Blogbeitrag von Prof. Dr. Edith Düsing

Grundtypen von Freundschaft und Liebe – Schatten und Glück der Gemeinschaft

Das echte Gespräch erfüllt sich, wenn Partner sich einander in Wahrheit zuwenden, frei vom eitlen Scheinenwollen; nur so entsteht gemeinschaftliche Fruchtbarkeit.

 

Die griechische Sprache kennt drei Worte für Liebe: Eros, Agape, Philia, [1] die zwei Jahrtausende mit ihrer Leuchtkraft in Europa fortwirkten, Eros als leibliche Liebe so, wie Plato ihr im Symposion Ausdruck verlieh, Agape als göttliche Liebe so, wie Paulus und Johannes sie im Neuen Testament erklären. Eros ist zu charakterisieren als ein im Anderen, im geliebten Du sich selbst Suchen und Finden, Agape als sich verschenkende Hingabe seiner selbst in einer Liebe, die nicht gibt, um wieder zu nehmen; das ist das Einzigartige göttlicher Liebe, die in Christus Leibgestalt wurde. Philia heißt freundschaftliche Liebe, die Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik würdigt. Sie bedeutet gemeinsames Streben zu einem hohen Ziel und beglückendes Verbundensein in der Suche nach Tugend oder Weisheit. Freundschaft ist für Aristoteles eine Tugend, die auch Staaten erhält. [2] Er unterscheidet drei Arten von Philia; sie ist gut, Lust bringend oder nützlich. Menschen, die des Nutzens oder der Lust willen Wohlwollen für einander hegen, lieben aber nicht einer den anderen an sich, sondern nur, was von ihm ausgeht und für das eigne Ich Vergnügen oder Nutzen bringt. Um seiner selbst willen wird der Freund nur geliebt und ihm das Beste gewünscht in der Freundschaft, die er die vollkommene nennt; in ihr gilt Philia der ganzen Person des Anderen. Philia schließt Mitfreude an Schönem und Gutem ebenso wie Mitleiden an Üblem in sich ein, das den anderen betrifft. Kant krönt seine Darlegung von Tugenden und Pflichten des Menschen sich selbst und anderen gegenüber feierlich mit dem „Beschluß“ unter dem Titel: „Von der innigsten Vereinigung der Liebe mit der Achtung in der Freundschaft“. Sie bedeutet Gemeinschaft von zwei Personen durch ähnlich starke „wechselseitige Liebe und Achtung“. Sie sucht Teilnahme und sich Mitteilen, lebt ein Maximum an herzlichem Wohlwollen. Die Zartheit im sich Verstehen, ja eine „Süßigkeit der Empfindung“ - so nähert Kant die Philia kühn dem Eros an, - geht bis zum gefühlten „Zusammenschmelzen in eine Person“. Freundesliebe könne aber nicht im Affekt gründen, weil dieser in der Wahl „blind“ und in der Treue leicht „verrauchend“ ist. Freunde leben, so Kants Idealbild, „das völlige Vertrauen in wechselseitiger Eröffnung ihrer geheimen Urteile und Empfindungen, so weit sie mit beiderseitiger Achtung gegen einander bestehen kann“. [3] - Das je Besondere von Eros, Agape und Philia schließt Überschneidungen und in der Lebensrealität fließende (oder sprunghafte) Übergänge offenbar mit ein, von Eros oder Philia in Richtung Agape oder umgekehrt von Agape zur Philia, von Philia zum Eros hin. Heikel jedoch ist das Überspringen von Agape hin zum Eros, als Päderastie von Lehrern oder Priestern.

In seine Soziologie hat G. Simmel ethische Reflexionen eingeflochten, z.B. einen Exkurs „Über Treue und Dankbarkeit“, [4] die er als kardinale Werthaltungen von verantwortlichen Personen ergründet, welche ein unsichtbares Fundament jeder Gesellschaft bilden, die nicht von Verfall bedroht ist. In seinem Kant nahen Person-Verständnis ist für Simmel selbstverständlich, daß der Mensch, der als Träger gewisser ihm zufallender oder auferlegter Rollen in Erscheinung tritt, stets zugleich in seinem individuellen und sittlichen Personsein die bloß erwartungsgemäße Erfüllung solcher Rollen überschreitet. Das Erblicken und Erfassen einer anderen Person, also der Versuch fremdseelischen Verstehens, formt nach Simmel durch geistige Aktivität dessen, der den Anderen verstehen will, ein Bild, das eine Mischung der intuitiv erahnten Einzigartigkeit des Du und der wahrgenommenen Typik ist. Der Andere ist nie bloß Träger der ihm momentan zukommenden sozialen Rolle. Freilich unterscheiden sich die Situationen der Begegnung darin, welches Maß der Überschreitung des Typischen die Beteiligten zulassen. In Freundschaft und Liebe eröffnen sie einander Facetten der verborgenen Innenseite ihrer Existenz, während sie – und dies macht im Vergleich zu solcher Intimität den gerade entgegen gesetzten Pol in einer breiten Skala aus – im wirtschaftlich-politischen Verkehr ihr eigen Geheimnis wahrende Personen bleiben. In der Stätte anonymen Alltagsverkehrs ist das individuelle Leben, der „Ton der Gesamtpersönlichkeit aus der Leistung verschwunden“. Zwischen den Extremen von Intimität und Anonymität bewegen sich die miteinander umgehenden Personen unablässig und bestimmen selbst das Maß an Vertrautheit oder Verschlossenheit ihrer Seele gegenüber Anderen. Dies Maß wird nach Simmels tiefer Schau gebildet durch eine eigentümliche, frei gewährte Synthese „des Sich-Offenbarens und Sich-Ver-schweigens“, die sogar für die intensivste Erlebnisgemeinschaft, Freundschaft und Liebe gelte.

