Ein Blogbeitrag von Dr. phil. Andreas Schiel

Liebe ohne Kreuz?

"Versuchen aber könnten wir es durchaus mit einer Liebe ohne Kreuz. Das ist kein leichtfertiges Wortspiel, sondern ernst gemeint und, wenn Sie mögen, auch wissenschaftlich zu begründen."

Wieder einmal wird es Weihnachten, und das christliche Erbe unserer westlichen Kulturen konfrontiert uns – weit gehend ungeachtet unseres persönlichen Bezugs zu Christentum und Kirche – aufs Neue mit einem ethischen Kernbestand christlichen Glaubens: der Nächstenliebe. Die schwärmerischen wie grundkritischen Positionen sind in der Theorie lange bezogen und bekannt. Und in der Praxis wiederholt sich jedes Jahr aufs Neue das Schauspiel von kirchlicher Seite routiniert vorgetragener Bekenntnisse und Appelle zur fortdauernden Geltung eines ethischen Grundsatzes, an dessen faktischer Wirkung indes viele Menschen zweifeln, wenn nicht verzweifeln. Denn wo ist sie, die Nächstenliebe in einer Welt der Konkurrenz und Konflikte? Und wie nur kann man sie erhalten, dort, wo sie sich gelegentlich tatsächlich eingestellt hat?

 

Nirgendwo – und überhaupt nicht, werden die kühlen Realisten antworten. Am Ende aber bleibt die bange Frage, ob nicht doch etwas daran sein könnte, an der Nächstenliebe, die jener Jesus ja recht glaubwürdig und nicht ohne Effekt einst vertreten haben soll. Manche/r wird am Heiligen Abend in strahlende Kinderaugen schauen oder auch beim Kirchgang dem Blick eines Obdachlosen ausweichen und sich fragen, ob da nicht mehr sein könnte, mehr sein sollte, als der eigene Vorteil, den zumeist die Stärkeren von uns zwar gerne ausdehnen auf einen kleinen Kreis geliebter Menschen, dann aber den Mut nicht finden, ihre Privilegien zum Vorteil auch einer größeren Gemeinschaft zu verwenden.

 

Sind nicht doch alle Menschen Brüder? Oder Schwestern? Nicht nur das Herz, nein auch die Ratio drängt dazu, die Geltung dieser These zu bejahen. Allein, es fehlt der Glaube, ihr Faktizität zu verleihen. Nur vielleicht ist das die Crux mit der Nächstenliebe, dass sie immer ans Kreuz gehängt wird; dass sie immerfort über den kirchlich-theologischen Rezeptionsweg interpretiert, von den Kirchen unverdrossen beansprucht und von (fast) allen anderen gerade darum routiniert verworfen wird. Wird es nach über 2000 Jahren nicht Zeit, über Alternativen nachzudenken?

 

Der junge Heinrich Böll hat in einem Buch, das Sie zweifellos in die engere Wahl ziehen sollten, wenn in letzter Minute die Geschenkideen rar werden, beschrieben, in welche Richtung wir dabei nicht denken sollten. Das Buch heißt Kreuz ohne Liebe und ist eine ebenso humane wie grundkatholische Abrechnung mit der menschenfeindlichen Volksgemeinschaft des Nationalsozialismus. Heute, da das falsche Versprechen des Völkischen und Totalitären wieder populärer zu werden scheint, sollten wir daher nie vergessen, dass erzwungene Gemeinschaft auf Grund äußerlicher Kriterien der Gleichheit Zuneigung und Liebe nur simulieren, nicht aber kreiren kann.

 

Versuchen aber könnten wir es durchaus mit einer Liebe ohne Kreuz. Das ist kein leichtfertiges Wortspiel, sondern ernst gemeint und, wenn Sie mögen, auch wissenschaftlich zu begründen. Einsteigen aber können wir durchaus literarisch, mit Albert Camus, der in La Peste dieselbe Misere behandelt wie Böll, mit anderen Worten und etwas anderem Ausgang nur. In einer gottlosen, sinnfreien Welt der prekär vereinzelten Individuen ist es, so Camus, bedingungslose Solidarität, die den Unterschied machen kann zwischen menschlicher Gemeinschaft und menschlichem Elend. Viel zu viele von uns scheinen jedoch auch heute noch (oder schon wieder) in dieser gottlosen, sinnfreien Welt zu leben, in der die Nächsten eher Feinde und Konkurrentinnen sind, denn hilfreiche Gefährten.

 

Grund genug, darüber nachzudenken, ob Solidarität und ja, Liebe, auch und gerade im postmodernen – und wie Jürgen Habermas treffend formuliert hat – postkonventionellen Miteinander nicht eine wachsende, ja eine tragende Rolle spielen könnten. Ivan Karamasov war bei Dostojewskij überzeugt, wenn Gott tot sei, dann sei alles erlaubt. Wenn aber alles erlaubt ist, wer soll uns daran hindern, uns im Sinne kantischer Autonomie Gesetze und Strukturen für das menschliche Miteinander zu geben, die das Schlechte vermeiden und das Gute zu bewirken helfen?

 

Im Prinzip nichts und niemand. Es käme nun aber darauf an, zu verstehen, wie man das, was Nächstenliebe will und beansprucht in soziale Formen gießen kann, die nicht erst Überschwang, dann Repression und schließlich bittere Enttäuschung produzieren, so wie das die Liebe im Namen des Kreuzes leider allzuoft getan hat. Dafür muss man Nächstenliebe verstehen, muss sie deuten lernen. Nicht aber in Form einer sprachanalytischen und auch nicht in Form einer ontologischen, einer Wesensuntersuchung. Auch nur begrenzt phänomenologisch, sondern vor allem als sozialen Prozess. Investiert man Mühe darein, zu ergründen, nicht was Liebe ist, sondern wie sie sich im sozialen Miteinander und insbesondere im kommunikativen Handeln äußert, kann ein Verständnis entstehen, für ihre (ohne Frage fragilen) Voraussetzungen und begünstigenden Umstände.

 

Der Zugang der Wahl, so lautet meine Überzeugung, ist somit ein eher sozialwissenschaftlicher als philosophischer und im Grunde ein kommunikationstheoretischer (und -praktischer!). Es gilt zu beleuchten, welche kommunikativen Akte, sprachliche (digitale) wie extrasprachliche (analoge), das begünstigen, was wir intuitiv Nächstenliebe nennen. Im Endeffekt läuft dann alles auf eine wertschätzende, aber konfliktbereite kommunikative Praxis hinaus, die man mit Paul Watzlawick therapeutisch nennen kann und die dem rational-kognitiven Modell der Diskursethik nach Habermas ein emotional-affektives Komplement zur Seite stellt. Natürlich ist das in 6000 Zeichen kaum zu erklären, bei Interesse können Sie aber gern hier weiterlesen.

 

Um abschließend noch einmal weihnachtlich zu werden: Eine wichtige Traditionslinie der jüdischen Ethik, die Jesus prägte, schrieb dem Herzen in moralischen Fragen entscheidende Urteilskraft zu. Wenn uns nun aber der Glaube sowohl an Gott als auch an unser Herz verloren gegangen ist, wird es vielleicht Zeit, sich an die Wiederentdeckung jener Zusammenhänge zu machen, für die solche Begriffe bloß ein Chiffre sind. Und das geht vielleicht am Besten ganz ohne Kreuz und Weihrauch.