Blogbeitrag von Prof. Dr. habil. Michael Opielka

Liebe und Gemeinschaft - lebenslanges Glück und gesellschaftliches Teilsystem

Könnten wir lieben, wenn wir nur die Medien Geld, Recht und Rituale hätten, das wird niemand bejahen.


Wie können wir über Liebe und Gemeinschaft nachdenken ohne alle drei Worte ernst zu nehmen. Die Liebe ist ganz sicher das schwerste dieser drei, wir können ohne sie nicht leben, die Bindungsforscher um John Bowlby und Mary Ainsworth suchten ihre Spur im angeborenen Menschen-Bedürfnis, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen, am Anfang die Mutter, auch Väter können es, sie wandelt sich, greift über auf Geschwister, Freunde, dann auf die größere, die große Liebe zum Geschlechtspartner, verbündet mit dem Begehren, bis zur Gottesliebe, in der wir in unserem Religionskreis gefirmt oder konfirmiert werden. Die Liebe hat freilich auch ihre dunkle Seite, Schleiermacher sah die schlechthinnige Abhängigkeit der Welt von Gott, welch ein merkwürdiges Wort, schlechthinnig, aber auch wahr, denn die Liebe macht abhängig vom Geliebtwerden. Niemand hat keine Assoziation, wenn von Liebe die Rede ist, der Erfolg von Hollywood wie Bollywood wäre gar nicht denkbar ohne diese Assoziationen, diese Hoffnung auf die kleine große Zweiheit in einer kühlen Welt.

Das zweite Wort und kann einfach nur reihen, eins und eins, aber es kann viel mehr, es stellt eine Relation, eine Beziehung her, vielleicht war es der zweiunddreißigjährige Ferdinand Tönnies, der das dialektische und erfand und die Soziologie beinahe mit dazu, als er seine Dissertation als Gemeinschaft und Gesellschaft in die Öffentlichkeit schickte, vor nun genau einhundertdreißig Jahren. Schon sind wir beim dritten Wort, Gemeinschaft.

Gemeinschaft ist leider ein auf andere Weise schwieriges Wort als Liebe. Das deutsche Doppelwort Volksgemeinschaft wurde zur Begründung der faschistischen Massenmorde, immer schon begründete eine Gemeinschaft ein Außen der Fremden, derer, die den Gemeinschaftsgliedern drohen und so drohen Gemeinschaften zurück. Gemeinschaft wurde so zu einem anderen Wort für eine Gruppe, die sich um etwas versammelt und andere dazu ausschließt. Tönnies hat dieser einfachen Verwendung eine historische hinzugefügt, er sah die Moderne als eine Entwicklung von Gemeinschaft zu Gesellschaft, Gemeinschaft damit als ein Widerlager der Gesellschaft, ihren unvermeidlichen Gegensatz, als Familie, als Nachbarschaft, als eben geschlossene Gruppe, während Gesellschaft das Öffentliche ausmacht, das Allgemeine. Bis heute hält sich diese Dichotomie des berühmten Schleswig-Holsteiners, die auf einer anthropologischen und zugleich soziologischen Annahme aufruht. Gemeinschaft sei die Welt des Wesenwillens, die Welt der Natur, Mutter und Kind, die Ehegatten, die Geschwister. Gesellschaft sei hingegen die Welt des Kürwillens, des Egoismus, hier regieren Trennung und Normen. Die großen Soziologen Emile Durkheim und Talcott Parsons hatten Tönnies für diese Naturalisierung von Gemeinschaft kritisiert.

In Gemeinschaft in Gesellschaft[1] wurde mit Parsons und dem wohl größten Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel ein neuer Vorschlag gemacht, Gemeinschaft zu begründen, der auch der Liebe zu einem systematischen Ort verhilft. Gemeinschaft ist hier eines von vier gesellschaftlichen Teilsystemen, die jeweils auf einem privilegierten, symbolischen Medium der Interaktion basieren, neben Wirtschaft mit dem Medium Geld, Politik mit Recht und dem vierten im Bunde, dem Teilsystem Legitimation mit dem Medium Ritual, organisiert sich das Teilsystem Gemeinschaft mit dem Medium Sprache. Anders gesagt ist Gemeinschaft ohne Sprache nicht denkbar. Irgendwo ist auch Geld eine Sprache, Recht geht nicht ohne Sprache, auch Rituale sind oft sprachlich, wie zum Beispiel das Zitat als ein Medium des Untersystems Wissenschaft im Legitimationssystem oder das religiöse Ritual Gebet, denn Religion ist ebenfalls ein Untersystem von Legitimation. Das Besondere am System Gemeinschaft ist aber, dass es ganz und gar auf Sprache beruht, es ist das Kommunikationssystem der Gesellschaft. Das ist gewiss eine sehr knappe Zusammenfassung einer ziemlich komplexen Theorie der Gesellschaft, die sich auch bildlich darstellen lässt, aber dazu bräuchte es noch mehr Worte und Gründe. Neben dem Gemeinschaftssystem als Teilsystem der Gesellschaft mit seinen eigenen vier Untersystemen Hilfe, Bildung, Öffentlichkeit und Kunst existieren natürlich auch konkrete Gemeinschaften, die das Teilsystem tragen, Familien und all die Verbände, die nicht vor allem in den drei anderen großen Teilsystemen Wirtschaft, Politik und Legitimation zu Hause sind.

