Blogbeitrag von Prof. Dr. Josef Fellsches

Liebe und Gemeinschaft

Das Du (Liebe) ist älter als das Ich (Macht), weil es seinen Ursprung im Verhältnis zur Mutter hat: erst ist die Symbiose, dann das Du und daraus das Ich. Da auch die Macht zum menschlichen Leben gehört, bedeutet Priorität des Liebens als Lebensbejahung auch, verantwortlich mit Macht umgehen zu können.

Der Zusammenhang „Liebe und Gemeinschaft“ erlaubt es mir, entsprechend meiner bildungstheoretischen Devise „Aufs Ganze denken als Bildungskategorie“ einen weiten Rahmen zu stecken: das Friedens-Projekt Menschheit als Weltbundesrepublik. Als gattungsgeschichtliche Bedingungen für ein solches Vorhaben sehe ich außer dem Befund, dass es nur (noch) eine Menschenart gibt, die aufrechte Haltung, die Sprache sowie Kooperation und Liebe.

Nehmen wir an, im Begriffspaar „Liebe und Gemeinschaft“ seien die Begriffe und ihre Inhalte so miteinander verbunden, dass sie nicht ohne einander sein können, einschließlich der Selbstliebe als Vorsorge, andere lieben zu können. Die Reichweite der Gemeinschaft kann dann ausgedehnt werden bis zur Weltgemeinschaft, von der oft die Rede ist, auch von Weltgesellschaft und Weltbürgerschaft, weil die akute Gefahr besteht, dass die globalen Probleme auf Nationalstaatsebene nicht mehr zu bewältigen sind. Dazu bedürfe es eines Weltparlaments bei der UNO und schließlich einer Weltrepublik.[i] So lautet die These hier: für dieses Friedens-Projekt Menschheit in demokratischer Selbstbestimmung bedarf es der Liebe.

Ist Liebe ein so schillerndes Wort, dass man es hier besser gar nicht heranziehen sollte? Nein. Allerdings wäre es kurzschlüssig, zuerst oder nur an erotische Liebe zu denken. Vielmehr ist an eine Beziehungsqualität zu denken, die auch den Namen „allgemeine Menschenliebe“ trägt, die nicht der Rationalität entbehrt und politische Aufmerksamkeit sowie deren Engagement enthält. Diese allgemeine Menschenliebe beruht auf etwas sehr Elementarem: auf Lebensbejahung und Solidarität des Lebens.

Weil nur menschliche Lebewesen ein Verhältnis zu sich selbst haben und darin von sich wissen, können auch nur sie sich bejahen. Jedes Lebewesen lebt in Beziehung und Interaktion mit anderen Lebewesen. Auch Menschen leben in der Angewiesenheit auf Andere und Anderes und aus dem, was sie daraus machen. Es geht um dies Gewahrwerden und Anerkennen der menschlich-gesellschaftlichen Verbundenheit: dass wir nur in Beziehung sind. Sein eigenes Leben und den Verbund des Lebens zu bejahen, das wird hier Lieben genannt. Lieben ist eine Menschenfähigkeit, sie verkörpert sich im Denken, Handeln und Arbeiten. Sie gehört ebenso zur biologischen Ausstattung des Menschen wie seine Angewiesenheit auf Mitmenschen. Diese Auffassung hat durch Humberto R. Maturanas erkenntnisbiologische Forschungen starke Bestätigung erhalten. Maturana gelangt zu dem Ergebnis, dass die Ethik eine biologische Grundlage habe, insofern „Liebe und gegenseitiges Vertrauen … biologisch die elementaren Bindemittel menschlicher sozialer Systeme“ seien. „Das menschliche Bedürfnis nach gegenseitigem Respekt und Vertrauen ist nicht auf Ideologie gegründet, die sich aus irgendeinem System angeblich absoluter Werte ergibt. Dieses Bedürfnis ist ein biologisches Bedürfnis, das für die menschliche Situation konstitutiv ist und das befriedigt werden muss, wenn der Mensch Mensch bleiben soll: es ist die einzig legitime Quelle jeder Ethik und gleichzeitig deren invariante Bezugsgröße.“[ii]

Häufig wird der menschlichen Liebesfähigkeit sogleich die menschliche Aggressivität und Gewalttätigkeit entgegengesetzt oder gar gleichgestellt. Die Geschichte der Kriege und der blutigen Regime, der Habgier und des Mordens beweise doch, dass die Liebe der Macht und Gewalt hoffnungslos unterlegen sei. Es lässt sich aber auf der Basis der Ausstattung des Menschen eine Priorität der Liebe vor der Macht begründen. Dass Menschen lieben können und geliebt werden, ist eine Erfahrung vor der, dass sie Macht und Gewalt ausüben können. Gerade aus der Erfahrung des Liebens erwächst ihnen die Möglichkeit, Gewalt negativ bewerten und ablehnen zu können. Insofern ist die Liebeserfahrung durch die Erfahrung des Du und Wir eher als das Ich der Macht über den Anderen. Und im freien Seinlassenkönnen ist der Mensch qualitativ mehr vom naturhaften Leben unterschieden als im Sich-Ermächtigen. Das Du (Liebe) ist älter als das Ich (Macht), weil es seinen Ursprung im Verhältnis zur Mutter hat: erst ist die Symbiose, dann das Du und daraus das Ich. Da auch die Macht zum menschlichen Leben gehört, bedeutet Priorität des Liebens als Lebensbejahung auch, verantwortlich mit Macht umgehen zu können.

Als Menschen sich in der Jungsteinzeit einen Bereich abgrenzten und ummauerten, um innerhalb dieser Stätte zu wohnen und von hier aus auf die Welt außerhalb der nun entstandenen Grenzen zuzugehen, hatten sich einige die Macht zur Gründung einer Herrschaft mit entsprechender Sozialstruktur von hoch und nieder genommen. Die Beziehungen waren von nun ab mitgeformt durch Besitz- und Herrschaftsordnung. Nur Menschen war das möglich. Als Menschen konnte ihnen aber nun als Kehrseite dieses Vorgangs aufgehen, dass es Beziehung ohne Machtanspruch gibt: Lieben.

Bleibt noch zu unterstreichen, erstens, dass es sich bei der Liebe nie um einen Naturreflex handelt, sondern um Aktivierung von Menschen-Möglichkeit. Zweitens, dass es bis zur Vision einer Weltgemeinschaft und Weltrepublik bedeutsamer geschichtlicher Bedingungen bedurfte: Renaissance-Humanismus, Aufklärung, Säkularisierung, Demokratisierung.

© Autor J. F.



[i]      Jo Leinen, Andreas Bummel, Das demokratische Weltparlament. Eine kosmopolitische Vision, Bonn 2017

[ii]    H. R. Maturana, Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig 21985, S. 30, 31

 

Über den Autor

Beitrag von Prof. Dr. Josef Fellsches, Jg. 1938, von 1979 bis 2004 Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft an der Folkwang Universität der Künste in Essen. – www.aufquivive.net

Publikationen im Themenbereich: Moralische Erziehung als politische Bildung, Heidelberg 1977 –

Pädagogik der Sinne. Aussichten auf menschliche Beziehungen, Essen 2. A. 1993 – Lebenkönnen. Von Tugendtheorie zur Lebenskunst, Essen 1996 – Artikel: Ehrfurcht, Liebe, Neid, Tugend/Laster, Wahrhaftigkeit, Würde, Zynismus in: Enzyklopädie Philosophie, hg. v. Hans Jörg Sandkühler, Hamburg 2010