Ein Blogbeitrag von MMag. Dr. Susanne Moser

Philosophie als Liebe

Am Beginn der Philosophie steht nicht nur das Staunen, sondern auch die Liebe.

Das Ergriffensein von einer Kraft, die den Zugang zu den höchsten Werten eröffnet, wird als Liebe zur Weisheit zum Synonym für die Philosophie selbst. Ursprünglich als Eros, als Mittler zwischen Mensch und Gott, wird die Liebe in der Antike als diejenige Triebkraft verstanden, welche dazu verhilft die sinnlich-körperliche Dimension des Begehrens zu Höherem hin zu überschreiten. Aber schon bei Platon werden den Frauen nicht dieselben Fähigkeiten und Möglichkeiten, zur höchsten Stufe der Liebe und Erkenntnis zu gelangen, zugestanden. Mit wenigen Ausnahmen zieht sich diese Tendenz der Abwertung, bzw. des Ausschlusses der Frauen durch die ganze Geschichte der Philosophie bis zur Gegenwart durch. So blieben sie Jahrhunderte lang in der "Höhle" des häuslichen Bereiches und der reinen Körperlichkeit zurück, ohne Zugang zur "Sonne der Erkenntnis, des Wahren, Guten und Schönen". Das philosophische Verständnis der Liebe und insbesondere die Philosophie als Liebe zur Weisheit trägt also von Anfang an gewisse misogyne Züge in sich.

Die christliche Auffassung der Liebe bringt eine neue Dimension ins Spiel: Die Agape als göttliche, rein geistige Liebe, die von Gott zu den Menschen herabsteigt. Diese Liebe verschenkt sich aus Fülle und zwar an alle Menschen, auch an Frauen und Kindern. Leider besteht in der christlichen Philosophie, Theologie und Dogmatik die Tendenz, Agape und Leiblichkeit in ein Ausschließungsverhältnis zu einander zu bringen, als ob "wahre Liebe" nur unter Askese, bzw. Zurückdrängung und gänzlicher Überwindung aller sinnlichen Strebungen und fleischlicher Lust möglich wäre. Als Reaktion darauf wird in der Romantik der Versuch unternommen die vertikalen Dimensionen des aufsteigenden Eros und der absteigenden Agape auf einer horizontalen Ebene miteinander zu vermitteln. Sinnlichkeit und Geistigkeit wird in der neuen "Religion der Liebe" miteinander versöhnt, wobei der Gedanke einer Gleichwertigkeit der Geschlechter auftaucht. Bei einer genaueren Betrachtung zeigt sich jedoch, dass es nicht zu einer neuen Form der Geschlechtergerechtigkeit kommt. Das bürgerliche Geschlechterverhältnis in der Moderne zeichnet sich dadurch aus, dass die Liebe nunmehr in den Bereich der Familie, des Privaten, abgeschoben wird. Hierbei wird die Umkehrung der bisherigen Wertrangordnung sichtbar: Liebe als höchster Wert (männlichen) Strebens wird zum Wert (weiblicher) alltäglicher Sorge im familiären, häuslichen Bereich. Die Frau als die Liebende wird zur Garantin für das gute Leben, für Moral und Tugendhaftigkeit, aber auch für sinnlich-körperliche Zuwendung, sei es nun den Kindern oder ihrem Ehemann gegenüber. Liebe erhält somit ihre sinnliche Komponente zurück, verliert jedoch ihren Status als höchsten Wert. Als liebende Ehefrau im Bereich der Familie zu verbleiben, bedeutet nämlich, nicht zum vollen Menschsein gelangen zu können, das nach herrschender Vorstellung nur über Berufstätigkeit und Teilnahme am öffentlichen Leben realisiert werden kann. In der Moderne orientiert sich die Philosophie nicht mehr an der Liebe zur Weisheit, sondern verstärkt am Modell der Wissenschaften. Der Aufstieg der Menschheit zu höheren Werten verläuft deshalb nicht mehr über die durch Liebe entfachte Persönlichkeitsentwicklung, sondern über den wissenschaftlich und technisch verstandenen geschichtlichen Fortschritt.

