die ethischen Maßstäbe und den Respekt als Minimalprinzip im Rahmen der Manipulation, was hier aufgrund der Kürze des Beitrags nicht weiter ausgeführt werden konnte.