Blogbeitrag von Prof. Dr. Ferdinand Fellmann

Was, in aller Welt, hält Gemeinschaften zusammen?

Alle reden von Gemeinschaft: Forschungsgemeinschaft, Wertegemeinschaft, Weltgemeinschaft… Das klingt so warm, so nach Empathie und Partizipation. Aber ist dem wirklich so?

Und wie steht es mit der Liebe, von der im politischen Diskurs weniger die Rede ist. Liebe war gestern – heute ist Partnerschaft angesagt. Schauen wir mal, was Liebe und Gemeinschaft miteinander zu tun haben.

Fangen wir mit „Gemeinschaft“ an. Ein vieldeutiger Begriff, der zwischen Gruppe und Gesellschaft angesiedelt ist. Gruppen lassen sich aus der Beobachterperspektive beschreiben und unterscheiden je nach Größe und kollektiven Verhaltensweisen, wie sie im Tierreich bei Schwärmen zu beobachten sind. Soziologisch entspricht dem Schwarm die Masse, deren Aufstand als Bedrohung der bürgerlichen Gesellschaft empfunden wurde. Gesellschaft ist primär ein politscher Begriff der Französischen Revolution, der vom Deutschen Idealismus kritisch beäugt wurde. So wendet sich Hegel gegen den Gesellschaftsvertrag von Rousseau, den  er als Mechanisierung diskreditiert. Entsprechend hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts die deutsche Kulturphilosophie die Gemeinschaft als höhere Lebensform der Gesellschaft gegenübergestellt. Das hat im Nationalsozialismus zur rassistischen Ideologie mit ihren mörderischen Folgen geführt.

Trotz des Missbrauchs des Begriffs wie im Wort „Volksgemeinschaft“, das niemand mehr in den Mund nehmen möchte, enthält Gemeinschaft doch ein definitorisches Moment, das den Begriff am Leben hält. Es ist die Perspektive der Beteiligten, die sich einer Gruppe zugehörig fühlen, die ihnen soziale und personale Identität vermittelt. „Er/sie ist einer/eine von uns“ – mit diesem Satz ist auf den Punkt gebracht, was Gemeinschaft emotional bedeutet. Was ist es nun, das ein derartiges Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt, und welche Handlungsdispositionen folgen daraus? Diese Frage hat sich Sigmund Freud in seiner Schrift Das Unbehagen in der Kultur von 1930 gestellt. Er geht davon aus, dass Arbeit und Interessen nicht genügen, um das zu bilden, was er „Kulturgemeinschaft“ nennt. Interessen binden Gruppen einander, aber ihre Bindungen bleiben rein funktional, wie man sie auch im Tierreich bei Rudeln antrifft, die gemeinsam jagen. Da mag es durch Zusammenspiel individuelle Sympathien geben, aber diese halten nur solange, wie das gemeinsame Ziel verfolgt wird. Ähnlich beim Menschen, dessen Freundschaften den anderen Menschen nur partiell erfassen. Die Bindung an eine andere Person in ihrer Ganzheit ist der Liebe vorbehalten, primär: der sexuellen Liebe oder der „Libido“,  die in Freuds Menschenbild im Mittelpunkt steht.

Freud ist davon überzeugt, dass auch in größeren Gruppen die Mitglieder „libidinös aneinander gebunden“ sein müssen, um eine Gemeinschaft zu bilden. Aber wie soll das funktionieren, da sexuelle Liebe sich normalerweise auf zwei, vielleicht auf drei oder vier, aber wohl auf kaum mehr erstreckt? Damit stoßen wir auf eine Paradoxie des menschlichen Zusammenlebens: Der einzelne steht als Individuum der Gesellschaft gegenüber, zugleich aber bezieht er seine personale Identität aus der Gemeinschaft. Dieser Sachverhalt wäre kein Problem, wenn die Gesellschaft eine bruchlose Erweiterung des Liebespaares wäre. Dem ist aber nicht so; im Gegenteil: Zwischen Sexualität und Gesellschaft besteht seit eh und je eine Rivalität. Die gesellschaftliche Ordnung wird durch die Liebe bedroht, denn der Eros ist unberechenbar. Wo die Liebe hinfällt, weiß niemand, und wann sie zerbricht, weiß man auch nicht.  

