Blogbeitrag von Dr. Claudia Simone Dorchain, M.A.

Stürmische Zeiten für die Liebe: Emily Bronte, „Wuthering Heights“ und das philosophische Konzept des Bösen

„Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken – er starb zwar nicht daran, aber er entartete, zum Laster.“

 

Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse

Ist die Liebe im philosophischen Sinn ein sinnstiftendes Element, ein Steigbügelhelfer der Erkenntnis des Weltganzen oder Seinsgrundes, wie die Mystiker es ahnten, oder eröffnet sie einen Abgrund seelisch verheerender, pathologischer Erfahrungen, deren einziger Sinn in der Vernichtung des Ichs liegt? Diese brisante Frage wurde im Lauf der Philosophiegeschichte oftmals kontrovers diskutiert und stellt einen zeitlosen agent provocateur dar, der in jeder Epoche und Kultur zu einem denkerischen Wiederaufgriff führt. In literarischer Form brillant gestaltet wurde sie unter anderem im England der viktorianischen Zeit durch die Pfarrerstochter Emily Bronte, deren Ersterfolg „Wuthering heights“ (deutsch: „Sturmhöhe“), den sie 1847 mit nur 30 Jahren verfasste, sich genau der Beantwortung dieser philosophischen Frage widmet. Für Slavoj Zizek ist dieser Roman hochgradig modern, weil er signifikante erzählerische Lücken aufweist und so die Geschlossenheit der Erzählstruktur aufbricht[1]. Doch die narrative Unabgeschlossenheit als formaler Einwand kann nicht der Hauptfaktor der Modernität sein; dieser liegt vielmehr in der psychologischen Analyse des Bösen. Dieser Meinung ist auch Georges Bataille, der in Brontes Roman die dunkle Seite der Liebe so brillant verkörpert sieht wie in keinem anderen Wer der Weltliteratur[2]. Für Bataille ist „Wuthering Heights“ („Sturmhöhe“) „die schönste, am tiefsten gewaltsame aller Liebesgeschichten“[3]. Die Geschichte um die Halbwaise Cathy, die sich unglücklich in ihren Ziehbruder Heathcliff verliebt und wahnsinnig wird, woraufhin zwei ganze Generationen von Fluch und Spuk heimgesucht werden, diese Mischung von Gewalt, Sexualität, Wahn und Magie zeigt die erotische Liebe in ihrem radikal unfriedlichen, wie Friedrich Nietzsche sagen würde: „dionysischen“ Aspekt. Es ist die entfesselte Macht eines blinden Schicksals, das in einer Stufenfolge von Gewalt – die dem heiligen Opfer in Kulthandlungen gleicht – willkürlich, unausweichlich Menschenleben zerstört. Auch die Philosophin Martha Nussbaum erkennt 2001 in „Wuthering heights“ in erster Linie die fulminante Verbindung von Sexualität und Gewalt, die auch Bataille erkennt, nicht aber die Dimension des Heiligen[4]. Meines Erachtens geht es jedoch in dieser düsteren Geschichte um Inzest, Sadismus und Sinnverlust nicht in erster Linie um die so genannte „dunkle Seite der Liebe“[5], wie Bataille glaubt, und die Problematisierung möglichen Sadismus, wie Nussbaum annimmt, ergo um zwischenmenschliche Belange im Fall des Scheiterns, sondern diese Seite wird vielmehr zur Illustration eines philosophischen Problems verwendet. Das Problem ist die bereits zu Beginn genannte, seit Jahrhunderten unbeantwortete Frage, ob die Liebe die menschliche Erkenntnis fördert, oder vielmehr im Gegenteil die Akteure in einen blinden Taumel der Ignoranz stürzt.

