Philosophischer Diskussionsabend am 26.6.2017 im Café Kairo in Bern

Werte und ihre Autorität

Der Philosoph Dr. Micha Gläser diskutierte mit uns die Fragen, welche Werte in unserer Gesellschaft Autorität haben und worin sich ihre Autorität begründet.

Podcast zum Diskussionsabend

Rückschau zur Veranstaltung

Am letzten Diskussionsabend der Veranstaltungsreihe „Liebe und Gemeinschaft“ fanden sich 12 Personen zusammen, um in die Frage zu diskutieren, worin sich die Autorität von Werten begründet.

Dr. Micha Gläser, Assistent am Lehrstuhl Politische Philosophie der Universität Zürich, zeigte sich erfreut das Thema seiner Promotion «Autorität» im Zusammenhang mit sozialen Werten diskutieren zu können. Er leitete den Diskussionsabend ein mit zwei grundlegenden Fragen: Welche Werte haben in unserer Gesellschaft Autorität und worin besteht diese Autorität? Vor diesem Hintergrund lasen die Teilnehmer die kontrovers diskutierten zehn Thesen zu einer deutschen Leitkultur, des deutschen Bundesinnenministers Thomas de Maizière, die am 30. April 2017 in der Bild am Sonntag erschienen sind.

Gläser wies darauf hin, dass die Themen zwar aus einem deutschen Kontext stammen, jedoch in einen Schweizerischen übertragbar seien. Daher lohne es sich die Frage zu stellen, inwiefern Schweizer den Aussagen zustimmen würden, insofern überhaupt Unterschiede bestehen. Das Reflektieren über den Status von Werten, ob diese wahr, falsch, wünschenswert, problematisch oder gar gefährlich sind für eine Wertegemeinschaft, hält Gläser für sinnvoll, da uns diese Reflektion einiges mitteilen kann über den Gedanken der Autorität der Werte.

De Maizières Thesen handeln von folgenden Themenschwerpunkten:

1. bestimmte Haltung des "Gesicht zeigens"
2. Bildung und Erziehung
3. Leistungsgedanke
4. Erbe der deutschen Geschichte
5. Kulturnation
6. Religion
7. Zivilkultur
8. Patriotismus
9. Teil des Westens
10. gemeinsames kollektives Gedächtnis

Beinahe alle Punkte fanden Einzug in die anschliessende Diskussion, die jedoch nicht ausschliesslich um diese Themen kreiste, der Diskussion jedoch einen Bezugsrahmen boten. Einige Thesen fanden Zustimmung im Publikum, andere erfuhren Ablehnung. Bemängelt wurde beispielsweise, dass der Begriff der Freiheit nicht ausführlicher als Wert an sich behandelt wurde und der Begriff des Eigentums gar nicht erst auftauchte.

Im Zusammenhang mit Habermas Konzept des Verfassungspatriotismus stellte Gläser die Frage, ob Verfassungsinhalte ausreichen als Grundwerte einer Gesellschaft und, ob eine Gesellschaft überhaupt denkbar ist ohne Sanktionen. Das Recht fordert und sanktioniert zwar bestimmte Handlungen, nicht aber besondere Handlungsmotive. Denn für das Gesetz macht es keinen Unterschied, ob eine Person sich aus Angst vor Bestrafung an es hält, oder ethische Überzeugungen die Person dazu motivieren im Rahmen des Gesetzes zu handeln. So herrscht bspw. genereller Konsens darüber, dass Tötung sanktioniert werden muss, bei anderen Handlungen tritt dies jedoch weniger deutlich hervor. Gesetze vermögen uns gewisse Verhaltensnormen zu liefern, binden uns jedoch nicht sozial aneinander, sondern schaffen eine Rechtsgemeinschaft, die man nicht frei wählen kann.

Früher diente das «an den Pranger stellen» als Werkzeug dazu Verurteilte zu bestrafen, heute verwenden wir diese Redewendung, wenn jemand öffentlich blossgestellt wird. Jemand erfährt soziale Ächtung, indem dessen Fehlverhalten moralisch verurteilt wird. Diese Durchsetzung von Werten kann politisch sowohl in demokratischer, als auch totalitärer Form stattfinden, oder auch ökonomisch verzerrt werden, etwa durch interessengeleitete Finanzierungen von Entscheidungsträgern. Nach Gläser besteht ein dynamischer Zusammenhang zwischen dem Prozess der Werteentwicklung und deren Inhalt, wobei man sich nicht vorstellen könne, dass sich die gesamte Gesellschaft hinter einen Wertekanon stellt, unabhängig von dessen Inhalt.

Negative Werte mögen wir in unserem Selbstbild ausklammern und nur die positiven Werte hervorheben, um uns selbst in ein gutes Licht zu rücken. Gewisse Werte wie z.B. jene in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte erwägen wir als Fortschritt gegenüber dem Naturzustand des Kampfes aller gegen alle. Einige Werte werden uns bereits als Kinder in der Erziehung unserer Eltern vermittelt. Es gibt religiöse, nationale, kulturelle und noch weitere Werte, von denen einige beständig sind, andere sich im Laufe der Zeit verändert haben und die sich stark voneinander unterscheiden können.

Zusammenfassend könnte man die These wagen, dass weder der Bezug auf absolute, unveränderliche Werte, noch ein Werterelativismus vertretbare Positionen darstellen. Werte besitzen zwar einen geschichtlich gewachsenen Charakter, müssen jedoch von jeder Generation erneut hinterfragt und definiert werden.

Einführungstext

Soziale Werte und ihre Autorität

 

Was hält eine Gesellschaft zusammen? Zwei Antworten drängen sich hier auf. Zum einen zeichnet sich eine Gesellschaft durch ein für alle Mitglieder bindendes System an politischen und rechtlichen Institutionen aus. Zum anderen ergibt sich gesellschaftlicher Zusammenhalt durch Konsens über grundlegende soziale Werte.

In der Philosophie wird die bindende Kraft gemeinsamer Institutionen häufig über den Begriff der politischen Autorität erklärt. Beispielsweise argumentiert der britische Rechtsphilosoph H.L.A. Hart in seinem Hauptwerk Der Begriff des Rechts, dass ein Rechtssystem nur dann überhaupt existiert, wenn ein hinreichend grosser Anteil der Personen, die in dem von ihm beanspruchten Geltungsbereich fallen, dessen Autorität anerkennt.

Inwiefern lässt sich dieser Gedankengang auf soziale Werte übertragen? Brauchen soziale Werte Autorität, um ihre gemeinschaftsstiftende Rolle verwirklichen zu können? Wo liegen die Ähnlichkeiten, wo die Unterschiede zwischen der Autorität unserer formalen Institutionen auf der einen Seite und der Autorität unserer Werte auf der anderen? Und schliesslich: welche Werte sind es, die unsere Gesellschaft ausmachen? Ist es Zufall, dass es sich um diese Werte handelt und nicht um andere, oder müssen es genau diese Werte sein? Dies sind die Fragen, die ich mit Ihnen gemeinsam erörtern möchte.

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