Diese Paradoxie hat Freud in einen verzweifelten Ausweg getrieben. Er sieht in Kulturgemeinschaften einen permanenten Kampf zwischen Lebenstrieb und Todestrieb, zwischen Eros und Thanatos. Der Ausgang ist ungewiss, und es bleibt nur zu hoffen, dass die Macht des ewigen Eros die Oberhand gewinnt. Ohne diese Hoffnung kann der Mensch nicht leben, aber wir brauchen für die Erfüllung nicht auf himmlische Mächte zurückgreifen. Der Eros als irdische Macht genügt. Wenn man sich vor Augen hält, wie das Liebespaar als elementare Form des Zusammenlebens Individuen hervorbringt, die sich gegenseitig stützen und Werte wie Zuverlässigkeit, Hilfeleistung und Solidarität ausbilden, so wird klar, worin Gemeinschaft, Gesellschaft und Staat ihr Fundament haben: in der Person.

Personen fallen nicht als Singles vom Himmel, sondern entwickeln sich in der  Kernfamilie aus Vater, Mutter und Kind.  Wie sieht es heute in der modernen Familie aus? Das Kind wird zum „Partner“ erklärt. Das klingt besonders kinderfreundlich, ist aber das genaue Gegenteil. Denn Kinder brauchen eine gewisse Autorität, um sich zu eigenständigen Persönlichkeiten zu entwickeln. Und sie brauchen eine emotionale Polarität: mütterliche Nachsicht auf der einen und väterliche Strenge auf der anderen Seite. Das Kind weiß instinktiv, an welchen der beiden Elternteile es sich in prekären Situationen wenden muss. So erfreulich die antiautoritäre Welle der 1960er Jahre in der Erziehung auch war, sie hat eine Ideologie der Selbstverwirklichung erzeugt, die unsere Gesellschaft in lauter Elementarteilchen zerfallen lässt. Auch die Freundeskreise oder guten „Teams“, die derzeit hoch im Kurs stehen, können die Familie nicht ersetzen. Die Familie ist und bleibt die Quelle der Gesellschaft.

Das Verhältnis von Familie und Gesellschaft lässt sich gestaltpsychologisch mit dem Bild von Hintergrund und Figur vergleichen. Im Hintergrund werden die elementaren Bedürfnisse, die „basic instincts“ abgedeckt und wirken nicht in als permanente soziale Störfaktoren. Nun könnte man einwenden, dass moderner Sex genügt, um die emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen. Das war die Hoffnung der sexuellen Revolution, die sich aber nicht erfüllt hat und auch nicht erfüllen konnte. Denn die Kultur hat die Sexualität in Liebe transformiert, die sich nicht in einer Serie von „one-night-stands“ erschöpft. In dieser Hinsicht sind wir einen Schritt weiter als die Bonobos, die Soziales und Sexualität lustig vermischen. Wir Menschen sind dazu verdammt, unsere Instinkte über tierische Empathie hinaus zu vergeistigen. Dafür ist die feste Zweierbeziehung, ob in Form der Ehe oder nicht, der beste Ort. Hier haben Mann und Frau die Möglichkeit, durch erotische Kommunikation ihre Gefühle kreativ zu gestalten und der kommenden Generation weiterzugeben.

Freud hat beklagt, dass ihm die Einsicht in die Notwendigkeit der kulturellen Einschränkung des Sexuallebens fehle. Nun aber wissen wir:  Auf dem Umweg über „libidinös gesättigte Doppelindividuen“ -  auf Deutsch: durch die Paarliebe -  gelingt es  der Kultur, Gemeinschaften zu bilden, denen sich die Mitglieder zugehörig fühlen, ohne dass jeder mit jedem wie in einer Pavian-Horde sexuell verkehrt. Die über die Zweierbeziehung vermittelte Verbindung von Liebe und Gemeinschaft macht die Einzigartigkeit des Menschen aus. Der Mensch ist auch ein Tier, aber mit seiner emotionalen Intelligenz ist er den nächsten Verwandten im Reich der Primaten prinzipiell und nicht nur graduell überlegen.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Ferdinand Fellmann, Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Gießen und Bochum. Promotion und Habilitation in Philosophie bei Hans Blumenberg. 1980 Prof. für Philosophie an der Uni Münster und 1993 Gründungsprofessor an der TU Chemnitz. Gastprofessuren an europäischen Universitäten (Neapel, Wien u. a.). Ab 2005 Emeritus, wohnhaft in Münster.