Diese Betrachtung bringt doch einiges für die Liebe. Denn Sprache ist ja nicht nur unsere Sprache, die wir gerade schreiben und lesen, hier die deutsche Sprache, Sprachen sind auch Musik, Malerei oder Tanz, im Untersystem Kunst des gesellschaftlichen Teilsystems Gemeinschaft werden diese Sprachen kultiviert, samt der Sprache als Sprache, Poesie, Literatur überhaupt und am Duden wirken die Germanisten. Könnten wir lieben, wenn wir nur die Medien Geld, Recht und Rituale hätten, das wird niemand bejahen. Für die Liebe brauchen wir das Ich liebe dich, benötigen wir die Repräsentanz des Geliebten in uns, die immer durch den Filter von Sprache gegangen ist. Liebe ist ganz gewiss eine besonders dichte Form von gemeinschaftlichem Handeln, auch wenn das Christentum sie mit der Nächstenliebe, die auch dem Fernen gilt, und der Buddhismus mit dem Mitleiden ganz stark macht. Das glücklicherweise berühmt gebliebene Paulus-Wort von der Liebe, die Glaube und Hoffnung überrage, zeugt von Wucht, Möglichkeit und natürlich auch Scheitern. Gemeinschaft ist also keineswegs wesenhaft von Liebe geprägt, auch wenn sie dort ihren Ausgangspunkt hat. Liebe und Gemeinschaft gehören jedoch zusammen. Liebe ist in ihr nicht selbstverständlich, sie muss gewollt werden, deshalb der schönste Satzanfang, der am Anfang eines lebenslangen Glücks stehen kann: Willst Du.

 



[1]  Michael Opielka, Gemeinschaft in Gesellschaft. Soziologie nach Hegel und Parsons, 2. Aufl., Wiesbaden: Springer VS 2006; aktuell: ders., Soziale Nachhaltigkeit. Auf dem Weg zur Internalisierungsgesellschaft, München: oekom 2017; zur literarischen Subjektsicht: ders., Villa Mare (i.E.)

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. habil. Michael Opielka, Jg. 1956, er studierte Rechtswissenschaften, Erziehungswissenschaften, Philosophie, empirische Kulturwissenschaften, Ethnologie und Psychologie an den Universitäten Tübingen, Zürich, Bonn und Klagenfurt. Er ist Erziehungswissenschaftler (Dipl. Päd., Univ. Tübingen), Promotion (HU Berlin) und Habilitation (Univ. Hamburg) für Soziologie. Er ist Wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer des ISÖ – Institut für Sozialökologie in Siegburg, das er 1987 u.a. mit André Gorz gründete. Seit 2000 ist er Professor für Sozialpolitik an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Er forschte und lehrte als Visiting Scholar an der University of California, Berkeley (1990-1, 2005-6). 2015 Gastprofessor für Soziale Nachhaltigkeit an der Universität Leipzig. Frühere berufliche Stationen waren u.a. Wissenschaftlicher Referent für Sozialpolitik der Bundestagsfraktion der Grünen (1983-1987), Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Tübingen und Düsseldorf und am Institut für sozialwissenschaftliche Analysen und Beratung (ISAB) in Köln, Vorstand der Karl-Kübel-Stiftung in Bensheim (1994), Abteilungsleiter am Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg (1995-6) und Rektor und Geschäftsführer der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft (1997-2000). Er ist Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg (Institut für Soziologie) und war Lehrbeauftragter u.a. an der Universität Bonn, der Internationalen Psychoanalytischen Universität in Berlin und der Universität Kassel.

Neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen veröffentlichte er bisher drei Lyrikbände („Liebedichlied“ 2015, „Liebes Gedicht“ 2016, „Traum und Gedanke“ 2017), ein erster Prosaband („Villa Mare“) ist in Vorbereitung.