Blogbeitrag von Dr. Ingrid Stapf

In der Zwischen-Zeit: Digitalisierung als Herausforderung für selbstbestimmtes Handeln mit Blick auf Zeit und Zeiträume

Womit verbringen wir unsere Zeit? Wo bleibt die Zeit? Was machen wir in der Zeit? Wofür nehmen wir uns Zeit?

Wenn man Menschen heute nach der Uhrzeit fragt, dann schauen sie oft auf ihr Smartphone. Dort ist, neben Bildern, Terminen, Notizen, dem Wetterbericht oder dem Aktienkurs eben auch die Zeit festgehalten. Das mobile Endgerät ist nahe- meist sogar am Körper liegend, wirkt objektiv-verbindlich und hilft dabei, das Leben zu takten. Je nach App lässt sich für die Frau der Zyklus berechnen oder das Gedächtnis trainieren. Für Jugendliche, so zeigen Studien, ist ihr Mobiltelefon oft wie ein Körperteil, etwas, was sie nicht nur tragen, sondern was sie auch trägt, verbindet und von anderen abhebt. Es hilft gleichermaßen dabei, Distanzen zu überwinden und doch Distanz zu halten. So kann ich Störenfriede in sozialen Netzwerken ent-freunden oder live mitverfolgen, was die neue Liebe gerade macht.

Was wir in der Zeit machen und was wir heute mit Zeit machen ist im Zeitalter der Digitalisierung nicht oft anders als zuvor, aber es findet anders statt. Der Blick auf aktuelle Phänomene veranschaulicht, wie stark mediatisiert unser Leben geworden ist: Weltweit 858 und in Deutschland 27 Millionen Nutzer des führenden sozialen Netzwerks Facebooki sehen auf ihrem digitalen Endgerät, wann ihre Freunde wie lange online sind; Eltern können über in Kuscheltieren versteckte Kameras ihrem Babysitter zuzusehen, der Marktführer Google mit rund 1.255 Millionen Nutzern weltweitii erlangt über Algorithmen neue Gatekeeper-Funktionen. Und auf der US-Live-Stream-Plattform werden rund 100 Millionen Live-Streams pro Monatiii produziert, bei denen sich schon Kinder über eine Webcam vor einem anonymen Publikum präsentieren.

Ohne direkt zu der Annahme kommen zu müssen, dass diese Veränderungen problematisch sein müssen - denn sie bieten unzählige Potenziale gerade für Kinder - stellt sich dennoch die Frage, welche moralisch relevanten Spannungsfelder sich in der Folge ergeben: Sie reichen aus medienethischer Sicht vom Datenschutz (wem gehören meine Daten?), über Urheberrechte (was ist authentisch?), zu Fragen von Inklusion und Exklusion (wer wird nicht sichtbar?), Überwachbarkeit (welche digitalen Spuren hinterlasse ich?), hin zur Frage nach Beziehung und Gemeinschaft (mit welchem Du interagiere ich digital?) und vor allem Privatsphäre (ist das Gespräch auf Skype privat?).

Auffällig bei diesen Phänomenen ist die Frage nach Zeit. Womit verbringen wir unsere Zeit? Wo bleibt die Zeit? Was machen wir in der Zeit? Wofür nehmen wir uns Zeit? Und wie nehmen wir sie wahr? Je mehr die mobilen Endgeräte können und je mehr sie mit uns und über uns lernen (über Algorithmen und als zunehmend selbst lernende Systeme), desto größer wird, so meine ich, die Herausforderung, selbstbestimmt mit Zeit umzugehen. So sind Arbeitnehmer jederzeit erreichbar, Informationen sofort und überall verfügbar, Freunde und Verwandte in ihrer Online-Präsenz sichtbar und die Bewegung der eigenen Kinder über Ortungsdienste visuell nachvollziehbar. Inwieweit hier neue Freiräume oder Herausforderungen für Selbstbestimmung entstehen, hängt zunehmend davon ab, eine bewusste Wahl zu treffen, aus dem technischen Können eine persönliche Entscheidung zu machen und sich über die eigenen Gründe und die Folgen des Handelns bewusst zu werden.

Betrachten wir das Beispiel des sharenting. Laut einer aktuellen Untersuchung teilen Eltern heute ungefähr 1.500 Bilder ihrer Kinder online vor deren 5. Geburtstag und mehr als 80% der Kinder haben im Alter von zwei Jahren bereits eine Online-Präsenz.ivDies hat bereits dazu geführt, dass Kinder ihre Eltern rückwirkend verklagen, wenn deren Bilder oder Blogs ihre Zukunftschancen minimieren. Informationen, mit denen Eltern eigentlich etwas über sich selbst mitteilen, in Netzwerken präsent sein oder sich über Problematiken (z.B. psychische Störungen der Kinder) austauschen wollen, berühren in diesem Fall nicht nur eigene Rechte, sondern auch Kinderrechte, wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention verbrieft sind.v Das, was vor dem Zeitalter der Digitalisierung noch in begrenzten Kreisen blieb oder zeitlich beschränkt war, gelangt medial an größere, auch anonyme Empfängergruppen, und in größere Zeitdimensionen, wenn sie nicht löschbar sind.

So wurde ein Fotoalbum von Kindern vielleicht auf Familienfeiern weitergereicht, aber die Bilder lagen nicht in der digitalen Timeline, von der unklar ist, ob zur öffentlichen Darstellung und Verwendung der Bilder aktiv wissend eine Zustimmung erteilt wurde. Das, was in der Medizinethik als informed consent bezeichnet wird, bedarf zum einen der Transparenz im Sinne der verfügbaren Informationen, einer bewussten Zustimmung im Zuge einer Folgenabschätzung sowie der Entscheidung, welche Selbstbestimmungsrechte Betroffene dabei haben. Bei Kindern wird dies noch virulenter, da nicht nur ihre Gegenwart, sondern ihre Zukunft von Entscheidungen anderer beeinträchtigt wird, ohne dass oft ihre Stimme gehört wird.

Eine digitale Timeline unterscheidet sich von einem persönlichen Tagebuch durch eine andere zeitliche und räumliche Dimension. Und wirft die Frage auf, wer diese Zeit nach welchen Maßgaben gestaltet. Und wer die Akteure sind, von denen Verantwortung eingefordert werden kann. Neben den Anbietern (welche Normen sind in der Kodierung eingeschrieben, was für den User sicht- und steuerbar?), tragen Eltern zunehmend Verantwortung, sich Zeit zu nehmen für diese Fragen. Am besten mit den Kindern. Um gemeinsam zu überlegen, ob der Zeitdruck gelten muss, was Präsenz heute heißt, was das Digitale vom Analoge unterscheidet. Um die Zeit erlebbar zu machen, vielleicht durch Nicht-Tun, die Opt-Out-Option oder das bewusste Nutzen digitaler Medien in Familie, Schule und Alltag.

Fragen der personalen Selbstbestimmung werden individuell wie gesellschaftlich relevanter. Und die zeitlose philosophische Frage schon in der Antike, was das gelingende glückliche Leben ausmacht, im Zuge der Digitalisierung neu diskutierbar.

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v vgl. https://www.kinderrechtskonvention.info/ (abgerufen 18.10.2017)