In den zeitgenössischen Ansätzen einer "Philosophie der Liebe" treffen wir wieder einige der genannten Aspekte, wenn auch auf einer neuen Ebene. So wird die Liebe nicht nur vom Himmel auf die Erde heruntergeholt, sie wird auch als dem irdischen Leben entspringend angesehen, sodass die Quellen der Liebe zunehmend vom Göttlichen ins Irdisch-Biologische verlagert werden. Allerdings besteht auch hier die Tendenz zur der Trennung von Liebe und Sinnlichkeit. Es ist deshalb kein Zufall, dass in den aktuellen philosophischen Debatten das Thema der Liebe in zwei getrennten Bereichen abgehandelt wird. Zum Einen wird die Liebe innerhalb der Philosophie der Gefühle thematisiert, wobei der Versuch unternommen wird der Liebe analog zu den Emotionen einen rationalen Aspekt zuzuschreiben: Man kann begründen warum man liebt. Man liebt Jemanden oder Etwas, weil das Geliebte bestimmte Eigenschaften bzw. einen Wert hat. Zum Anderen wird in der Gegenwartsphilosophie das Thema der Liebe im Bereich der Sorge angesiedelt. Hier erhält das Liebesobjekt, im Gegensatz zu der gerade erwähnten Tendenz in der Philosophie der Gefühle, erst durch die Sorge seinen Wert: Es ist die Liebe, die dem Liebesobjekt einen Wert verleiht. In der zeitgenössischen Philosophie erscheint mir die Ausblendung des Geschlechterverhältnisses, die Trennung von Sinnlichkeit und Liebe, sowie die Reduktion der Quellen der Liebe auf das Biologische als problematisch. Diese Mängel könnten, meines Erachtens, beseitigt werden, wenn man die zeitgenössischen Ansätze mit zwei – zum Großteil vergessenen – Philosophien der Liebe verbinden würde, nämlich mit denjenigen von Max Scheler und Helene Stöcker. Schelers Spätwerk, das von dem Anliegen getragen ist, Eros und Agape zu verbinden, zeigt auf wie sehr die sinnliche Liebe und die Geschlechterliebe wichtige (Vor)Stufen auf dem Weg zur geistigen Liebe sind. Bei Stöcker stellt die Sinnlichkeit immer eine zentrale Dimension von Liebe dar. Das Gemeinsame an beiden Auffassungen ist die Überzeugung, dass der Wertehorizont der Person und damit die Entwicklung der Persönlichkeit hin zu mehr Menschlichkeit nur durch die Liebe ausgeweitet werden kann. Ein zentrales Anliegen ist daher die Entwicklung und Erhöhung der Liebesfähigkeit der Menschen: Dies sei die Aufgabe nicht nur jedes Einzelnen, sondern der gesamten Gesellschaft. Mehr noch als Scheler ist Stöcker an einer konkreten politischen Umsetzung interessiert. Zeit ihres Lebens engagiert sie sich in konkreten Projekten für eine neue Kultur der Geschlechterliebe, den Schutz der Mutterschaft und kämpft, bis zu ihrer Flucht in die USA 1933, für den Weltfrieden. Für sie ist Liebe kein abgehobenes Ideal, sondern der einzige Weg in eine bessere und gesicherte Zukunft der Menschheit. Für sie fällt der Kampf gegen den Krieg und das Wirken für eine Höherentwicklung der Liebe und für eine bessere Gesellschaftsordnung aufs engste zusammen. In jüngster Zeit ist es Michael Hardt, der versucht, die Liebe als ein politisches Konzept neu zu denken. In seiner Politik der Liebe betont er die Transformationsenergie der Liebe, die den Demokratisierungsprozess vorantreiben könnte. Um ihr friedensstiftendes Potential entfalten zu können, dürfte die Liebe jedoch nicht an die eigenen familiären und nationalen Zugehörigkeiten gebunden bleiben, sondern müsste ihr differenzüberwindendes Potential entfalten können.

(Dies ist ein Ausschnitt eines grösseren Artikels. Sie können diesen Artikel hier herunterladen: http://www.axiapublishers.com/ojs/index.php/labyrinth/article/view/)