Blogbeitrag von Prof. Dr. Berthold Wald

Liebe bedeutet Gutheissung

"Liebe in beiderlei Sinn von Verlangen und Bejahung ist die den Menschen zuinnerst bestimmende Weise zu sein."

Der Philosophierende tut gut daran, sich zunächst des sprachlichen Befunds zu vergewissern, um von dort her im Blick auf die Sache die nötigen Unterscheidungen zu treffen. „Nach der unendlich vielstimmigen Auskunft der Sprache“ ist Liebe gleichermaßen etwas, das wir tun und das uns widerfährt, eine bewußte Handlung und etwas, das uns überkommt, „wie eine Verzückung“. Nicht bloß die selbstvergessene „Hingabe“, „die nicht das Ihre sucht, sondern auch die „Regung“, „die aufs Haben und Genießen aus ist“, - beides bezeichnen wir mit demselben Wort „Liebe“, das Verliebt-sein ebenso wie das Lieben. Mehr noch: der Ausdruck „Liebe“ steht sowohl für die Hingabe an Gott wie für die unterschiedlichen Weisen der Hingabe an Menschen (den Freund, die Tochter, die eigene Frau), und schließlich auch für den Akt, der wesenhaft Gott selbst zugeschrieben wird. Sofern es überhaupt das „in den ungezählten Gestalten der Liebe wiederkehrend Selbige“ gibt: „In jedem denkbaren Fall besagt Liebe soviel wie Gutheißen“ im Sinn von „beipflichten, Billigung, Beifall, Bejahung, Lob, Rühmung und Preisung“. Etwas gut zu heißen geht über die bloß theoretische Feststellung der Vernunft hinaus. Bei allen Formen liebender Gutheißung handelt sich vielmehr um „Formen der Willensäußerung“. Lieben heißt zustimmen, einverstanden sein mit der Existenz des Geliebten: Gut, daß es das gibt; wunderbar, daß es Dich gibt!

Liebe in beiderlei Sinn von Verlangen und Bejahung ist die den Menschen zuinnerst bestimmende Weise zu sein. Alle lebenden Wesen sind ja im Kern „nichts als Wille“, wie Augustinus lehrt, und so auch der Mensch: „ob zum Guten oder zum Bösen, ein jeder lebt aus seiner Liebe.“ Alles kommt auf die Liebe an, auf „sie allein, die ‚in Ordnung’ sein muß, damit der Mensch im Ganzen ‚richtig’ sei und gut.“ Darum konnte Augustinus die ganze Lebenslehre in einem einzigen kurzen Satz zusammenfassen: Tugend (als Richtigsein des Menschen) ist „geordnete Liebe“. Alle weitere begriffliche Entfaltung muß an der menschlichen Selbsterfahrung auszuweisen sein. Dieser Aufweis ist aber nur dann philosophisch zu nennen, wenn sich die klärende Vertiefung des Verstehens bewußt in den Horizont des Wirklichkeitsganzen stellt. Philosophie darf und muß sich dazu unter dem Antrieb des Erkenntniswillens unterschiedlicher Quellen bedienen: der Literatur und Psychologie ebenso wie der Theologie und der Religion. Von verschiedenen Seiten her ergibt sich immer derselbe Befund: Die Gutheißung des Liebenden richtet sich nicht primär auf die Eigenschaften des Geliebten, sondern auf dessen Existenz. Sie ist „Parteinahme für das Dasein des Geliebten“ und „immerfort dabei, dem Geliebten Dasein zu geben“, schließlich sogar ein Akt der Hoffnung in der Versicherung: „Du wirst nicht sterben“. In ihrer äußersten Intention meint Liebe also „Zuerteilung des Lebensrechts, Daseinsermächtigung und sogar Negation des Todesschicksals“. Liebe ist die willentliche Zuwendung, die uns sein läßt, sowohl im Sinn nachträglicher Bestätigung, wie vor allem und radikaler: die uns sein macht. Die creatio, die Erschaffung, ist „die äußerste Gestalt der Bejahung, die überhaupt gedacht werden kann“, „Schöpfertum“ gewissermaßen ‚der Komparativ des Ja-sagens’“. Gott hat zu allem, was ist, bereits sein „Ja“ gesagt, wodurch er alles Seiende auch weiterhin im Sein erhält. Menschliche Liebe ist von daher etwas Zweites, eine notwendige Ergänzung. Sie ist „wiederholender Nachvollzug der göttlichen, kreatorischen Ur-Bejahung“. Weil zu sein für jeden das Kostbarste und das zugleich am wenigsten in seiner Macht Stehende ist, darum haben wir es absolut nötig, in der Weise reiner Existenzbejahung geliebt zu werden als „Fortsetzung und in bestimmtem Sinn sogar […] Vollendung des in der Erschaffung Begonnenen.“

(Die Zitate sind entnommen aus: Josef Pieper, Über die Liebe, München 2014, Kap. II, S. 52 ff.)