Blogbeitrag von Dr. Tatjana Noemi Tömmel

Elternliebe – Pflicht und Neigung

Zwischen Glückserwartung, Gebot und Gefühl angesiedelt, berührt die elterliche Liebe immer die Frage nach dem guten Leben – der Eltern und der Kinder.

 

Unser Begriff von „Liebe“ changiert meistens zwischen Beschreibung und Norm, also zwischen dem, was ist – was wir beobachten, erfahren und fühlen – und dem, was sein soll. Wer über Liebe spricht, wählt aus der empirischen Vielfalt der Liebesbeziehungen bestimmte Idealtypen aus. In diesem Punkt unterscheidet sich die Elternliebe nicht von anderen Liebesbeziehungen: Auch hier vermischt sich die Beschreibung einer spontanen, intensiven Gefühlsbindung, die die meisten Eltern empfinden und die manchmal als „Instinkt“ aufgefasst wird, mit der Norm einer durch und durch altruistischen, selbstlosen Haltung. Vor allem die Mutterliebe gilt vielen Denkern traditionell aufgrund dieser „Selbstlosigkeit“ und „Reinheit“ als Paradigma wahrer, d. h. moralisch vorbildlicher Liebe.(1)

Was ist das besondere an der Elternliebe? Worin unterscheidet sie sich von anderen Liebesbeziehungen?

Einzigartig an der Elternliebe ist erstens, dass sie der Existenz ihres Liebesobjektes und damit auch allen seinen Eigenschaften vorausgehen kann: Im Kinderwunsch ist die Liebe früher da als das Geliebte. Im Bewußtsein der Möglichkeit, Eltern werden zu können, stellen sich Menschen ein Wesen vor, dem sie sich widmen wollen, und das in dieser Vorstellung schon auf eine vage Weise geliebt wird. In einer Zeit, in der Kinder weder von individuellem ökonomischem Nutzen noch unvermeidbare Folge sexueller Beziehungen sind, ist dieser Ansatz eine plausible Erklärung für den Kinderwunsch: So wünschen sich Menschen Harry G. Frankfurt zufolge vor allem deswegen Kinder, weil sie davon ausgehen, dass die Liebe zu ihnen ihr Leben bereichern und ihm einen Endzweck geben wird.(2)

Zweitens ist die Liebe zwischen Eltern und Kindern, im großen Gegensatz zur Freundes- oder Paarliebe, immer eine Liebe zwischen Ungleichen, also eine asymmetrische Beziehung. Das (anfängliche) Machtgefälle zwischen Eltern und Kindern – hier völlige Abhängigkeit und Schutzbedürftigkeit, dort fast grenzenlose Gestaltungsfreiheit – verleiht der Elternliebe eine besondere Dramatik: Für eine gelingende Entwicklung sind Kinder schlicht darauf angewiesen, dass ausgewählte Personen feinfühlig auf ihre Bedürfnisse reagieren. Die dritte Besonderheit der Elternliebe besteht also darin, dass sie als im wörtlichen Sinne grundlegende Anerkennung(3) auch moralisch geboten ist.

Diese moralische Notwendigkeit scheint der Grund zu sein, warum die Elternliebe häufig als durch Pflicht und Verantwortung geprägteinteressefreie Sorge um die Existenz“(4) des Geliebten beschrieben wird. Der Topos elterlicher, traditionell vor allem mütterlicher Aufopferung und Selbstverleugnung(5) ist allerdings sowohl deskriptiv als auch normativ problematisch und vor allem aus feministischer Sicht immer wieder kritisiert worden.(6)

So wenig sich Verantwortung und Fürsorge aus der Elternschaft ausklammern lassen, scheint die ausschließliche Konzentration auf die „interessefreie Sorge“ wesentliche Elemente der tatsächlichen Elternschaft zu vernachlässigen. Elternliebe ist gewöhnlich keine reine caritas, und wenn sie es wäre, würde ihr vermutlich das entscheidende Moment der Lebendigkeit fehlen. Eltern wollen (im Idealfall) ja nicht nur das Beste für ihre Kinder, sondern lieben sie mit ihrem ganzen Leib und ihrer ganzen Seele – sind entzückt von ihrer Schönheit, staunen über ihre Entwicklung, leiden mit ihrem Kummer, genießen die Nähe und freuen sich über alle Maßen, wenn ihre Liebe schließlich sichtbar erwidert wird.