Viele Phänomene menschlichen Seins und Tuns sind gut erklärbar durch eine gegenläufige Tendenz einerseits zu sozialer Nähe, andrerseits zu freier Selbstbestimmung, [5] letztlich durch eine tief sitzende Ambivalenz zwischen Ergriffenheit oder Hingabe und Abwehr von zu großer Nähe. Jeder Mensch muß eine sinngerechte Balance dieser beiden Dimensionen erringen, die Buber als Beziehung und Urdistanz bestimmt. Bedeutsame Wünsche, Pläne, Hoffnungen gewinnen ihr Gewicht durch Verlangen nach Zugehörigkeit, durch Suche - wie J. G. Fichte, an Adams Jubelruf über Eva erinnernd (1Mose 2,18), in musikalischer Bildrede erklärt - nach dem „gleichgestimmten Gegenbilde“ seiner selbst - oder durch Verlangen nach Unabhängigkeit als spontaner Eigenregie.

M. Buber hebt eine theologische Dimension für die wahrhaft gelingende Gemeinschaft hervor. „Das Du begegnet mir von Gnaden“, durch Suchen allein wird es nicht gefunden. Aber daß ich zu ihm das bejahende, wahrhaft persönlich den Anderen als ihn selbst meinende Grundwort Du spreche, ist „meine Wesenstat“. „So ist die Beziehung Erwähltwerden und Erwählen, Passion und Aktion in einem“; ich werdend spreche ich Du, Du sagend werde ich originales Ich. Das echte Gespräch erfüllt sich, wenn Partner sich einander in Wahrheit zuwenden, frei vom eitlen Scheinenwollen; nur so entsteht gemeinschaftliche Fruchtbarkeit. Hymnisch preist er: Solange wie „der Himmel des Du über mir ausgespannt ist“, schwinden die kausalen Determinationen eines gleichgültigen Universums; „der Wirbel des Verhängnisses“ zerrinnt, worin das Ich verloren war. Sinn und Zweck jeder Beziehung ist für Buber ihr eigenes Wesen, das ist die Berührung mit dem ersehnten Du; sie ist nicht Mittel für irgendetwas anderes. Denn durch solche Berührung „rührt ein Hauch des ewigen Lebens uns an“, [6] das bedeutet, wahre Begegnung ist ein Geschenk des Schöpfers an sein Geschöpf und verweist zuletzt auf ihn. Für Buber, so verbildlicht er seine dialogische Lehre vom Sein, schneiden sich die verlängerten Linien aller Beziehungen im Ur-Du, in Gott. Er steht in der Tradition, die jeden Menschen als ein Abbild Gottes zu verstehen sucht. 




[1] S. dazu E. Düsing, H.-D. Klein (Hg.): Geist, Eros und Agape. Untersuchungen zu Liebesdarstellungen in Philosophie, Religion und Kunst. Königshausen, Würzburg 2009.

[2] Aristoteles: Nikomachische Ethik. Hg. G. Bien, Hamburg 1972, 182-189.

[3] I. Kant: Metaphysik der Sitten, Akademie-Ausgabe Bd VI, 469-473.

[4] G. Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, 4. A. Berlin 1958, 438-447, bes. 23-29, 268ff.

[5] E. Düsing: Intersubjektivität und Selbstbewußtsein. Behavioristische, phänomenologische und idealistische Begründungstheorien bei Mead, Schütz, Fichte und Hegel. Dinter, Köln 1986.

[6] M. Buber: Das dialogische Prinzip, 3. A. Heidelberg 1973, 13ff, 65.

 

Über die Autorin

Beitrag von Prof. Dr. Edith Düsing, Studium der Philosophie, Mathematik, Pädagogik an der Universität zu Köln, Promotion 1977, Habilitation 1984, seit 1987 apl. Prof. Uni Köln, seit 2003 Gastdozentin für Philosophie an der Theologischen Hochschule Gießen