Blogbeitrag von Prof. Dr. Dr. Werner Schüßler

Liebe und Gemeinschaft unter existenzphilosophischem Gesichtspunkt

Liebe hat zwar auch mit Gefühl zu tun, ist aber keineswegs auf dieses zu reduzieren. Liebe ist immer schon „mehr als ein Gefühl“.

Heute wollen uns gerne so manche Evolutionsbiologen und Neurophysiologen weismachen, dass Liebe – näher hin Bindungsverhalten und romantische Liebe – nichts weiter sei als das Produkt der Evolution oder bedingt durch die „Chemie der Liebe“, wobei hier besonders die beiden Neurohormone Oxytozin und Vasopressin eine entscheidende Rolle spielen. Das übersieht aber die mit dem Geist gegebene Dimension menschlicher Freiheit, der zufolge ich mich immer auch zu meinen naturalen Bedingungen, seien diese biologischer (Gene), psychologischer (Charakter) oder soziologischer Natur (Milieu), verhalten kann, d.h. ich muss mir nicht alles von mir selbst gefallen lassen. Die menschliche Freiheit, die somit eine bedingte ist, dokumentiert sich auch nicht im Heben des Armes, wie es die sog. „Libet“-Versuche gerne insinuieren, sondern diese Freiheit ist ausgezeichnet durch den Akt der Selbst-Distanzierung und denjenigen der Selbst-Transzendenz. Die Selbst-Distanzierung kommt wesentlich in der Möglichkeit des Selbstmords zum Ausdruck: „Ich töte mich.“ Und der Akt der Selbst-Transzendenz wird deutlich in der Sinnfrage, aber ebenso in Kunst, Philosophie, Religion und Wissenschaften.

Was hat das mit unserem Thema zu tun? Sehr viel, wie ich meine, ist doch Liebe wesentlich ein Akt der Freiheit! Liebe hat zwar auch mit Gefühl zu tun, ist aber keineswegs auf dieses zu reduzieren. Liebe ist immer schon „mehr als ein Gefühl“. Und das möchte ich an drei Aspekten deutlich machen, wobei ich das Problem nicht von der ethischen Perspektive aus beleuchten möchte, sondern von der ontologischen, d.h. der seinsmäßigen, der erkenntnismäßigen sowie der anthropologischen Dimension her.

Zur ontologischen Dimension der Liebe: Der bekannte Physiker und langjährige Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München, Hans-Peter Dürr, hat einmal gesagt: „Liebe ist für mich Urquell des Kosmos.“ Einen solchen Satz aus dem Munde eines Physikers zu hören, irritiert, hat die Physik es doch vornehmlich mit der „Materie“ zu tun. Aber was Materie eigentlich ist, kann Ihnen kein Physiker, wenn er wirklich ehrlich ist, letztlich sagen, es sei denn, er überschreitet seine einzelwissenschaftliche Perspektive und äußert sich als (Pseudo-)Philosoph oder als Privatperson. Warum soll aber Liebe der „Urquell des Kosmos“ sein? Auch der griechische Philosoph Empedokles von Akragas (495-435 v.Chr.), ein Vorsokratiker, hat das schon ähnlich formuliert, wenn er die Dynamik alles Seienden auf die Liebe und den Hass zurückführt. Ist die Liebe auf die Einheit gerichtet, so der Hass auf die Trennung und Vielheit. Auch hier wird die Liebe also als eine kosmische Macht gesehen.

Dieser Gedanke wird in anderer Form auch wieder aufgegriffen von dem evangelischen Theologen und Philosophen Paul Tillich (1886-1965). Nach Tillich besitzt die Liebe, ebenso die Macht und die Gerechtigkeit, eine ontologische Dimension. „On“ ist das griechische Wort für Seiendes oder auch Sein, und wenn Tillich von der ontologischen Dimension der Liebe spricht, dann meint er, dass die Liebe letztlich einen Bezug zum Sein aufweist. In diesem Sinne versteht er die Liebe als „das Verlangen nach der Wiedervereinigung des Getrennten“ – auf allen Ebenen!

