Ein Blogbeitrag von PD Dr. Bettina Fröhlich

Liebe als Persönlichkeitsformung

Über drei Herausforderungen der Liebe

Liebe lässt sich zunächst als ein Ereignis beschreiben, das in unser Leben hereinbricht wie ein Naturphänomen – plötzlich, unvorbereitet und scheinbar ohne jede willentliche Entscheidung. Wir erleben ein starkes Gefühl, das uns überwältigt und gefangen nimmt. In der Reflexion und philosophischen Verarbeitung der Erfahrungen wird jedoch deutlich, dass diese Phänomene eher mit dem Begriff der Verliebtheit zu bezeichnen sind. Liebe hingegen zeigt sich als Fähigkeit, die in einem mühsamen und schmerzhaften Lernprozess erst zu erwerben ist. Liebesfähigkeit ist nicht gegeben, sondern aufgegeben. Auf dem langen Weg zur gereiften Liebe werden wir mit tiefen Ängsten und menschlichen Grundbedürfnissen konfrontiert, wir machen schmerzhafte Selbsterfahrungen, erleiden Enttäuschungen, Aufbegehren und Wutzustände und erleben Wandlungsprozesse, die im Fall eines Gelingens in äußerst beglückende Begegnungen münden.

Die Liebe stellt uns vor drei große Herausforderungen, die zu meistern sind. 1) Vertrauen lernen: Begegnen wir einer Person, die uns in besonderer Weise anspricht, zu der wir Zuneigung und tiefere Gefühle entwickeln, so verspüren wir das Bedürfnis, uns für diese Person zu öffnen und etwas von uns mitzuteilen. Wir wollen uns zeigen und den anderen teilnehmen lassen an unseren Erfahrungen und Erlebnissen. Die Öffnung wird jedoch häufig durch tiefsitzende Ängste blockiert. Wir verschließen uns aus einer Schutzhaltung heraus, wir wollen den anderen nicht in das Innere unserer Persönlichkeit hineinlassen, uns nicht mit allen Schwächen, Wunden und problematischen Seiten zeigen. Es ist die Angst vor Verletzung, Schmerz und Enttäuschung, der wir auf dem Weg zur Liebe zunächst begegnen. Die erste Herausforderung besteht also darin, Vertrauen zu wagen und Ängste zu überwinden.

2) Sich selbst erkennen: Haben wir uns in eine Person verliebt und erhalten von dieser Signale, die auf eine Erwiderung der Gefühle hindeuten, so werden in uns Grundbedürfnisse geweckt, die sich je nach charakterlicher Anlage und Erfahrungshintergrund in verschiedenem Ausmaß und in differenten Verhaltensmustern äußern. Die aktivierten Bedürfnisse sind vielfältig: Wir haben das Verlangen nach Zuwendung, Zärtlichkeit, Berührung, nach Sicherheit, Geborgenheit, Schutz, nach Anerkennung und Bestätigung und dem Erleben von Selbststärke, Kraft und Wirksamkeit. In beginnenden Liebesbeziehungen gewinnen vor allem jene Bedürfnisse an Raum, die unseren charakterlichen Anlagen entsprechen und/oder durch Mangel- und Entbehrungserfahrungen besonders dominant geworden sind. Die Grundbedürfnisse, die unserer Verfasstheit als endliche, begrenzte Wesen entspringen, sind zunächst keineswegs problematisch. Zum Problem werden sie erst dann, wenn aus ihnen Erwartungen und Forderungen abgeleitet werden, etwa folgender Art: ‚Du sollst mir Zuwendung geben‘, ‚Du sollst für mich da sein‘, ‚Du darfst mich nicht verlassen‘, ‚Du sollst mich bewundern‘, ‚Du sollst mir gehören‘. Werden diese Forderungen noch verstärkt, so ist darin ein Exklusivitätsanspruch eingefasst, der sich in folgenden Formulierungen artikulieren lässt: ‚Du sollst nur für mich da sein und für keinen anderen‘, ‚Du sollst nur für mich liebevolle Gefühle haben‘, ‚Du sollst nur mir gehören und keinem anderen‘. Auch wenn diese Forderungen häufig nicht explizit erhoben und ausgesprochen werden, bleiben die darin wirksamen Besitzansprüche, Vereinnahmungstendenzen, die Eifersucht und das Misstrauen keineswegs im Verborgenen. Sie manifestieren sich in verbalen Aussagen, in nonverbaler Kommunikation und bestimmten Verhaltensmustern. Daraus können für eine Liebesbeziehung ernsthafte Probleme erwachsen. Die Forderungen und Erwartungshaltungen engen den anderen ein, rauben ihm Freiraum und Möglichkeiten der Selbstentfaltung. Als Reaktion erfahren wir den Rückzug oder die Abwehr des anderen, auf die wir mit Enttäuschung oder Wut reagieren. Spätestens jetzt ist der Moment gekommen, in dem wir uns der zweiten großen Herausforderung, nämlich der Selbsterkenntnis zu stellen haben. Um dem Gefängnis der selbstbezogenen Liebe zu entrinnen und eine echte Beziehung zum anderen herzustellen, ist es unumgänglich, in einer schonungslosen Selbstbetrachtung und Selbsterfahrung die eigenen Verhaltensmuster zu vergegenwärtigen. Das ist ein schmerzhafter Prozess, da die Konfrontation mit problematischen Verhaltensweisen unserem Selbstbild Abbruch tut. Noch schmerzhafter wird es jedoch, wenn die zugrunde liegenden Bedürfnisse und die Mangel- und Entbehrungserfahrungen bewusst gemacht werden. Hier werden alte Wunden berührt und schmerzhafte Erlebnisse, die meist weit in die Vergangenheit zurückreichen, noch einmal durchlitten.

3) Umkehr: Ist der starke Wunsch vorhanden, einen Zugang zum anderen zu gewinnen, sind wir also bereit, Liebesfähigkeit zu entwickeln, so werden wir uns auf dem Weg der Selbsterkenntnis langsam von Forderungen, Illusionen, Zwängen und Erwartungshaltungen lösen und eine Freiheit für die Begegnung mit dem anderen schaffen. Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis haben eine kathartische Wirkung. Sie reinigen die Liebe von narzisstischen und instrumentalisierenden Tendenzen und leiten eine Umkehr ein, die sich in der Hinwendung zum Wohl des anderen äußert. Die alten Forderungen: ‚Du sollst mir etwas geben‘, ‚Ich will Deine Zuwendung und Aufmerksamkeit haben‘, ‚Ich will dich besitzen‘, werden transformiert in den Wunsch: ‚Ich will dir etwas schenken, ich will dich stärken, deine Lebendigkeit und dein Wachstum fördern, ich will dich in deiner Freiheit und deinem Selbstsein unterstützen‘. Diese Intention ist zum einen mit dem Verlangen verbunden, den anderen mit all seinen Schwächen und Stärken immer tiefer kennenzulernen und anzunehmen. Zum anderen aber ist hier die Frage eingefasst, was wirklich förderlich, unterstützend, hilfreich ist. Die fragende Ausrichtung auf das Gute verhindert ein Wohltun nach eigenem Maß. Die Umkehr ist die dritte und wahrscheinlich größte Herausforderung der Liebe. Gelingt sie, so erwachsen beglückende und stabile Beziehungen, in denen die Grundbedürfnisse eine Erfüllung finden. Die gereifte Liebe schafft eine Verbundenheit, die Sicherheit, Geborgenheit, Anerkennung, Selbststärke und Selbstgefühl vermittelt. Sie bringt all das mit sich, was die fordernde Liebe begehrt, aber nicht zu erlangen vermag.