Blogbeitrag von Dominique Zimmermann

Liebe in der Gemeinschaft

Liebe als Konsumgut, Liebe als schwer definierbare Qualität, Verwechslungen mit Liebe und Polyamorie im weitesten Sinne

Liebe als Konsumgut

Liebe ist längst ein Produkt unter vielen geworden. In unserer individualistisch und egoistisch-materialistisch orientierten Welt geht es meistens nicht darum, wie sich die Einzelnen verhalten könnten, damit es der Gemeinschaft gut geht, sondern um die Frage, wie das Individuum seine Liebesbedürfnisse am besten abdecken und mittels anderer Menschen oder Produkte stillen kann. Die Anderen dürfen bei dieser Bedürfnisbefriedigung mithelfen, so lange keine allzu grossen Irritationen auftreten. So möchte ich im Folgenden einen kritischen Blick auf die aktuellen Debatten rund um Beziehungsoptionen und Polyamorie werfen und abwägen, wie weit einige Grundgedanken der Polyamorie lediglich eine Verlängerung der konsumistisch- romantischen Strömung sind.

Liebe als schwer definierbare Qualität

Um über Liebesbeziehungen diskutieren zu können, sollten wir uns fragen, was denn die Liebe überhaupt sei. Denn der Begriff der Liebe ist nicht kurz und knapp definierbar. Dennoch kann man versuchen, sich der Liebe anzunähern und das Undefinierbare zu ergründen. Ich bin der Meinung, dass man über rein philosophische, soziologische und psychologische Überlegungen an Grenzen stösst und dass das Thema letztlich eine spirituelle Dimension berührt. Der indische spirituelle Philosoph Jiddu Krishnamurti bringt folgende Überlegungen ins Spiel: „Liebe ist nicht Hass, noch Eifersucht, noch Ehrgeiz, noch der konkurrierende Geist mit seiner Angst vor Misserfolg. Es ist nicht die Liebe zu Gott, noch ist es die Liebe zum Menschen – was wiederum eine Spaltung ist. Liebe gehört nicht dem einen oder den vielen. Wenn Liebe da ist, ist sie persönlich und unpersönlich, mit und ohne Objekt. Sie ist wie der Duft einer Blume; einer oder viele können ihn einatmen; worauf es ankommt, ist der Duft, nicht wem er gehört.“ (Revolution durch Meditation, Orig. The only Revolution 1970, Gespräch 15) Wenn wir uns über das menschliche Hadern mit der Liebe unterhalten, werden wir nicht umhinkommen, uns Gedanken zu weiten Feldern zu machen, wie etwa Besitzdenken, Identitäten, Macht, Sexualitäten...

Verwechslungen mit Liebe

Wir können differenzieren zwischen Liebesbeziehungen im weitesten Sinne sowie Verliebtheit und erotischen Intimbeziehungen. Oft wird in Diskussionen unterstellt, dass eine Liebesbeziehung eine Intimbeziehung sei, die in Liebe wurzelt. Unter konventionellen romantischen Vorzeichen wird erhofft, dass sich die erste Verliebtheit möglichst fortsetzt und im geteilten Alltag oder sogar innerhalb eines Familienbundes mit Kindern, Haus, Hund und Auto ihren Höhepunkt findet. Längerfristig geht es in diesen Settings um eine Auslotung der Grenze, was an Intimität noch ausserhalb dieses Bundes (der meistens mit einer ökonomischen Verwicklung einhergeht) stattfinden darf. Denn oft kommt es ja irgendwann zu einer gewissen Ernüchterung, die Verliebtheit lässt wieder nach und erste Trennungsabsichten schleichen sich ein. Vielleicht wird mit dem Schluss: „Ich liebe dich nicht mehr“, öfters mal verwechselt, dass einfach die Verliebtheit abgeklungen ist und sich nun zeigt, dass anstelle von Liebe eher Leere empfunden wird. Nun wird gestritten, wo Intimität mit Dritten anfangen darf oder aufhören muss. Was „nur“ Freundschaft sei und was mehr, was erlaubt sein soll und was nicht. Hier finden wir oft eine Konzentration von dysfunktionalen Machtverhältnissen, Abhängigkeiten, unmenschliche Bedingungen und ganz vielen Ängsten. Also viele Elemente, die das Lieben und eine Offenheit für unvoreingenommene Begegnungen erschweren. Zur Begrenztheit intimer Liebe schrieb der deutsche Publizist und Autor Roger Willemsen in seinem Roman „Kleine Lichter“: „Die Liebe ist eine Steigerungsform, ihr geht es um alles. Deshalb gibt es die Liebe auch eigentlich nur, solange sie unmöglich oder verboten ist. Danach wird sie ein Verhandlungsergebnis, ein Kompromiss.“

