Ein Blogbeitrag von MMag. Dr. Susanne Moser

Das Prinzip Verantwortung bei Hans Jonas

"Das Wesen menschlichen Handelns habe sich völlig geändert. Erstmals in der Geschichte könne die Menschheit sich selbst und die ganze Erde vernichten."

In Prinzip Verantwortung betont Hans Jonas, dass er eine völlig neue Ethik entwickeln möchte, nämlich eine Zukunftsethik, die dem Bedrohungsszenarium aufgrund der menschlichen Machtentfaltung gerecht wird. Das Wesen menschlichen Handelns habe sich völlig geändert. Erstmals in der Geschichte könne die Menschheit sich selbst und die ganze Erde vernichten. Daraus ergibt sich für Jonas die Notwendigkeit eines völlig neuen Verantwortungsbegriffes, der verbunden ist mit der Suche nach einem "Absolutum, das als höchstes und verletzliches Treugut uns die höchste Pflicht der Bewahrung auferlegt.

Dieses berühmte Werk wurde vielfach als eine Art "Notstandsethik", als Antwort auf die Herausforderungen der technologischen Zivilisation verstanden, deren Leitziel die Überlebenssicherung der Menschheit ist. In den heutigen bio- und technikpolitischen Debatten sind die von Jonas geprägten Formulierungen wie die der "Heuristik der Furcht" und der "Vorrang der schlechten vor der guten Prognose" omnipräsent. Mit seinem vielzitierter kategorischer Imperativ: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden", überschreitet er jedoch den anthropozentrischen Rahmen.

Dadurch, dass er auch die außermenschliche Natur, die Biosphäre als Ganzes, in seine Überlegungen miteinbezieht und der Natur einen Eigenwert zuspricht, ist er zu einem Vordenker moderner Naturethik und zum Vater der Ökologiebewegung geworden. Es ist somit kein Wunder, dass Jonas heute zu einem der wirkungsmächtigsten und meistrezipierten Philosophen zählt.

Meiner Meinung nach haben wir es nicht nur mit einem völlig neuartigen Verantwortungsbegriff zu tun, vielmehr könnte man geradezu von einer Umkehr des bisherigen Verantwortungsverständnisses sprechen. Wenn es bisher das Mächtige und Überzeitliche war (Gott, Herrscher, Gesetz), das die Untertanen verpflichtete und zwang sich zu rechtfertigen, so wird nunmehr das Vergängliche, Zerbrechliche und Schwache zur Rechtfertigungsinstanz, vor der sich die Mächtigen zu verantworten haben. Bei Jonas hat Verantwortung zwar auch immer etwas mit einem Machtgefälle zu tun, aber in einer umgekehrten Form: Das was von mir abhängt, wird zum Gebietenden, das Mächtige wird in seiner Ursächlichkeit zum Verpflichteten.

Indem Jonas die Nicht-Reziprozität dieses Verhältnisses betont, verweist er auf all diejenigen, die keine eigene Stimme haben, die sich nicht oder noch nicht artikulieren können und damit auch keine Vertragspartner sein können: Die zukünftigen Generationen und die Natur. Indem Jonas der Natur einen Eigenwert zuspricht begründet er den Anspruch allen Seins auf würdige Existenz. Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist für ihn kein Herrschaftsverhältnis sondern ein Verantwortungsverhältnis: Der Mensch ist aufgrund seiner Machtentfaltung verantwortlich für alles Verletzliche, wobei der Anspruch beim Schwachen liegt: Das Gefährdete und Verletztliche hat einen Anspruch gegenüber dem Mächtigen, es nimmt dieses in die Pflicht.

Einen großen Stellenwert legt dabei Jonas auf die subjektive Seite der Werterfassung, denn erst die sich im Verantwortungsgefühl manifestierende Intuition ermöglicht es, dass wir dem Appell und Anspruch eines Wertes gerecht werden. Anhand des Beispiels des Säuglings versucht Jonas diesen intuitiven Zugang nachzuweisen. Allein aus seinem Sein erfassen wir intuitiv das Sollen einer Verantwortungsübernahme im Verantwortungsgefühl. Im Unterschied zu herkömmlichen Verantwortungsbegriffen, die aus Verpflichtungen gegenüber dem Gemeinwesen bestehen, sei es nun in der Form der Rechenschaftspflicht für begangene Taten oder unterlassene Hilfe- oder Fürsorgeplichten überschreitet Jonas das Feld einer Gesetzes- oder Vertragsethik. Bei letzterer wird der Handlungskontext durch bestimmte Gesetze und Normen festgelegt und eingeschränkt, wodurch es möglich wird pflichtwidriges von pflichtmäßigem Handeln zu unterscheiden.

Um die inflationäre Verwendung des Verantwortungsbegriffes zu beschränken, wäre es meiner Ansicht nach sinnvoll, hier von Pflichten, statt von Verantwortung zur reden. Da der Pflichtbegriff weitgehend durch den Verantwortungsbegriff ersetzt wurde, kann nur mehr eine Bewusstmachung dieses Unterschiedes weiterhelfen. Verantwortung ist bei Jonas als ein strikt asymmetrisches und nicht-reziprokes Verhältnis angelegt. Metapher für Verantwortlichkeit ist für Jonas das Neugeborene. Stellvertretend steht es für all diejenigen, die keine Vertragspartner sein können: Die Natur und zukünftige Generationen. Stellvertretend steht es auch für das Verletzliche und Bedrohte, das an uns den Anspruch stellt, sich seiner sorgend anzunehmen. Unsere Verantwortung leitet sich dabei nicht aus einem "Sollen" ab, das sich aus einer rechtlichen oder gesellschaftlichen Verpflichtung heraus ergibt, sondern aus unserem Können, d.h. aus unserer Macht. Verantwortung ist für Jonas eine Funktion von Macht. Je mächtiger wir werden, desto verantwortlicher sind wir.

Das Prinzip Verantwortung ist nur verständlich vor dem Hintergrund eines bestimmten Weltbildes, nämlich einer Welt, in der nach der Abschaffung der Transzendenz uns nichts mehr heilig ist und wir unser Handeln daher selbst beschränken müssen. Jonas sucht nach einem neuen Absoluten, nach dem wir uns jetzt zu richten haben und findet es im Eigenwert der Natur. Nicht mehr im Ewigen, sondern im Vergänglichen liegt für Jonas "das Eigentliche", d.h. die Würde begründet, nicht in der Gottebenbildlichkeit oder der Vernunft, sondern in der Verletzlichkeit und Bedrohtheit des Vergänglichen. Jonas nimmt einer Dezentrierung des Subjektes vor: Würde und Eigenwert kommt allem Leben zu, das Selbstzweck ist. Eine Sonderstellung hat der Menschen nur insofern inne, als nur er allein die Fähigkeit hat Verantwortung zu übernehmen. Dafür bedarf es jedoch der Entwicklung einer gefühlsmäßigen Haltung, einer Sensibilität für den an ihn ergehenden Appell. Nicht in der Pflicht, die den Menschen durch ein Gesetz nötigt, liegt hier der Antrieb zur Verantwortungsübernahme, sondern im Verantwortungsgefühl, das sich aus einer Herzensbildung heraus speist.

 

(Dies ist ein Ausschnitt eines grösseren Artikels. Sie können diesen Artikel hier herunterladen: http://www.axiapublishers.com/ojs/index.php/labyrinth/article/view/35)