Blogbeitrag von Dr. Johannes Hattler

Die Liebe sehnt sich nach einem Wir

Robert Nozicks Analyse der partnerschaftlichen Liebe

Robert Nozick hat in seinem späteren Essay „Das Band der Liebe“ eine einflussreiche Theorie der Liebe skizziert. Liebe ist für ihn wesentlich eine Identifikation mit der geliebten Person. Je nach Grad der Liebe macht sie uns daher auch anfällig: „Liebe kann einen somit unter anderem in Gefahr bringen. Schlimme Dinge, die dem oder der Geliebten geschehen, geschehen einem selbst. Aber das gilt auch für gute Dinge; außerdem hilft einem jemand, der einen liebt, mit Fürsorge und Trost dabei, Wechselfällen zu begegnen – nicht aus Eigennutz, auch wenn es ihm zu Teil dabei hilft, auch sein eigenes Wohlbefinden aufrechtzuerhalten, wenn er das tut.“ (76f) Somit ist auch Selbstlosigkeit ein wesentliches Kriterium der Liebe. Ergänzend, und für Nozicks Phänomenanalyse entscheidend, ist der Wunsch der Liebenden, ein Wir zu bilden. Dies ist das wichtigste Kriterium romantischer Liebe. Es spezifiziert zudem die vorherigen Kriterien: „Menschen, die ein Wir bilden, legen nicht nur ihr Wohlergehen zusammen, sondern auch ihre Autonomie.“ (77). Das Paar will und wird Entscheidungen und Rechte, die das jeweils andere und das gemeinsame Leben betreffen, in einen gemeinsamen Fonds übertragen. Die Individuen geben damit nicht ihre Identität auf, aber sie verändern sich mit Blick auf das gemeinsame Wir. Liebe ist für Nozick wesentlich die Transzendierung hin auf eine intersubjektive Gemeinschaftsidentität.

 

Es gibt Spielarten des Wir: Das individuelle Ich kann sich primär als Teil dieses Wir verstehen oder das Wir als sehr wichtigen Aspekt seiner Selbst (79). Ferner will die Liebe den anderen voll besitzen und gleichzeitig seine Autonomie bewahren. Die Liebe als Band ist aber kein Verhältnis von Herr und Knecht. „Nur jemand, der weiterhin eine nicht untergeordnete Autonomie besitzt, kann ein geeigneter Partner in einer Gemeinschaftsidentität sein, die die eigene Identität vergrößert und fördert.“ (79f) Der Wunsch nach Besitz ist dabei kein Streben nach Beherrschung, sondern: „Was man braucht und will, ist, den anderen so völlig zu besitzen, wie man die eigene Identität besitzt.“ (80) Für Nozick ist der Wunsch nach dieser vergrößerten Identität, der Wunsch uneingeschränkt Liebe zu schenken und zu empfangen, die „man uns im ödipalen Dreieck der Kindheit nicht gab“ (80).

 

So kann er die Bedürftigkeit der Liebe betonen: „In der vollen Vertrautheit der Liebe wird der ganze Mensch erkannt und gereinigt und angenommen. Und geheilt.“ (81) Dennoch ist es nicht die egoistische Perspektive, die uns beherrscht. Die Liebe zielt auf den anderen und auf die Beziehung (87). Wenngleich wir des anderen bedürfen, und die Erfahrung geliebt zu sein es uns allererst ermöglicht, Liebe zu schenken, so ist es dennoch der andere, dem unsere Liebe gilt. Sein Charakter oder sonstige Eigenschaften mögen dabei ein erster Auslöser sein. Die Verliebtheit, die uns dazu verhilft, die Grenzen eigener Autonomie durchlässig zu machen, hat eine unerlässliche funktionale Bedeutung, um ein Wir zu bilden. Nozick hat ein Ideal vor Augen kennt aber die zynische Perspektive und Überlegungen ökonomischer Klugheit; letztere sind nicht vollkommenen unzutreffend, aber dennoch äußerlich (83).

 

Demgegenüber innerlich schließlich ist das letzte Kriterium, die Nicht-Ersetzbarkeit. Die partnerschaftliche Liebe ist dasjenige Phänomen, bei dem uns die Einmaligkeit und Unersetzbarkeit des Geliebten besonders evident ist: Die geliebte Person ist ein konkretes Individuum, für die es niemals eine gleichwertigen Ersatz gibt. Was jedoch macht diese Unersetzbarkeit aus? Eine Liste seiner Eigenschaften kann es nicht sein. Denn das würde bedeuten, dass eine andere Person, die diese Eigenschaften in höherem Maße besitzt, vorgezogen werden müsste. Die Nicht-Ersetzbarkeit ist noch in anderer Hinsicht problematisch: Obgleich es dem Verliebten als Wahrheit erscheint, dass das geliebte Wesen das unersetzbar richtige Gegenstück darstellt, ist es ein unplausibler Gedanke, dass es gerade dieses Jahrhundert bewohnt. Dafür bedarf es schon eines äußerst glücklichen Zufalls (88); oder, so kann man ergänzen, des platonischen Kugelmenschenmythos bzw. eine göttlichen Garantie, will man für dieses Glück den Zufall ausschließen.

 

So problematisch der Sachverhalt der Einmaligkeit philosophisch sein mag, so evident erscheint er den Liebenden. Niemals gleichen sich zwei Menschen hinsichtlich ihrer Züge. Und wenn wir jemanden lieben, dann nicht wegen einer bestimmten Merkmalskombination oder „Punktezahl“ in Bezug auf diese Merkmale, sondern ihre bzw. seine besondere Version dieser Merkmale und Züge (88f).

 

Zwei weitere Aspekte sind erhellend: Zum einen betont er, „dass das romantische Begehren dahin geht, mit diesem bestimmten Menschen und mit keinem anderen ein Wir zu bilden. Im starken Sinne des Begriffs von Identität kann man ebenso wenig Teil von vielen Wirs sein, die die eigene Identität bilden, wie man gleichzeitig viele individuelle Identitäten haben kann.“ (89) Diese starke Verbindung der Identität des Wir mit der persönlichen Identität legt nahe, dass unsere Liebe zu einem bestimmten anderen mit unserer eigenen Identität verbunden ist. Deshalb auch sind Gründe für unsere Liebe subjektiv, aber zudem objektiv. Die Passung für die Bildung eines Wir wird in einem intersubjektiven Prozess geprüft.

 

Zum anderen wird der diachrone Aspekt der Liebe von Nozick mehrfach betont, so z.B. in Bezug auf das Kind: „Die Ehe kennzeichnet eine volle Identifizierung mit diesem Wir [...] Wie Ei- und Samenzelle zusammenkommen, sind zwei Biographien zu einer geworden. Das erste Kind des Paares ist ihre Vereinigung – ihre frühere Geschichte war vorgeburtlich.“ (93)

 

Literatur:

Nozick, Robert. Das Band der Liebe. In: Vom richtigen, guten und glücklichen Leben, hrsg. ders., 74-95. München/Wien: Hanser Verlag, 1991 (engl. 1989. Love‘s Bond. In The Examined Life, ders., 68-86. New York)