So ist die Liebe zwischen Eltern und Kindern zwar asymmetrisch, aber dennoch wechselseitig. Angelika Krebs‘ Kritik an zwei vorherrschenden Liebesmodellen, nämlich dem der „Symbiose“ und dem der „Fürsorge“, gegen die sie das „Dialog“-Modell setzt,(7) ist auch für die Eltern-Kind-Beziehung relevant. Das Kind ist weder Teil der Eltern noch eine bloß unreife Person, sondern ein kreativer Akteur innerhalb der Beziehung, die sich trotz der Ungleichheit der Partner durch einen dialogischen Austausch bildet.(8) Nur wenn man diese spielerische Kooperation, in der die Welt gemeinsam (neu) entdeckt wird, und die dabei geteilten Gefühle ernst nimmt, lässt sich erklären, warum Elternschaft heute bei allen Mühen und Entbehrungen im Allgemeinen als eine Quelle des Glücks und der Lebensbereicherung erlebt wird und nicht als selbstloses Opfer. So scheint das „Interesse an der Stiftung und Erziehung der nächsten Generation“(9) nicht nur im altruistischen Gebenwollen zu wurzeln, sondern ganz wesentlich in jener sinnlich-leiblich-emotionalen Verbundenheit, in der die Eltern von der Liebe ihrer Kinder beschenkt werden. Vor diesem Hintergrund scheint das Verständnis von Elternliebe als selbstlose Aufopferung nicht nur eine mangelhafte Beschreibung des Phänomens zu sein, sondern verfehlt auch seinen normativen Zweck: Denn wenn es stimmt, dass Eltern ihren Kindern die Liebe zum Leben vermitteln sollen, müssen die Liebenden selbst glückliche Menschen sein.(10)

 

 

Quellen

  1. Erich Fromm, Die Kunst des Liebens, Ulm 2003. Nel Noddings, Caring. A feminine approach to ethics and moral education, Berkeley 1984. Emmanuel Levinas, Totalität und Unendlichkeit. Freiburg/München 1987. Harry G. Frankfurt, Gründe der Liebe, Frankfurt am Main 2004.
  2. Zum ganzen Absatz: Frankfurt, Gründe der Liebe.
  3. Axel Honneth, Kampf um Anerkennung: Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt am Main 1994.
  4. So definiert Harry G. Frankfurt die „Liebe“ im Allgemeinen, der die Elternliebe in seinen Augen am nächsten kommt: ders., Gründe der Liebe, S. 47.
  5. Vgl. dazu: Dieter Thomä, Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform, München 1992.
  6. Vgl. Simone de Beauvoirs klassische Analyse der Mutterschaft: Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht: Sitte und Sexus der Frau. Reinbek bei Hamburg 2000, sowie Adrienne Rich: Of Woman Born: Motherhood as Experience and Institution. Norton 1976.
  7. Angelika Krebs, Zwischen Ich und Du. Eine dialogische Philosophie der Liebe, Berlin 2015.
  8. Vgl. dazu aus philosophischer Sicht: Tatiana Shchyttsova, Jenseits der Unbezüglichkeit. Geborensein und intergenerative Erfahrung, Würzburg 2016. Eine hervorragende Darstellung der frühen Dialogizität der Eltern-Kind-Beziehung aus entwicklungspsychologischer Sicht bietet: Vasudevi Reddy, How infants know minds, Cambridge 2010.
  9. Erik Erikson, Kindheit und Gesellschaft, Stuttgart 1979, S. 261.
  10. Erich Fromm, Die Kunst des Liebens.

 

 

Über die Autorin

Blogbeitrag von Dr. Tatjana Noemi Tömmel, sie studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Philosophie in München, Berlin und Paris. 2008 begann sie ihr Promotionsstudium in Philosophie, gefördert durch das Exzellenz-Cluster „Languages of Emotion“ an der Freien Universität Berlin. Die Arbeit an ihrer Dissertation über den Liebesbegriff bei Martin Heidegger und Hannah Arendt führte sie 2009/10 an die Universität Yale in den Vereinigten Staaten. Im Sommer 2012 wurde sie bei Axel Honneth an der Goethe-Universität Frankfurt am Main promoviert. 2012-13 war sie als Marie Curie Early Stage Researcher im Center for Subjectivity Research an der Universität Kopenhagen beschäftigt. Seit Herbst 2013 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Sozialphilosophie, Ästhetik, Ethik und Existenzphilosophie.