Hinter dieser Auffassung steht die Polarität von Individualisation und Partizipation, durch die alles Seiende nach Tillich charakterisiert ist. Ich versuche das mit einem Wort des Existenzphilosophen Karl Jaspers (1883-1969) zu verdeutlichen. Und damit komme ich auch schon zum zweiten Aspekt, dem anthropologischen. „‚Ich‘ sein“, schreibt Jaspers, „heißt einsam sein. Wer ‚Ich‘ sagt, richtet eine Distanz auf, zieht einen Kreis um sich. Aufgabe der Einsamkeit ist Aufgabe des Ich. Einsamkeit kann es nur geben, wo es Individuen gibt. Wo es Individuen gibt, aber gibt es beides: die Lust zur Individualität und damit den Drang in die Einsamkeit und das Leiden an der Individualität und damit den Drang aus der Einsamkeit.“ Einsamkeit meint somit nicht Allein-Sein. Ich kann mich in einer Gruppe von Menschen sehr einsam fühlen; und ich muss mich als Einsiedler in der Wüste nicht notwendig einsam fühlen, obwohl ich hier alleine bin.

Wie kann ich nun dieser Einsamkeit, die zum Menschen als Menschen gehört, weil er ein „Ich“ besitzt, das sich von anderem abgrenzt, entrinnen. Nach Jaspers besteht die entscheidende Möglichkeit dazu in der Liebe; sie ist der Weg aus der Einsamkeit heraus. Und hier spielt wieder der Begriff der Freiheit eine entscheidende Rolle: In der höchsten Form der Liebe, Jaspers nennt diese die „existentielle Liebe“, begegnet nämlich Freiheit anderer Freiheit. Das hat immer schon mit Anerkennung und Bestätigung zu tun. Um mit dem jüdischen Religionsphilosophen und personalistischen Denker Martin Buber (1878-1965) zu sprechen: Hier begegnet das „Ich“ dem „Du“. Und Jaspers ist mit Buber der Überzeugung, dass Selbstwerdung immer nur in „liebendem Kampf“ (Jaspers) bzw. in gegenseitiger Bestätigung und „Vergegenwärtigung“ (Buber) möglich ist. Schon 1950 hat Buber gesagt: „Wenn wir je dazu gelangten, uns nur noch durch den Diktographen, also kontaktlos, miteinander zu verständigen, wäre die Chance der Menschwerdung bis auf weiteres vertan.“ Die Moderne mit ihrer Verlagerung der Sozialbezüge in den Fernbereich via Chat, Facebook & Co. sowie die damit verbundene Vervielfachung sogenannter „Freunde“ scheint, um mit Odo Marquard zu sprechen, nicht ein Zuviel an Einsamkeit zu kennen, sondern ein Zuwenig an Einsamkeitsfähigkeit.

Und damit bin ich auch schon bei meinem dritten Aspekt, der erkenntnismäßigen Bedeutung der Liebe. Schon Augustinus (354-430) war davon überzeugt, dass wir nur das in seiner letzten Tiefe erkennen, was wir auch lieben. Der Psychotherapeut Viktor E. Frankl (1905-1997) hat das im Anschluss an ein Wort von Max Scheler so zu verdeutlichen gesucht: „Im geistigen Akt der Liebe erfassen wir somit an einem Menschen nicht nur das, was er in seiner Einzigartigkeit und Einmaligkeit ‚ist‘ [...], sondern zugleich damit auch das, was er in seiner Einzigartigkeit und Einmaligkeit sein kann und können wird.“ In diesem Sinne kommt es bei der Liebe gewissermaßen zu einem dialektischen Prozess, indem sich die Liebenden in der Verwirklichung ihrer Möglichkeiten einander helfen in Bezug auf die „Menschwerdung“ oder das Ziel, ein „homo humanus“, ein menschlicher Mensch, zu werden.

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Dr. Werner Schüßler, seit 1999 Ordinarius für Philosophie an der Theologischen Fakultät Trier. In seinen zahlreichen Publikationen beschäftigt er sich vornehmlich mit Fragen der Metaphysik, der Religionsphilosophie, der Philosophischen Anthropologie sowie der Existenzphilosophie. Er gilt weltweit als einer der führenden Experten in Bezug auf das philosophisch-theologische Werk des Deutsch-Amerikaners Paul Tillich und ist auch ein international renommierter Karl Jaspers-Forscher.

Zum Thema ist von ihm jüngst erschienen:

Werner Schüßler / Marc Röbel (Hg.), LIEBE – mehr als ein Gefühl. Philosophie – Theologie – Einzelwissenschaften, Paderborn: Schöningh-Verlag 2016, 442 S.