Martha Nussbaum erkennt mit psychologischem Scharfsinn, dass der einstige Skandalroman „Wuthering heights“ tatsächlich eine große abendländische Denktradition bricht – die der platonischen und der christlichen Liebe[6]. Während die platonische und christliche Liebe den Aufstieg der Erkenntnis sucht, also die Sublimierung des Irdischen im Ideal, wie sie Platons Diotima und Dante Alighieri beschreiben, suche die leidenschaftliche Liebe der Hauptfigur der „Sturmhöhe“, Cathy, vielmehr den Abstieg, den eigenen Ausbruch aus dem pietistischen Ideal in eine hemmungslose Sinnenwelt. Nussbaum vergisst in ihrer Gegenüberstellung von platonischer und christlicher Liebe einerseits und Brontes Konzept der Liebe als Leidenschaft andererseits bei allen äußeren Gegensätzen jedoch die grundlegende Gemeinsamkeit. Liebe war nie, weder bei Plato, noch bei Dante, ein rein sentimentaler Affekt. Liebe hatte propädeutischen Charakter: sie sollte zur Wahrheit führen und somit die Dialektik von Schein und Sein überwinden. Genau dasselbe Ziel hat Cathys Leidenschaft für Heathcliff. Was sich geändert hat seit Platon und den Trinkgenossen Sokrates´ hin zu Brontes Heldin, ist nicht die Definition der Liebe als solcher als ein Wegweiser zur Wahrheit und Vollkommenheit – das ist ja gerade stabil geblieben – sondern vielmehr die kulturellen Umstände, unter denen diese Suche sich entwickeln kann. Galt es bei Platon, die Welt des Scheins durch fortschreitende Abstraktion zu durchdringen und über den Umweg über Künste und Wissenschaften immer klarere Begriffe von dem zu entwickeln, was ist, den unsterblichen Ideen nämlich[7], und hatte auch der Intellektuelle christlicher Prägung noch einen Bezug zu den Sinnendingen, die bei Dante und den Mystikern als „Wege zu Gott“ sprich zur Erkenntnis der Wahrheit gedeutet wurden, entscheidet sich die asketische viktorianische Welt des 19. Jahrhunderts für eine radikale Abkehr von der sinnlich erlebbaren Welt. Hier wird nichts durchdrungen, sondern verneint, verdrängt und schließlich in Gewalt überführt. Die Sprengkraft der bronteschen Schilderung ist im Grund eine politische Aussage, indem am Beispiel der verzweifelten Liebe zweier Individuen in der intensiven Repressivität der viktorianischen Zeit tatsächlich die Erkenntnis hemmende Einstellung jener Epoche dargestellt wird, die wirklich eine große abendländische Denktradition bricht. Jener Bruch mit der Denktradition einer Philosophie, welche die Liebe als erkenntnisfördernd ansieht, ist die epochale Verneinung der sinnlich erlebbaren Welt, welche nicht nur die erotische Liebe als Akt, sondern auch deren traditionelle Sinndimension: Gleichnis für das Wissen um Wahrheit zu sein, massiv erschwert und somit alle Personen ungewollt zu Akteuren der Gewalt macht. Gewalt im Dienste der Wahrheit, oder Gewalt mangels Erlebbarkeit der Wahrheit – ein neurotisches Programm nicht nur des 19. Jahrhunderts.

 

Verzeichnis der verwendeten Literatur:

Bataille, Georges, Emily Bronte et le mal, in: Critique Nr. 117, Paris 1957

Nussbaum, Martha, Upheavals of thought. The intelligence of emotions, Cambridge University Press New York 2001

Zizek, Slavoj, Die Pest der Phantasmen, Wien 1997

 

Erklärung philosophischer Fachbegriffe:

Abstraktion: Von lateinisch abstrahere (wegziehen), Denkprozess, der von Einzelheiten absieht und aufs Allgemeine hinführt

Asketisch: Von griechisch askein (üben), Selbstdisziplin und Enthaltsamkeit, hier: Abkehr vom Sinnlich-Körperlichen

Dionysisch: Von Dionysos, griechischer Gott des Weins und des Rausches, bei Friedrich Nietzsche zugleich eine Stilfigur zur Illustration des zerstörerischen Prinzips in der Kunst

Idee: Von griechisch idea (Gestalt), im Allgemeinen denkerisches Konzept, bei Platon zudem die Urform alles Seienden

Narrativ: Von lateinisch narrare (erzählen), auf die erzählte Geschichte oder die Erzählstruktur bezogen

Pietistisch: Von lateinisch pius (fromm), Frömmigkeit, hier: frömmlerisch, übertrieben

Repressivität: Von lateinisch reprimiere (zurückhalten, verdrängen), Unterdrückung, Willkür

Seinsgrund: Ursache des Seins, der Erkenntnis. Bei Mystikern wie Meister Eckhart (1260-1328) zugleich göttliche Wirklichkeit

 



[1] Heathcliffs jahrelange Abwesenheit von zuhause wird von S. Zizek als Kontingenzbrechung verstanden, vgl. S. Zizek, Die Pest der Phantasmen, Wien 1997, S. 41

[2] vgl. G. Bataille, Emily Bronte et le mal, in: Critique Nr. 117, S. 14

[3] ebenda

[4] M. Nussbaum, Upheavals of thought. The intelligence of emotions, Cambridge university press New York 2001, S. 475

[5] G. Bataille, Emily Bronte et le mal, in: Critique Nr. 117, S. 14

[6] M. Nussbaum, Upheavals of thought. The intelligence of emotions, Cambridge University Press New York 2001, S. 593

[7] Platon, Symposion 210e

 

Über die Autorin

Beitrag von Dr. Claudia Simone Dorchain, M.A.: Philosophin und Psychologin, Promotion über Meister Eckharts Erkenntnislehre, Postdoc-Studie über Legitimationen von Gewalt, arbeitet in eigener philosophischer Praxis und in der Fortbildung für Rechtsberufe und Mediatoren, Beiträge für öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Bildungsformaten über Philosophie, Religion und Ethik

Claudia Simone Dorchain, Die Gewalt des Heiligen. Legitimation souveräner Macht, Königshausen & Neumann 2012