Wenn ein Bewusstsein fehlt, dass die Liebe eben kein Verhandlungsergebnis ist, sondern dass wir alle herausgefordert sind, unsere Liebesfähigkeit zu kultivieren und unser Ego wahrzunehmen und kritisch zu beobachten, wird uns die Diskussion um Polyamorie und eine Erweiterung der Primärbeziehung von zwei auf drei oder vier nicht weiterbringen. Denn es geht nicht nur um individuelle Bedürfnisse und zwei- oder mehrsame Geborgenheit und Sicherheit. Sonst erweitert sich die Suche nach einem diffusen Produkt: der explosive Stoff der Hollywood Tragödie wird einfach weiter aufbereitet mit dem kapitalistischen Anliegen, sich alle Wünsche zu einem möglichst kleinen Preis erfüllen zu wollen.

Polyamorie im weitesten Sinne

Wir dürfen nicht vergessen, dass diese ganzen Vorstellungen im Rahmen der heteronormativen Monogamie angesiedelt werden müssen und dass alle anderen Modelle wie etwa Regenbogenfamilien oder polyamouröse Verbindungen lediglich an den Rändern dieser Norm auftauchen. Serielle Monogamie ist heutzutage der Standard. So schwierig der Begriff „Polyamorie“ letztlich ist, da eben die Liebe so schwer zu fassen ist, so offen ist er aber auch. Die Mehrfachliebe in einem über den Sex hinaus gefassten Sinne sollte sich aus meiner Sicht als gesamtgesellschaftlicher Fokus etablieren. Dann geht es nicht mehr so zentral um die Diskussion von Sexualitäten und wer mit wem was genau teilt, sondern um ein Bewusstsein, sich zu kümmern und sich auf die Anderen in ihrer Andersheit einzulassen. To care beschreibt das, was ich hier meine, genauer. Kümmern sollen wir uns nicht nur um jene, die wir intim lieben, sondern letztlich um alle Menschen. Oder genauer, um alle Lebewesen und unseren Planeten als Ganzes, im Respekt gegenüber zukünftigen Generationen. Nicht was uns die Welt und unser Leben bietet, sondern was wir verantwortungsbewusst in diese Welt tragen und in unseren Gemeinschaften beitragen und empfangen, das ist die Schlüsselfrage. Polyamorie wäre in diesem Sinne die Liebe zu Vielen und Vielem, die nach Aussen getragene Liebe, die im Inneren und gemeinsam kultiviert und in der Gemeinschaft (mit)geteilt wird.

 

Über die Autorin

Beitrag von Dominique Zimmermann,

Lic Phil I Studium der Philosophie,
Neuere Literaturwissenschaft, Neuere Geschichte 1999,

Kommunikation und Beratungskompetenz (NLP) 1999,

Fortbildung in Kreatives Schreiben und Bibliotherapie,
SAL Zürich 2004/5

Sexualpädagogin ISP (2016)

Zum Thema ist von ihr zuletzt erschienen:

Die andere Beziehung. Polyamorie und philosophische Praxis (mit Imre Hofmann), Schmetterling: 2012

Das Maß der Liebe. Plädoyer für ein subversives Nein, Schmetterling: 2015