Blogbeitrag von Martina Bernasconi

Ich dich auch – Liebe und Gemeinschaft

Wenn ein Mensch zu mir sagt, „Ich liebe dich“, ist das schön. Ich bin mir aber nie gewiss, ob er/sie mich oder die Vorstellung, die er/sie von mir hat, meint.

Ich liebe dich

Im 13-bändigen „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ ist „Liebe“ eingeklemmt zwischen „Lichtung“ und „Limbus (Saum/Gürtel)“. Das bringt uns hier nicht weiter. Auch dass der Artikel 38 Seiten lang ist, hat wenig Relevanz. Liebe scheint etwas individuelles, ja, manchmal fast solipsistisches zu sein. Ich werde hier versuchen, “Liebe“ mit Gemeinschaft, Liebe mit einem Du zusammen zu denken. Helfen werden mir meine Erfahrungen, meine akademischen und philopraktischen Erinnerungen. Ich hoffe, das wird spannend.

„Liebe“ gibt’s in allen Sprachen: Liebi, love, amore, amour. Als Teenager hatte ich meinen Spass, in möglichst vielen Varianten „Ich liebe dich“ sagen zu können. (Das Russische war auch dabei: Ja ljublju tebja.) Es fiel mir auf, dass „Liebe“ rückbezüglich ist. Neben dem „Ich“ gibt es ein „Dich“. Heisst das, lieben geht nur zu zweit? Meine Lebenserfahrungen sagen nein; schmerzlich wurde mir bewusst, dass „Ich liebe dich“ nicht zwingend ein reales Du ansprechen muss. Meine Jugendliebe beendete nämlich unsere Beziehung mit den Worten: „Ich war bloss in das Verliebtsein verliebt und nicht in dich“.  Ich selber als Person war also bloss Auslöserin für ein Gefühl eines Anderen. Mir half damals auch nicht, dass wir später im Philosophieunterricht dieses „Verliebtsein in das Verliebtsein“ diskutierten und ich erkennen musste, dass mein damaliger Freund nicht mal mit seinen eigenen Worten, sondern mit einem Zitat (war es von Goethe, Thomas von Aquin oder Roland Barthes?) mit mir Schluss machte. Bitter. „Ich liebe dich“ ist also nicht prinzipiell auf ein „Du“, auf etwas Gemeinsames angewiesen.

Einige Jahre später wurde ich von meiner Schwester gebeten, an ihrer Hochzeit etwas über die Liebe vorzutragen. Naiv ging ich auf die Suche, durchkämmte literarische und philosophische Texte, dachte, das wird doch kein Problem sein. In der Tat: ich stiess auf hunderte von „Liebestexten“, stellte aber erschreckend fest, dass die poetischsten Texte vor allem von persönlichem Unglück, von Schmerz, Trennung und Leid handelten. Also nichts für eine Hochzeit.

Der Mensch wird erst am Du zum Ich (Martin Buber)

Die kleinste Form einer Gemeinschaft ist das Paar. Ein Liebespaar hat somit formal immer etwas mit Gemeinschaft zu tun. Während meines Philosophiestudiums stiess ich auf ein Zitat des Religionsphilosophen Martin Buber: „Der Mensch wird erst am Du zum Ich.“ Wie bei der Aussage „Ich liebe dich“ kommt hier ein „Ich“ und ein „Du“ vor. Was mich an diesem Satz von Buber beeindruckte und immer noch beeindruckt, ist die Umkehrung des Verhältnisses von Ich und Du. Das Ich ist nicht vorgängig und spricht ein Du an, sondern erst dadurch, dass es ein Du gibt, entsteht das Ich. Für mich hat dieser Satz viel mehr mit Liebe, mit Gemeinschaft und Zusammensein zu tun als das „Ich liebe dich“.

Wenn ein Mensch zu mir sagt, „Ich liebe dich“, ist das schön. Ich bin mir aber nie gewiss, ob er/sie mich oder die Vorstellung, die er/sie von mir hat, meint. Wenn mir hingegen jemand sagt: „Es ist die Begegnung mit dir/mit deinem Du, die mich zum Ich, zu dem, was ich bin, macht.“, existiert etwas wirklich Gemeinsames. Es ist keine Verschmelzung von Ich und du, sondern Existenzbedingung.

 

Über die Autorin

Beitrag von Martina Bernasconi,
1985 – 1992
Studium der Philosophie, Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaften an der Universität Basel.
1992 – 1995
Promotionsstudium an der Freien Universität Berlin bei Axel Honneth.
1995 – 1996
Forschungsstipendiatin des Schweizerischen Nationalfonds an der New School for Social Research in New York.
1997 – 2001
Lehrauftrag am Philosophischen Seminar der Universität Basel und der Fachhochschule beider Basel (heute FH NW).
2002
Gründung der Philosophischen Praxis DENKPRAXIS.
2003-2010
Lehrerin für Philosophie, Psychologie und Pädagogik am Freien Gymnasium Basel.
2004 - aktuell
Lehrauftrag für Sozialwissenschaft, Berufsfachschule Gesundheit Basel Landschaft (BfG), Abteilung Berufsmaturität.

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